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Annette Bruhns (Foto: epd)

Die «soziale Stimme» Hamburgs

epd-Gespräch

Thomas Morell (epd) | 17. Januar 2021

Annette Bruhns ist neue Chefredakteurin bei «Hinz&Kunzt»

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Annette Bruhns (Foto: epd)

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Hamburg (epd). Das Hamburger Straßenmagazin «Hinz&Kunzt» soll auch künftig die «soziale Stimme der Stadt» sein. Für die neue Chefredakteurin Annette Bruhns (54) umfasst das Thema allerdings weit mehr als nur Obdachlosigkeit. Wenn etwa Freibäder geschlossen werden, bedeute das gerade für arme Familien eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität. Die langjährige «Spiegel»-Redakteurin löst zum
Jahreswechsel Birgit Müller (64) ab, die nach 25 Jahren als Chefredakteurin in den Ruhestand tritt.

   Nicht jede Ausgabe müsse einen Obdachlosen auf dem Titel zeigen, sagt Bruhns. Dabei werde das Thema an Bedeutung zunehmen. Die Corona-Pandemie werde für viele Menschen mit einem wirtschaftlichen Ruin einhergehen. «Da fallen etliche durch den Rost.» Deutliche Kritik übt sie am Winternotprogramm der Stadt: Viele obdachlose Menschen würden die Sammelunterkünfte meiden, um sich nicht mit dem Corona-Virus anzustecken. Auch Alkohol und Gewalt würden viele abschrecken. «Da geht es oft sehr rau zu.» Der Staat bürde die nötige Einzelunterbringung der Zivilgesellschaft auf, die diese mühsam über Spenden für Hotelbetten einigen wenigen ermöglicht.

   Besonders schwierig ist laut Bruhns derzeit für Menschen aus Polen, Rumänien oder Bulgarien, die mittlerweile einen Großteil der obdachlosen Menschen bilden. «Erst sorgen sie in deutschen Schlachthöfen für billiges Grillfleisch, und im Anschluss leben sie dann teilweise auf der Straße.» Die Unterkünfte der Schlachtbetriebe seien zum Teil schlechter als im Gefängnis, so ihre Recherche. Ohne feste Anstellung hätten viele von ihnen nicht einmal Anspruch auf Hartz IV. «Wo bleibt da unsere Verantwortung?»

   Die Themenpalette des Blattes möchte die neue Chefredakteurin verbreitern. Für die Dezember-Ausgabe hat sie die Titelgeschichte geschrieben, die sich mit Rezepten gegen die Verödung der Innenstadt und Rezepten gegen Amazon und Co auseinandersetzt. Mögliche neue Themen wären die Verschlickung der kleinen Häfen durch die Elbvertiefung, neue Sportarten für jedermann oder die Wirkungslosigkeit vieler teurer Medikamente. Dank ihrer guten Verbindungen will sie auch hochkarätige Journalisten gewinnen. Bruhns: «Und ein bisschen mehr Humor würde dem Blatt auch nicht schaden.»

   Zu den schwierigsten Aufgaben im neuen Job gehört die Gestaltung der Digitalisierung, um jüngere Leserinnen und Leser zu gewinnen. Charakteristisch für «Hinz&Kunzt» ist der persönliche Verkauf durch Obdach- oder Wohnungslose. Eine Online-Ausgabe des Straßenmagazins mache da wenig Sinn, so Bruhns. Doch jüngere Kunden hätten zudem kaum noch Bargeld dabei und würden alles mit Karte bezahlen. Die Corona-Pandemie habe diesen Trend noch verstärkt. Denkbar wäre eine Bezahlung über einen QR-Code bei den Verkäufern. Doch dazu müssten noch viele Fragen geklärt werden, darunter auch steuerrechtliche.

   Ihr Redaktionsteam hat sie in den vergangenen sechs Wochen bereits kennengelernt. Die Begeisterung für den neuen Job hält sichtbar an. Ein solches Magazin für eine Weltstadt zu gestalten, sei für eine Journalistin «eine sehr, sehr reizvolle Aufgabe.» Für die innere Balance sorgen bei ihr Wind und Meer: Annette Bruhns ist oft als Skipperin auf Elbe und Nordsee unterwegs.

Internet

www.hinzundkunzt.de

 

Das Hamburger Straßenmagazin «Hinz&Kunzt»

Hamburg (epd). Die erste Ausgabe von «Hinz&Kunzt» erschien im November 1993. Die Idee dazu hatte Hamburgs Diakonie-Chef Stephan Reimers: Obdachlose selbst sollten ein journalistisch anspruchsvolles Magazin verkaufen. Einen Teil der Einnahmen behalten sie. Vorbild war das Londoner Straßenmagazin «Big Issue». Wenige Wochen vor «Hinz&Kunzt» wurde «Biss» in München gestartet. Mittlerweile gibt es bundesweit rund 50 Straßenzeitungen. Viele erhielten Starthilfe von «Hinz&Kunzt».

   Für die aktuell 530 Verkäufer von «Hinz&Kunzt» gibt es klare Regeln: Jeder hat einen Ausweis dabei, Alkohol und Betteln mit der Zeitung sind tabu. Vom Preis von 2,20 Euro behalten sie die Hälfte. Trinkgeld und ein kleiner Schnack sind gerngesehen. Derzeit liegt die Auflage bei rund 60.000.

   Die Namensgebung war etwas chaotisch: Kurz bevor die erste Nummer mit dem Titel «Jetzt» in Druck gehen sollte, wurde bekannt, dass die Namensrechte dafür bei der «Süddeutschen Zeitung» lagen. Ein kurzes Brainstorming ergab, dass es ein Blatt für «Hans und Franz» sein sollte mit einem anspruchsvollen Kulturteil: Daraus wurde dann «Hinz&Kunzt».

   Die Bedeutung der Redewendung «Hinz und Kunz» erfuhr das Team erst Jahre später bei einem Besuch der damaligen Bischöfin Maria Jepsen: Weil im Mittelalter die meisten Kaiser «Heinrich» oder «Konrad» hießen, wurden auch viele Kinder sogenannt. Die Kurzformen «Hinz» und «Kunz» waren also Namen für «jedermann».

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