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Auf Familienfotos erhalten ermordete Häftlinge im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ein Gesicht. Sie werden zu Personen. Damit sie und die anderen unzähligen Opfer der Nazi-Diktatur nicht vergessen werden, gibt es den Holocaustgedenktag. (Foto: epd-Bild/Rolf Zöllner)

Damit sich Auschwitz nicht wiederholt

Holocaust-Gedenktag

Aus der Printausgabe - UK 04 / 2021

Leticia Witte | 27. Januar 2021

Der Historiker Magnus Brechtken hält den Holocaustgedenktag am 27. Januar für einen wichtigen „Erinnerungspunkt“.

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Auf Familienfotos erhalten ermordete Häftlinge im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ein Gesicht. Sie werden zu Personen. Damit sie und die anderen unzähligen Opfer der Nazi-Diktatur nicht vergessen werden, gibt es den Holocaustgedenktag. (Foto: epd-Bild/Rolf Zöllner)
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Magnus Brechtken (Foto: IfZ)

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Auschwitz ist zum Synonym für die Schoah geworden, den NS-Massenmord an den Juden. Die Zahl der im Konzentrationslager Auschwitz selbst und vor allem im dazugehörigen Vernichtungslager Birkenau Ermordeten wird auf etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die überlebenden Häftlinge. Bundespräsident Roman Herzog erklärte vor 25 Jahren, am 3. Januar 1996, den 27. Januar zum Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Magnus Brechtken, erläutert im Interview mit Leticia Witte, was ein solcher Gedenktag leisten kann, und warum die Erinnerung notwendig ist – auch in Zukunft.

Herr Professor Brechtken, warum wurde erst vor 25 Jahren ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ins Leben gerufen?
Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man gedenken soll, war ein laufender Prozess. Die Gesellschaft tat sich lange schwer damit. Das späte Datum ist eine Reaktion auf diese mühseligen Verhandlungen. Die Initiative war Anfang der 1990er Jahre vom damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, vorangetrieben worden. Dass sie dann rasch umgesetzt wurde, zeigt den Wandel. Dieselbe Initiative zwanzig Jahre früher hätte kaum so rasch Erfolg gehabt. Auch jetzt kam wenig von unten aus der Gesamtgesellschaft.

Wurde das seinerzeit als Problem gesehen?
Die Frage ist, wie eine Alternative aussehen konnte. In einer demokratischen Gesellschaft spielen Institutionen und Repräsentanten zentrale Rollen. Personen, etwa in der Politik, müssen vorangehen. Der Erfolg zeigte, dass die richtige Zeit gekommen war.

Wie groß war der Gegenwind, als Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Gedenktag erklärte?
Politisch eigentlich kaum nennenswert. Parlamentarische Polemik von rechten Parteien, wie sie heute von der AfD denkbar wäre, gab es nicht. Es stand jedoch die Frage im Raum, was für ein Gedenktag es sein sollte, ob er arbeitsfrei sein würde. Manche hätten sich einen Tag gewünscht, der weiter in die Gesellschaft hineingereicht hätte.

Was kann ein solcher Gedenktag leisten?
Die Menschen sollen sich in ihrem Alltagsleben ihrer historischen Dimension erinnern. Auschwitz steht repräsentativ für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Name symbolisiert ihren Anspruch auf rassistische Weltherrschaft. Daher ist es passend, dass am 27. Januar, am Jahrestag der Befreiung der überlebenden Häftlinge, an die Opfer des NS insgesamt erinnert wird. Wenn Menschen sich so vielleicht nur für fünf Minuten aus ihrem Alltag nehmen, um nachzudenken, haben wir schon viel erreicht.

Inwiefern?
Wir können uns vor Augen führen, dass es eine Zeit gab, in der es für viele Menschen alltäglich war, sein Gegenüber nach rassistischen Kriterien zu beurteilen. Und dann Gewalt anzuwenden, um die Welt rassistisch zu ordnen.

Heute greift der Rassismus um sich, antisemitische Straftaten haben ein Rekordniveau erreicht...
Leider nehmen bei vielen Menschen die Skrupel ab, sich offen rassistisch zu äußern. Viele Grenzen werden bewusst überschritten, Tabus gebrochen. Wer das tut, gibt nicht nur sein zivilisiertes Verhalten auf, das die Grundlage jeder Gesellschaft ist. Er übersieht auch, dass Rassismus am Ende jeden treffen kann.

