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Zusammen essen gehen, ohne Sicherheitsabstand. Die Sehnsucht danach ist groß – ebenso die Hoffnung, dass das bald wieder möglich ist. (Foto: epd-bild / Sara Lipowitz)

Ein langes Jahr

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 06 / 2021

Paula Konersmann | 10. Februar 2021

Ein Jahr Corona. Zwischen Pandemie-Blues und dem kleinen Glück: Ein Virus stellt den Alltag auf den Kopf.

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Zusammen essen gehen, ohne Sicherheitsabstand. Die Sehnsucht danach ist groß – ebenso die Hoffnung, dass das bald wieder möglich ist. (Foto: epd-bild / Sara Lipowitz)

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Er lese gerade „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, sagt jemand. Antwort: „ Ach, hör mir auf mit diesen Corona-Geschichten.“ Der Gag spielt auf einen Literaturklassiker des frühen 20. Jahrhunderts an. Der Titel des siebenbändigen Romans von Marcel Proust könnte in der Tat auch die vergangenen Monate beschreiben. Im Corona-Jahr kam bisweilen das Gefühl auf, es handle sich um vertane Zeit. Und im Nachhinein erscheint es, als seien einem die Tage, Wochen, Monate durch die Finger geronnen.

Je emotionaler jemand etwas erlebt, desto mehr prägen sich die Ereignisse ein – und desto länger fühlt sich die Zeitspanne in der Erinnerung an. „Emotionen sind der Klebstoff für das Gedächtnis“, erklärt der Psychologe Marc Wittmann. Erinnerungen an einen Urlaub sind deswegen lebhafter als die an eine Phase des Alltagstrotts.

Ereignisse, die ein Jahr strukturieren, fehlen

Wer an 2020 zurückdenkt, sieht eher einen grauen Einheitsbrei vor dem inneren Auge. Ereignisse, die andere Jahre strukturieren – Feste, Reisen oder kleine Höhepunkte wie Konzerte –, fehlen. „Alles Chronische, diese hartnäckig andauernde, gleichbleibende Bedürftigkeit – es langweilt“, schreibt die US-Lyrikerin Lisa Olstein über ihre Migräne, und es passt auch zur Corona-Krise.

Das Zeitgefühl verschwimmt, ein Endpunkt bleibt unklar, belastbare Planung ist schwierig. „Am schlimmsten ist Warten in Unsicherheit“, sagt Wittmann. Wer sich auf einen bestimmten Zeitraum einstellen könne, dem falle das Warten leichter – das kenne jeder, der auf einen verspäteten Zug warte.

Die aktuelle Situation führe darüber hinaus zu einer Spaltung, so der Psychologe: „In diejenigen, die darauf warten, dass ihr Lieblingsrestaurant wieder öffnen darf – und in diejenigen, die darauf warten, dass sie in diesem Restaurant wieder arbeiten dürfen.“
Dieses Spannungsfeld offenbart in gewisser Weise die Tragik des modernen Menschen: „Er will zwar die absolute Kontrolle über die Befriedigung seiner Sehnsüchte, ist sich jedoch nicht klar darüber, dass er diese Autonomie nur durch die Abhängigkeit von anderen erlebt“, heißt es beim niederländischen Philosophen Coen Simon.

Dabei können Kleinigkeiten einen großen Unterschied machen. So kann sich der positive emotionale Effekt einer Zufallsbegegnung auf das Zeitempfinden auswirken – und sie lockert den Alltag auf, was sich dieser Tage vielleicht daran zeigt, dass besonders viele Menschen beim Bäcker oder am Postschalter einen kleinen Plausch halten.

Vielfach macht sich Ernüchterung breit

Denn viele vermissen nicht nur die Highlights – auch der Alltag ist nicht das, was er einmal war. „Es kommen ständig neue Corona-Bestimmungen, und wir müssen darauf reagieren und uns neu organisieren“, sagt die Volkskundlerin Katrin Bauer. Hinzu kommt nach Monaten voller Beschränkungen ein gewisser Überdruss – selbst bei Zeitgenossen mit sonnigem Gemüt. „Zu Beginn der Pandemie haben viele Menschen der Oma das Skypen beigebracht, und das wurde zu Weihnachten wieder verstärkt genutzt. Das ist viel wert, aber es ist nicht dasselbe wie ein physisches Treffen“, sagt Forscherin Bauer. Vielfach mache sich Ernüchterung breit: „Im Frühjahr war es noch aufregend, sich zum virtuellen Familienbrunch zu treffen – mittlerweile ist daraus Routine geworden.“

Umso wichtiger sei es, sich selbst kleine Highlights und „außeralltägliche Reize“ zu schaffen, betont Bauer. „Etwas anderes zu erleben als die Routine, Freiräume zu genießen“, das fehle den Menschen in Corona-Zeiten.

Psychologen raten dazu, gerade deshalb an einem festen Tagesablauf festzuhalten und im Rahmen der Möglichkeiten aktiv zu bleiben. Wichtig sei, ausreichend zu schlafen, soziale Kontakte zu pflegen und auf sich selbst zu achten, sagt etwa der Psychiater Klaus Lieb. Auch zu starker Medienkonsum habe laut Studien „eindeutig“ die Verunsicherung gesteigert.

Helfen kann es auch, ein Tagebuch zu schreiben: scheinbar unbedeutende Ereignisse festzuhalten, etwa jeden Tag eine Begebenheit, für die man dankbar ist. Das empfiehlt Sabine Henning, die als Redakteurin bei Andere Zeiten e.V. unter anderem für die Fastenbriefe verantwortlich ist. „Vielleicht“, sagt sie, „ist es das fast Unmerkliche, das dem Leben in diesen Zeiten einen Geist der Erneuerung einhaucht“.

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