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GRAFIK: TSEW/ shuttestock.com/GoodStudio

Über den Wolken

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 03 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 18. Januar 2021

Ehrfurcht ist ein schillernder Begriff. Sie macht den Menschen klein. Aber sein Herz ganz groß.

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GRAFIK: TSEW/ shuttestock.com/GoodStudio

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Es waren die kühnsten Abenteurer ihrer Zeit, die sich da versammelt hatten: mehr als 100 Seeleute, Naturforscher und Soldaten. Vor genau 180 Jahren querten sie die Schwelle zur unbekannten Antarktis. Harte Hunde, die wussten, dass sie drei Jahre in Eis und Schnee feststecken könnten. Und vielleicht auch nie zurückkehren würden.

Nun standen sie, die Mitglieder der „Erebus“-Expedition, an Deck ihrer beiden Segelschiffe. Und schwiegen. Hatten Tränen in den Augen. Denn das, was sie sahen, war überirdisch schön: glänzende Eisflächen. Geometrische Muster. Bizarre Gebilde, die sich wie Kunstwerke bis an den Horizont auftürmten. Und ein 4000 Meter hoher Vulkan, der sein Feuer auf die Schneedecke spie.
Gänsehaut pur.

Solche Ergriffenheit kennt wohl jeder und jede. Beim Wandern: die Sicht vom Berg über die Wolken. An der Küste: das Rauschen des Ozeans. In der Familie: der Blick in das Antlitz eines Neugeborenen.
Was passiert da?

Die Philosophie redet vom „Erhabenen“: Der Mensch spürt, dass es etwas sehr viel Größeres gibt, als er selbst es ist. Auch die Psychologie kennt den Effekt: Menschen, die derartigen Erfahrungen ausgesetzt wurden – Musik von Beethoven, Anblick des Sternenhimmels, Gesang von Walen – beschrieben, dass sie sich anschließend kleiner fühlten, sich nicht mehr als Maßstab der Dinge sehen würden. In Testreihen fielen selbst ihre Unterschriften kleiner aus.

Die Ehrfurcht vor dem Größeren stand auch am Anfang der Religionen. Genau hier aber lauert ein Vorwurf, der den Religionsgemeinschaften seit Jahrhunderten gemacht wird: Sie nutzten und nährten das Gefühl von Ergriffenheit, um den Menschen zu unterdrücken. Tatsächlich sind auch die Kirchen dieser Versuchung immer wieder erlegen.

Und doch kann man die Sache mit der Ehrfurcht auch ganz anders sehen.
Denn Ehrfurcht kann den Menschen auch davor bewahren, sich selbst zu groß zu machen. Raub, Gewalt. Kriege. Unterdrückung und Versklavung. Plünderung ganzer Kontinente. Und der Irrglaube, mit Fortschritt und Vernunft alle Fragen beantworten zu können, alle Probleme dieser Welt in den Griff zu bekommen – all das sind Folgen einer Haltung, mit der sich der Mensch zum Herrscher der Schöpfung aufschwingen will: Überheblichkeit.

Aus echter Ehrfurcht dagegen folgt Demut. Und aus Demut folgt Verantwortung.
Das Schaudern, die Ergriffenheit – sie geben uns eine Ahnung, wo wir wirklich stehen. Wie das Aufleuchten eines Blitzes, der die Welt erhellt; einen Augenblick lang nur. Aber in gläserner Klarheit.

Die harten Kerle auf der Erebus haben diesen heiligen Schauer gespürt. In Eis und Schnee vernahmen sie eine Stimme: Mensch­­lein, mach mal halblang; übernimm dich nicht. Der Nachhall dieser Stimme währte bei ihnen nicht lange. Gott sei’s geklagt. Schon bald setzten sie ihre Fahrt fort, um Länder zu erkunden und auszubeuten.
Aber wir, du und ich. Wir können noch versuchen, es besser zu machen. Gib Gott die Ehre. Und liebe seine Schöpfung.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 18. Januar 2021, 18:48 Uhr


Ein Ahnen unbekannter Größe ähnlich der Unberechenbarkeit dieses bewachten Vulkanes im Eis, der unverhoffte Gesang der sanften Riesen und mitten drin wir. Menschen die sich an Grausamkeiten überbieten so sich ihnen keine Grenzen erklären.
Eigenartig - ähnliche familiäre Gespräche hatten wir gestern von einander unabhänig. Wenn Corona eines lehrt, ist es Ehrfurcht.















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