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Phil Collins waehrend des Friedensnobelpreiskonzerts im Osloer Spektrum (Foto vom 12.12.1998). (Foto: epd)

Genialer Hitmacher

Musik

Alexander Lang (epd) | 30. Januar 2021

Der britische Sänger und Schlagzeuger Phil Collins wird 70.

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Phil Collins waehrend des Friedensnobelpreiskonzerts im Osloer Spektrum (Foto vom 12.12.1998). (Foto: epd)

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Frankfurt a.M. (epd). Er sei der «Antichrist» der Musik, ätzte einst Noel Gallagher, der Gitarrist der Britpop-Band «Oasis», mit kaum verhohlenem Neid. Phil Collins ist einer der größten Popstars überhaupt. In den 1980er und frühen 1990er Jahren führte der britische Sänger, Songschreiber und Schauspieler mit gefühlvollen Balladen und Tanzsongs die Hitparaden weltweit an. Der Schlagzeuger war mit seiner Progressive-Rockband «Genesis» und als Solokünstler äußerst erfolgreich - und so allgegenwärtig, dass es manchmal nervte. Seine Musik lief gefühlt auf allen Radiosendern, Collins saß in vielen Talkshows. Selbst Disney-Filme vertonte der umtriebige Kumpeltyp, der immer einen Witz parat hat. Am 30. Januar wird Phil Collins 70, er kam 1951 im Londoner Stadtteil Chiswick zur Welt.

   Als Fünfjähriger entdeckte er das Schlagzeugspielen für sich, und er macht immer noch Musik. Gesundheitlich ist Collins, der heute in Miami im US-Bundesstaat Florida lebt, nach jahrzehntelangem Bühnenleben allerdings angeschlagen. Er kann nicht mehr trommeln, geht am Stock. Auch seine nasale Stimme klingt längst nicht mehr so kräftig wie einst. Belastend hinzu kommt, dass die Regenbogenpresse sein chaotisches Privatleben genüsslich ausbreitet.

   Mehrfach hat Phil Collins den Rückzug von der Bühne angekündigt, sein letztes Studioalbum veröffentlichte er 2010. Doch 2017 ging er wieder mit seiner Soloband auf zweijährige Tour, spielte mit seinem Sohn Nicholas am Schlagzeug die Hits, die ihn berühmt machten. Auch gab es eine Wiedervereinigung mit seinen «Genesis»-Freunden Tony Banks (Keyboards) und Mike Rutherford (Gitarre), aber ohne den früheren Sänger Peter Gabriel und den Leadgitarristen Steve Hackett.

   Nach seinem Einstieg 1970 bei «Genesis» hat Collins zunächst seinen Platz im Hintergrund. Er ist nur der Trommler, der die rhythmisch vertrackte Begleitung zu epischen Songs wie «Carpet Crawlers», «Supper's Ready» oder «In The Cage» liefert. Als Sänger Peter Gabriel 1975 die Band für eine Solokarriere verlässt, übernimmt der von Selbstzweifeln geplagte Collins das Mikrofon. Mit untrüglichem Gespür für eingängige Songs lenkt er den verschnörkelten «Genesis»-Sound mit Titeln wie «Invisible Touch», «Land Of Confusion» oder «I Can't Dance» in kommerzielle Bahnen.

   Seine Karriere als Popstar explodiert geradezu, als er in Trauer über das Ende seiner ersten Ehe 1981 sein erstes Soloalbum «Face Value» veröffentlicht. Collins, der gerne den gut gelaunten Clown mimt, verarbeitet darauf mit schonungsloser Offenheit sein Scheidungstrauma. Der Titel «In The Air Tonight» mit dem berühmten,
knalligen Trommelwirbel am Ende ist bis heute das Markenzeichen von Collins und einer der einflussreichsten Popsongs der 1980er Jahre.

   Stets hat Collins mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen. Mit «Genesis» und als Solist produziert er ein preisgekröntes Erfolgsalbum nach dem anderen. Die Familie des fünffachen Vaters kommt dabei zu kurz, drei Ehen gehen in die Brüche. Seinen Frust und Schuldgefühle gießt Collins in Musik. Sentimentale Titel wie «Against
All Odds (Take A Look At Me Now)» (1984) oder «Another Day In Paradise» (1989) treffen den Nerv von Millionen Hörern. Andere finden ihn hingegen nur «uncool». Phil Collins ist ein König des Pop - und wird zur Zielscheibe von hämischen, auch hasserfüllten Angriffen.

   Der sensible Musiker macht weiter, hilft bei Freunden wie dem Bluesgitarristen Eric Clapton aus, produziert die Musik für zwei Disney-Filme: «Tarzan» (1999) und «Bärenbrüder» (2003). Sein Problem sei es, dass er nicht nein sagen könne, betont Collins immer wieder. Sein «Pflichtgefühl» gegenüber Mitmusikern, Management und den Fans sei einfach zu groß - und auch sein künstlerisches Ego, räumt er ein.

   Ausgelaugt gibt Collins 2004/2005 seine Abschiedstournee, zwei Jahre später jettet er mit «Genesis» dann doch noch einmal durch Europa und Nordamerika. In seinem Haus am Genfer See versinkt er danach in Depressionen und Alkohol. Mit seiner schweizerischen Ex-Frau Orianne liefert er sich derzeit einen Rosenkrieg, in dem es um Millionenzahlungen geht.

   Dass von ihm musikalisch noch einiges kommt, verspricht Phil Collins in seiner 2016 veröffentlichten Autobiografie «Not Dead Yet» (Noch nicht tot). Derzeit bremst das Coronavirus die nächste Tour: 19 Konzerte haben «Genesis» in Großbritannien und Irland für ihre «The Last Domino?»-Tour angekündigt, deren Start von 2020 auf April 2021 verschoben wurde.

Info

Phil Collins: Da kommt noch was. Not Dead Yet. Die Autobiografie (deutsch), München 2016. 24,99 Euro

Internet

Offizielle Homepage (deutsch): https://philcollins.de/
Phil Collins auf Facebook: www.facebook.com/philcollins
Offizielle Homepage «Genesis»: www.genesis-music.com

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