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Horst Opaschowski, Deutschlands bekanntester Zukunftsforscher, feiert im Januar seinen 80. Geburtstag. (Foto: Wikipedia)

Alles wird gut und besser

Interview

Aus der Printausgabe - UK 01 / 2021

Michael Althaus | 4. Januar 2021

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski wird 80 Jahre alt. Zeit, über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken. Mit Michael Althaus spricht er über seinen Glauben, danebengelegene Prognosen, Corona und seine Pläne für die Zukunft.

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Horst Opaschowski, Deutschlands bekanntester Zukunftsforscher, feiert im Januar seinen 80. Geburtstag. (Foto: Wikipedia)

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Deutschlands bekanntester Zukunftsforscher, Horst Opaschowski, wird 80 Jahre alt. Der runde Geburtstag am 3. Januar ist nicht nur Anlass, um zurückzublicken, sondern zunftgemäß auch, um in die Zukunft zu schauen. Für die hat der Jubilar auch im hohen Alter noch viele Pläne, wie er im Gespräch mit Michael Althaus verrät. Außerdem erklärt er, was ihm im Leben wichtig ist, und gesteht, dass er mit seinen Prognosen auch schon danebengelegen hat.

Herr Opaschowski, am 3. Januar werden Sie 80 Jahre alt. Oder sollte man in Ihrem Fall besser sagen, 80 Jahre jung?
Ich habe überhaupt keine Probleme, über das Alter zu sprechen. Im Gegenteil: Ich hasse es, wenn 70- oder 80-Jährige sagen: „Ich fühle mich in Wirklichkeit viel jünger.“ Ich fühle mich so alt, wie ich bin, und mache das Beste aus jedem Lebensalter. Mit 80 schaffe ich manches, was ich mit 70 nicht geschafft habe, weil ich mehr Erfahrung habe. Ich kann nicht mehr so schnell laufen, aber dafür umso schneller schreiben (lacht).

Sie bezeichnen sich selbst als Optimist. Was gibt Ihnen Kraft, positiv in die Zukunft zu blicken?
Als Waisenkind bin ich nach dem Krieg im Alter von vier Jahren in einem von Nonnen geleiteten Kinderheim aufgewachsen. Ich war und fühlte mich oft allein und einsam. Prägend war für mich meine Firmung. Beim Gottesdienst mit dem Bischof in der Stadtkirche hatten alle Kinder ihren Paten dabei. Nur ich war allein. Als ich aufgerufen wurde, ging ich weinend nach vorne. Der Bischof schaute mich mit entsetzten Augen an. Ich rief immer nur innerlich: Lieber Gott, hilf mir! – Und er hat mir geholfen. Plötzlich legte ein mir unbekannter Vater aus dem Kirchenschiff die Hand auf die rechte Schulter, wie es Paten üblicherweise bei der Firmung tun. Nachdem mir der Bischof seine Hände aufgelegt hatte und das Zeichen zum Aufstehen gab, drehte ich mich um. Doch der unbekannte Pate war weg, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Das war mein Urerlebnis. Das war eine Art Urerlebnis für mich. Ich glaube bis heute daran, dass alles gut und besser wird.

Welche Rolle spielt der religiöse Glaube für Sie?
Ich bin im Grunde meines Herzens ein religiöser Mensch. In Bayern aufgewachsen, verbinde ich mit dem Katholizismus vor allem die Einheit des Lebens zwischen Pflicht und Neigung, Kirche und Kneipe. Feste feiern und feste arbeiten gehören für mich zusammen. Anders als in meiner Jugend bin ich heute nicht mehr kirchlich engagiert, wohl aber gilt für mich das ganzheitliche Verständnis des Lebens, für andere da zu sein und Gutes zu tun. So bin ich Pate eines Mehrgenerationenhauses und habe vor zehn Jahren in einem sozialen Brennpunkt in Hamburg eine Helferbörse gegründet, in der Schüler ehrenamtliche Dienste leisten können – von Rollstuhlausfahrten bis zu Besuchen in Pflegeheimen.

Warum sind Sie Zukunftsforscher geworden?
Eigentlich wollte ich Historiker werden. Das klingt wie ein Gegensatz, ist aber keiner. Denn wer nicht zurückschauen kann, kann auch nicht nach vorne blicken. Ich habe über 20 Jahre lang ein Freizeit-Forschungsinstitut geleitet und die Alltagsgewohnheiten der Deutschen von A bis Z erforscht. Dabei erkannte ich: Es ändert sich schon viel, aber ein Großteil unseres Alltags bleibt unverändert – in zehn oder zwanzig Jahren auch. Das wirklich Neue ermittle ich aus Repräsentativumfragen. So gab ich Ende der 80er Jahre meine erste Zukunftsstudie heraus: „Wie leben wir nach dem Jahr 2000?“. Es folgten Bücher über „Deutschland 2010“, „Deutschland 2020“ und „Deutschland 2030“.

