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Der Ton macht die Musik

Richtig streiten

Aus der Printausgabe - UK 52 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 26. Dezember 2020

Ausgerechnet Weihnachten: Um das Fest der Liebe wird heftig gerungen. Das ist gar nicht mal schlecht. Aber mancherorts fliegen dabei die Fetzen. Wollen wir so in das neue Jahr starten?

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Das gab es noch nie: Weihnachten ohne Gottesdienste. Zumindest ohne solche, bei denen die Menschen in der gewohnten Form in die Kirche gehen,  (zu alternativen Formen siehe weiter unten). Bis 10. Januar, mindestens. Technisch gesehen handelt es sich bei der Entscheidung der Kirchenleitungen zwar nicht um ein Verbot, sondern um eine dringende Empfehlung. Aber die Signalwirkung ist gewaltig.

Neben großer Zustimmung für diesen beispiellosen Schritt und Erleichterung („Frage von Vernunft und Verantwortung“, „schwierige Entscheidung wurde uns abgenommen“) gab es auch Widerspruch und Enttäuschung. Dieser Schritt sei nicht nötig gewesen, heißt es. Monatelange Planungen und ausgefeilte Hygienekonzepte hätten durchaus die Möglichkeit gelassen, den Gemeinden die Entscheidung ohne Vorgabe zu überlassen.

Aufmerken lässt der Ton, in dem manche Kritik daherkommt. Vom Verrat an der biblischen Botschaft ist die Rede. Mangelndem Vertrauen in Gottes Beistand. Dass die Kirche sich vor dem Auftrag drücke, den Menschen Kraft und Hoffnung zu geben.
Ausgerechnet um das Fest der Liebe wird gestritten, dass die Fetzen fliegen. Wollen wir so in das neue Jahr gehen?

Der Ton macht die Musik. Nicht nur im Sinne von: ob eine Unterhaltung schön oder weniger schön wird. Die Sache verhält sich viel grundsätzlicher: Der Ton entscheidet, ob sich Türen öffnen oder verschließen. Dauerhaft. Manchmal lebenslang. Da mag man noch so gute Argumente haben.

Menschen mögen zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Das geht kaum anders, wenn es um schwierige Entscheidungen geht. Und vielleicht ist es am Ende so, wie Gesundheitsminister Jens Spahn prophezeit: Wir werden einander viel zu verzeihen haben. In einer Situation wie Corona wird den Entscheiderinnen und Entscheidern viel abverlangt. Respekt. Egal, was sie tun – sie werden es nicht allen recht machen können.

Es werden auch Fehler passieren. Aber man darf doch davon ausgehen, dass alle ihre Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen tätigen. Da sollte kein Platz sein für ehrabschneidende Bezeichnungen wie Versagen, Inkompetenz oder Verrat am Evangelium. Kritik? Ja. Schäumen vor Zorn? Bitte nicht.

Vielleicht hilft dieser Gedanke: Weihnachten wird nicht abgesagt; wir begehen es anders als sonst. Wenn wir Gottesdienst feiern – warum sitzen wir nicht mal eine Stunde vor dem Fernseher? Beim „Tatort“ oder „Dinner for one“ tun wir das auch. Radio, TV, Internet – an vielen Stellen gibt es Andachten und Gottesdienste. Auch eine Andacht zuhause ist möglich; so, wie es Generationen vor uns gehalten haben.

Wie wollen wir miteinander umgehen? Darauf sich selbst ehrlich eine Antwort zu geben, ist nicht das Schlechteste. Zumal zum Wechsel auf ein Jahr, von dem wir hoffen, dass es mit weniger Sorgen und mehr Freude daherkommen möge, als das, was jetzt zu Ende geht.

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Leser-Kommentare öffnen

wpayrr, 3. Januar 2021, 8:36 Uhr


Sehr geehrter Herr Hoeffchen!
Würden Sie bitte mal mit Zitaten belegen, wo es - innerhalb der Kirche - zu "ehrabschneidenden Bezeichnungen" gekommen ist? Dass bei einem so hoch emotionalen Thema wie der Absage von Weihnachtsgottesdiensten auch mal "die Fetzen fliegen", finde ich erst einmal gar nicht so schlimm, solange der Streit um die Sache und nicht um die Personen geht. Ich gehöre zu denen, die die Absage der Weihnachtsgottesdienste bedauert haben und die diesbezüglichen Entscheidungen der Presbyterien für falsch halten. Aber selbstverständlich halte ich die Argumente für die Absage für nachvollziehbar.
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Hoeffchen, 12. Januar 2021, 15:32 Uhr


Wer während der Vor-/Weihnachtszeit die Diskussion in Internetforen und auf social media verfolgt hat, wird laufend auf diesen Ton gestoßen sein. Ich kann hier aus Datenschutzgründen keine Screenshots oder Abschriften bringen, aber Formulierungen, die a) Vernunft b) Verstand c) christliche Gesinnung d) eigenständiges Denken gegenüber "der" Obrigkeit in Abrede stellen, waren dort an der Tagesordnung.
Das heißt ausdrücklich NICHT, dass ich die Diskussion als solche für falsch halte. Aber sorry, die Fetzen fliegen lassen sollte man beim Boxen oder Fußballspielen (mache ich regelmäßig). In meiner Heimatgemeinde habe ich selbst an dieser Diskussion teilgenommen. Glücklicherweise wurde dort zwar hart gerungen, aber durchweg nicht in einem verletzenden Ton. Denn das ist ja Teil des Problems: Das, was Sie (oder ich) noch als leidenschaftliche Rede in einer engagierten Diskussionsrunde empfinden mögen, hat oft genug das Zeug, andere Menschen auf Dauer und nachhaltig zu verletzen. Dann schließen sich Türen.
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