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Grafik: TSEW

Wenn die Welt zum Fürchten ist

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 06 / 2021

Anke von Legat | 8. Februar 2021

Für Zeiten wie unsere hat der Glauben einen besonderen Ausdruck gefunden: die Klage. In ihr darf alle Not ausgesprochen werden, ohne vorschnelle Beschwichtigungen.

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Fürchtet euch nicht!, hieß der Satz des vergangenen Weihnachtsfestes. Ein Trost-Satz, ein Mutmach-Satz. Eine Erinnerung daran, dass in unserer Welt Inzidenz-Werte, Impfstatistiken und Virus-Mutationen zwar mächtig sind, aber nicht das letzte Wort haben.

Aber die Weihnachtszeit ist vorbei. Unser Lockdown-Alltag wird weiter von der Corona-Wirklichkeit bestimmt, die uns abschneidet von anderen Menschen, von Kultur, Reisen, Sport, Festen, ja sogar dem gemeinsamen Singen und Beten im Gottesdienst. Der erzwungene Verzicht auf so vieles, was Leib und Seele gut tut, laugt aus und macht dünnhäutig. Alle vernünftigen Einsichten in den Sinn der Corona-Maßnahmen helfen dann nicht weiter, und das „Fürchte dich nicht“ klingt manchmal fast wie Hohn.

Die Welt ist doch zum Fürchten! Das wird uns selbst im reichen, sicheren Westeuropa gerade wieder klar. Ungewissheit, Erschöpfung, Sorgen um Gesundheit und Leben bei uns und unseren Lieben, um Arbeitsplätze und Belastungen für Kinder und Enkel – all das ist da, nimmt Raum in unserem Leben. Aber lassen wir ihm auch Raum in unserem Glauben? Oder kommen wir zu schnell mit den Mutmach- und Durchhalte-Sätzen, die nicht viel mehr sind als ein „Das wird schon wieder“?

Nicht von ungefähr hat der Glaube für Zeiten existenzieller Unsicherheit einen besonderen Ausdruck gefunden: die Klage. Die Beterinnen und Beter der Psalmen machen es vor. In der Klage darf all das, was uns bedrückt, erst einmal sein, ohne vorschnelle Beschwichtigung, ohne billigen Trost: Trauer genauso wie Einsamkeit; Angst vor der ungeklärten Zukunft ebenso wie Enttäuschung, dass es noch immer nicht besser wird. In der Klage findet die chaotische, widersprüchliche, unerlöste Welt ihren Raum und unser Leiden daran seine Form; manchmal in vielen Worten, manchmal auch einfach nur im Schweigen, vielleicht mit Tränen vor Gott gebracht: Die Welt ist nicht auszuhalten. Wie soll das gehen, Gott?

Unsere Hoffnung dabei ist, dass wir nicht unter einem leeren Himmel klagen, in dem unsere Worte im Nichts verhallen, sondern vor Gott, der hört, der sich zuwendet, der sich bewegen lässt. So wie die Beter der Psalmen, die Gott anflehten, ja, manchmal sogar ganz unverhohlen aufforderten: Sieh dir an, wie ich leide, wie wir leiden. Sieh dir an, wie falsch die Welt ist. Deine Verheißung sagt doch etwas anderes. Wo bleibt das Heil, das du uns versprochen hast? Lass dich bewegen, Gott, und verändere etwas!

Nicht immer ist nach der Klage alles gut. Manchmal bleibt die Welt danach ebenso dunkel wie vorher, und die Hoffnung darin hat kein größeres Gewicht als ein glimmender Docht.

Manchmal aber verändert die Klage auch etwas – zum Beispiel, wenn sich die Klagenden durch das Gebet hindurch erinnern lassen an Gottes andere Wirklichkeit, die so viel mehr verspricht als das, was wir im Moment sehen und erkennen können.
Dann kann die Hoffnung wirklich zu leuchten beginnen: Das letzte Wort in dieser Welt hat Gott. Darum fürchtet euch nicht!

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