Und dafür schauen Sie also nicht regelmäßig in die Glaskugel?
Nein, das empirisch Fundierte ist meine Basis. Grundlage meiner Arbeiten sind Bevölkerungsbefragungen, deren Ergebnisse allgemein überprüfbar sind. Über meine Interpretationen kann man sicherlich streiten, aber die Daten sind nicht aus der Luft gegriffen.

Haben Sie bei einer Ihrer Prognosen auch schon mal komplett danebengelegen?
Ja, das gehört dazu. Ich hatte in den 90er Jahren vorausgesagt, dass wir spätestens im Jahr 2005 fünf Millionen Arbeitslose haben würden. Zugleich hatte ich davor gewarnt, dass dann der soziale Frieden in Deutschland gestört werde und es zu Unruhen kommen könne. 2005 hatten wir tatsächlich fünf Millionen Arbeitslose, doch Politik und Gewerkschaften gingen nach Bekanntwerden der Zahlen zur Tagesordnung über. Die Zeitungen berichteten über den Schiedsrichter-Skandal in der Bundesliga statt über die ernüchternde Arbeitsmarkt-Lage. Das Faktum selbst war also richtig prognostiziert, aber meine negative Einschätzung der Reaktionen lag völlig daneben.

Haben Sie die Corona-Pandemie vorhergesehen?
In meiner Zukunftsstudie „Deutschland 2020“ aus dem Jahr 2004 habe ich mehrere mögliche Worst-Case-Szenarien gezeichnet, eines davon war die Pandemie, die weltweite Verseuchung mit Viren. Das war natürlich nur ein Gedankenmodell. Aber genau darin sehe ich meine Aufgabe als Zukunftsforscher: Frühzeitig auf Probleme aufmerksam machen, damit wir uns darauf vorbereiten können.

Was macht die Corona-Pandemie mit unserer Gesellschaft?
Während der Corona-Krise hat die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nachweislich über sich und ihr Leben nachgedacht. Über 80 Prozent der Deutschen sagen plötzlich: Ich will besser leben statt mehr haben. Gesundheit wird so wertvoll wie Geld. Beziehungen zu Familie, Freunden und Nachbarn werden als eine Art Lebensversicherung wiederentdeckt. Nachbarschaftshilfe, Bürgerinitiativen und soziales Engagement erleben eine Renaissance. Und auch der Staat strahlt soziale Wärme aus. Die Zuversicht wächst wieder – trotz unsicherer Zeiten. Ich bin überzeugt, die Gesellschaft wird gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

Machen solche Krisen Ihre Arbeit spannender?
Ich würde eher sagen, sie sind eine Bewährungs- und Belastungsprobe für meine Arbeit. Seitdem ich forsche, lebe ich mit Krisen. Als ich 1972 zur Zeit der Öl-Krise mein erstes Interview gab, sagte der Reporter: „Es wird sicher nie wieder so werden, wie es war.“ Diese Frage verfolgt mich in jedem Jahrzehnt. 1986 kam Tschernobyl, 1991 der Golfkrieg, 2001 der 11. September, 2011 Fukushima und jetzt 2020 die Corona-Krise. Mittlerweile weiß ich, wie Menschen in Krisensituationen reagieren. Jede Krise hinterlässt ihre Spuren und hat Auswirkungen auf die nächste Generation.

Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Als Zukunftsforscher habe ich mir auch im Alter von 80 Jahren noch einiges vorgenommen. Ich würde gerne einen Masterplan „Deutschland 2050“ entwickeln, damit die Politik mit Weitsicht agieren kann. Ich wünsche mir, dass aus der Erhard'schen Formel „Wohlstand für alle“ ein Wohlergehen für alle wird und die Werthaltigkeit des Lebens mehr an Bedeutung gewinnt. In meinem privaten Alltag wird auch weiterhin die Familie an erster Stelle stehen. Meine Frau Elke, die unsere Familie managt und das Forschungsbüro organisiert, ist bis heute das größte Glück meines Lebens.

Zur Person

Horst Opaschowski ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler, Berater für Politik und Wirtschaft und Zukunftsforscher. Er wurde am 3. Januar 1941 im schlesischen Beuthen geboren und wuchs in der Oberpfalz auf. Von 1975 bis 2006 war er Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Über 30 Jahre lang leitete Opaschowski ein von der British American Tobacco GmbH finanziertes Freizeit- Forschungsinstitut, das später in die Stiftung für Zukunftsfragen umgewandelt wurde. 2014 gründete er mit seiner Tochter, der Bildungsforscherin Irina Pilawa, das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung in Hamburg. Seit 2012 befragt der Wissenschaftler, der mehr als 50 Bücher veröffentlicht hat, vierteljährlich gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos jeweils rund 2000 Bundesbürger zur Erhebung eines „Nationalen Wohlstandsindex“. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Opaschowski ist verheiratet und hat zwei Kinder sowie fünf Enkelkinder. Er lebt im schleswig-holsteinischen Börnsen östlich von Hamburg. KNA

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