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Nicht nur für Gottesdienste im Internet sorgt „kirche.plus“, sondern auch für die interaktive Gesprächsrunde „Einfach da“. Hier plaudern Wolfgang Loest (rechts) und Andreas Flor über Humor in der Kirche. (Fotos: Andreas Duderstedt)

Gottesdienst in der Jogginghose

Kirche Online

Aus der Printausgabe - UK 05 / 2021

3. Februar 2021

Nicht erst durch die Corona-Pandemie engagiert sich der Lipper Pfarrer Wolfgang Loest in der digitalen Kirchenwelt. Doch die Krise hat ihn in seiner Aktivität bestärkt und angetrieben.

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Nicht nur für Gottesdienste im Internet sorgt „kirche.plus“, sondern auch für die interaktive Gesprächsrunde „Einfach da“. Hier plaudern Wolfgang Loest (rechts) und Andreas Flor über Humor in der Kirche. (Fotos: Andreas Duderstedt)
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Simon Engel (13) an der Technik. Er gehört zum Team der Ehrenamtlichen.

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Gottesdienst am Sonntagmorgen. Der Pfarrer steht auf der Kanzel und predigt, die Gemeinde hört zu. Man stelle sich vor: Plötzlich ruft jemand dazwischen. „Das sehe ich aber ganz anders!“ So etwas würde als störend empfunden, der Prediger wäre wohl aus dem Konzept gebracht. Denn solche Beteiligung ist im herkömmlichen Gottesdienst nicht vorgesehen. Im digitalen Gottesdienst dagegen schon.

Christliche Gemeinschaft – auch im Netz

„Interaktion ist unglaublich wichtig“, sagt Pfarrer Wolfgang Loest. Er ist für das Projekt „kirche.plus“ zuständig. Das ist einer von derzeit zwölf „Erprobungsräumen“, mit denen die Lippische Landeskirche Neues und Ungewöhnliches ausprobieren und fördern will. Ziel ist es, „Menschen anzusprechen, die bisher wenig oder gar nicht im Blick unserer Kirche sind“, wie es auf der entsprechenden Internetseite heißt. Als lernende Kirche wolle man aktiv Veränderungen gestalten und christliche Gemeinschaft auf ganz verschiedene Weise lebendig machen.

Wolfgang Loest (38) ist mit halber Stelle Social-Media-Pfarrer in Lippe, die andere Hälfte seiner Arbeitszeit ist „kirche.plus“ gewidmet. Er und sein Team waren gerade mit den Vorbereitungen für Internet-Gottesdienste beschäftigt, als im Frühjahr die Corona-Pandemie ausbrach. Es ging ihm wie vielen anderen: „Eine Situation, in der plötzlich Gottesdienste nicht stattfinden, war für mich eigentlich unvorstellbar.“ Doch er konnte schnell reagieren. Nach zweieinhalb Tagen Vorbereitungszeit wurde am 15. März der erste Gottesdienst live „gestreamt“ – in Echtzeit im Internet übertragen. Bereits hier kam zum Tragen, was für Loest grundlegend ist: „Online ist Beteiligung.“ Die Gemeinde ist zwar nicht räumlich verbunden, aber dennoch versammelt. Und die Technik ermöglicht es, dass alle, die das wollen, per Chat-Funktion beispielsweise Fürbitten einbringen. Die werden dann aufgegriffen und gebetet.

Seitdem hat „kirche.plus“ fast jede Woche einen Gottesdienst via Internet gefeiert. Dabei konnte man Erfahrungen sammeln. Kreative Ideen sind entstanden. An der Technik wurde gefeilt. Auch die Aktion vor der Kamera hat sich weiterentwickelt. Denn was sich da im weltweiten Netz ereignet, ist nicht einfach ein abgefilmter Gottesdienst, betont Loest. Was Theologen „liturgische Präsenz“ nennen, ändert sich. „Ich bewege mich eher zielgerichtet als etwa in einer großen Kirche“, erklärt er. „Wenn ich keine Gemeinde vor mir sehe, kann ich natürlich keinen Augenkontakt aufnehmen, wie man das im Predigerseminar gelernt hat. Dagegen wird in einer leeren Kirche der Blickwinkel anders: nämlich stärker auf die Kamera konzentriert.“

Beglückend war und ist für ihn die Erfahrung, „wie viele helfende Hände plötzlich da sind, auch ganz unerwartet“. Viele entdecken neue Talente, etwa jener junge Mann, der noch nie ein Video geschnitten hatte. Kurz vor Weihnachten bot er gerade hier seine Hilfe an, fuchste sich in die Technik ein und lieferte gute Arbeit ab. Und fragte wenig später: „Wann darf ich wieder?“ Man merkt Wolfgang Loest die Freude und Begeisterung darüber an, „welche Mittel und Wege Gott findet, um Menschen anzusprechen“. Vom Elfjährigen bis zum Rentner; von der Frau, die sich in ihrer Kirche zu Hause fühlt, bis zu dem Skeptiker, der seit Jahrzehnten nicht mehr im Gottesdienst war – das 20-köpfige Team aus Ehrenamtlichen von „kirche.plus“ ist bunt und vielfältig.