Zugespitzt gefragt: Erfüllt der Gedenktag überhaupt seine Funktion?
Es wäre sicher zu viel verlangt, dass ein einzelner Gedenktag allumfassende Wirkung hat. Er kann nur ein Baustein in der Auseinandersetzung mit Geschichte sein. Der Anspruch bleibt, dass sich etwas wie Auschwitz nicht wiederholt. Und dass jeder versteht, warum wir das ablehnen. Es ist wichtig, diese Art von Er­inne­rungs­punkten zu setzen. Im besten Fall regt es an, sich in der Schule, im Freundeskreis oder am Stammtisch über Geschichte zu unterhalten. Das ist die Funktion des Gedenkens. Wir haben einen rechten und einen linken Rand der Gesellschaft, die extreme Positionen vertreten. Das sind vielleicht 15 bis 20 Prozent. Wobei die Zahl der radikalen Rechten größer ist als die der Linken. Beide behaupten eine dogmatische Wahrheit, beide Extreme wollen ein anderes politisches System. Aber die große Mehrheit ist doch weiterhin am rationalen Diskurs interessiert. Und den müssen wir führen.

Und wie kann man diesen Diskurs am Laufen halten?
Professionell leisten das Lehrer, Wissenschaftlerinnen, Mitarbeiterinnen von Gedenkstätten, Bürgerinitiativen. Aber aufgerufen ist im Grunde jeder Mensch, dem es um ein friedliches, rechtsstaatliches, freies Leben geht. Als Gedenktag ist der 27. Januar heute international etabliert. Das ist ein Erfolg. Aber die Wirkung liegt nicht im Symbol, sondern im Gespräch darüber, wofür es steht.

Wenn wir heute über die Einführung des 27. Januar als Gedenktag sprechen, sind wir zugleich bei dem Thema, wie die Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit künftig am besten gestaltet werden sollte. Zum Beispiel gibt es immer wieder Kritik an einer starren Ritualisierung des Gedenkens. Aber auch Positionen aus der rechten Ecke...
Ja, bekannt ist die Forderung des AfD-Politikers Björn Höcke nach einer „180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur“. Wenn man sich das Bild vor Augen führt, ist das ein Plädoyer für die positive Rückbesinnung auf den Nationalsozialismus. Wir sollten das klar benennen und abwehren. Ritualisierungen sind eine Herausforderung. Wenn wir uns mehr an Ritualen als an Inhalten orientieren, verlieren wir das Wichtigste aus dem Blick, nämlich das Gespräch über die Errungenschaften, die wir mit der Überwindung des Nationalsozialismus erlebten. Wir betreiben Erinnerung ja nicht um ihrer selbst willen. Wir wollen verstehen.

Wir schauen dabei auch nach vorne.
Wir hoffen, etwas für die Gegenwart zu lernen: Wie wandelt sich eine Gesellschaft, warum verwandeln sich Menschen, so dass es mit der Zeit möglich wurde, dass Lager wie Auschwitz entstehen. Wenn wir von diesen Fragen ausgehen, können wir für unsere Gegenwart lernen, dass sich so was nicht wiederholt.

Neues Handbuch für Kampf gegen Antisemitismus

Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) hat ein neues Handbuch zur Bekämpfung von Antisemitismus veröffentlicht. Herausgeber sind die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und die Brüsseler EU-Kommission. „Das Handbuch wird staatlichen Organen und zivilgesellschaftlichen Organisationen auf ganz praktische Weise helfen, was die Prävention und Reaktion auf antisemitische Vorfälle, aber auch Opferschutz, Datenerhebung oder die Wahrnehmung von antisemitischen Ressentiments betrifft“, sagte Katharina von Schnurbein, Beauftragte der EU-Kommission für die Bekämpfung von Antisemitismus.

Das „Handbuch zur praktischen Anwendung der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus“ bezieht sich auf die Bestimmung von Antisemitismus als „eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann“.

Unter den geschilderten Erscheinungsformen von Antisemitismus sind die Leugnung des Holocaust, die Unterstellung, Juden stünden loyaler zu Israel als zu ihrem Heimatstaat und das Verbreiten von Stereotypen wie dem, Juden kontrollierten die Medien. Daneben zeigt das Buch Praktiken, zum Beispiel die Integration der Antisemitismus-Definition in Curricula der Polizei-Bildung.
Das Handbuch in englischer Sprache kann unter https://report-antisemitism.de/documents/IHRADefinition_Handbook.pdf heruntergeladen werden. epd

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