Ohne Ehrenamtliche läuft nichts

Der Theologe ist überzeugt: „Ohne Ehrenamtliche würde es schlicht nicht gehen.“ Aber auch seine Pfarrerkolleginnen und -kollegen ebenso wie die anderen Hauptamtlichen in Kirchenmusik und Gemeindepädagogik lassen sich mit großer Neugier und Offenheit auf das Neue ein. Wolfgang Loest erzählt von einem ständigen Streben, besser zu werden und nicht stehen zu bleiben – „und dabei gibt es eine große Barmherzigkeit bei allem, was noch nicht so gut klappt. Was wir als ausgebildete Pfarrer über den Gottesdienst gelernt haben, ist unglaublich.“

Im Internet lassen sich die Zahlen feststellen, wie viele Menschen an so einem Gottesdienst teilgenommen haben. Weniger als 500 sind es fast nie. Auch wenn nachträgliche Aufrufe hinzukommen, oder manche nicht von Anfang bis Ende dabei sind – fest steht: Die Teilnehmerzahlen sind keineswegs kleiner als bei herkömmlichen Gottesdiensten.

Loest und seinen Mitstreitern geht es nicht nur darum, Menschen einen Gottesdienst zu ermöglichen, die nicht gut zu Fuß sind. Im Blick sind auch solche, für die das gemeinsame Beten und Hören auf Gottes Wort einfach nicht zwingend bedeutet, vor Ort zu sein. Nicht wenige, davon ist Pfarrer Loest überzeugt, wünschen sich Gottesdienst genau in der Form, die in ihr Leben passt – „nämlich zu Hause auf dem Sofa, mit einer Tasse Kaffee und in der Jogginghose“. Es gibt Menschen, die Online-Gottesdienste einfordern und nachfragen, falls das Angebot ausfällt. Das berührt die entscheidende Frage: „Wie alltagstauglich sind wir als Kirche?“

Aber, so wenden manche ein, sollen Gottesdienste nicht gerade eine Unterbrechung des Alltags sein, also etwas Besonderes, nicht Alltägliches, was sich vom üblichen Trott unterscheidet und abhebt? „Glaube und Gottesdienst gehören mitten in den Alltag“, hält der Theologe dagegen. Und kann auch mit historischen Begründungen aufwarten: Früher, in einer bäuerlichen Gesellschaft, habe der Hausvater zum Beispiel mitten in der Feldarbeit seine Leute zu Gebet und Andacht versammelt. „Dass der Gottesdienst außerhalb des Alltags steht, ist eine relativ moderne Erfindung.“

Hoffnung auf mehr Beteiligung

Und wie wäre es, wenn Teilnehmer zu Hause vor ihrem Computer tatsächlich mitten in der Predigt ihre Fragen, Zweifel oder Bedenken äußern würden? Das wäre ganz im Sinne von Wolfgang Loest. Noch ist das auch in den Online-Gottesdiensten nicht üblich. Aber er wünscht sich auch diese anspruchsvolle Form der Interaktion und möchte sie gerne trainieren. Denn „kirche.plus“ ist eine Lerngemeinschaft. Man könnte auch von einer konstruktiven Spielwiese sprechen.

Weitere Informationen im Internet: kirche.plus; www.erprobungsraeume-lippe.de

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 3. Februar 2021, 22:17 Uhr


Spielwiese - grübel-grübel...
Wie das Kind am PC lieber mit Freude spielen würde, als unter Druck, den Benotung so mit sich bringt, seinen Lehrstoff zu absolbvieren -
vom Sofa aus, auf der Stelle, den Predigttext zu hinterfragen, eröffnet ganz neue Perspektiven, die eine Menge Fragen nach sich ziehen, die zum Wägen anregen.

Puh - wenn ich da an meinen Konfirmandenunterricht zurückdenke...
Hätte ich damals nicht so viele Texte auswendig gelernt, hätte ich sie jetzt nicht, in welcher Not ich mich auch an welchem Ort befinde, parat.

Ersetzt das Handy, das ich jeder Zeit aus der Tasche zaubern kann und alles kann und weiß, im Ernst wirklich was ich selbst gespeichert habe?
Und - ehrlich - überholte sich Spielendes nicht auch immer von selbst?
Auf alles sofort eine Antwort zu erhalten, ist einerseits befriedigend, andererseits, hat sich mit Antworten zeitversetzt erst auseinander zu setzen, eigenen Wert.

Wenn allerdings die Diskussion, die alle Beteiligten selbst zur richtigen Antwort hinleitet gemeint ist, hat die Idee schon was:-)
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