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Pfarrerin Kornelia Schauf ist ansprechbar in dem Häuschen der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde auf dem Marktplatz in Leopoldshöhe. (Fotos: Andreas Duderstedt)

Mitten im Dorf ansprechbar

Aktion im Advent

Aus der Printausgabe - UK 51 / 2020

Andreas Duderstedt | 16. Dezember 2020

Was tun gegen die Einsamkeit gerade im Advent? Die Kirchengemeinde Leopoldshöhe hat sich etwas einfallen lassen und ein Häuschen auf dem Marktplatz aufgestellt: die „AnsprechBar“. Dort war Platz und Zeit für alle, die vorbeikommen.

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Pfarrerin Kornelia Schauf ist ansprechbar in dem Häuschen der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde auf dem Marktplatz in Leopoldshöhe. (Fotos: Andreas Duderstedt)
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Mit Kindern im Handwagen: Die beiden Erzieherinnen sind zufällig vorbeigekommen.
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Immer beliebt: kleine Geschenke zum Mitbringen.

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„Die einen wollen etwas tun, die anderen sind einsam.“ So beschreibt Kornelia Schauf eine Erfahrung, die es in Corona-Zeiten nicht nur in der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Leopoldshöhe gibt. Wie man die einen und die anderen zusammenbringen könnte, gerade in der Adventszeit – darüber hat die Pfarrerin gemeinsam mit ihrem Kollegen Hendrik Meier und dem Kirchenvorstand nachgedacht. Ansprechbar wollen sie sein, für alle, unabhängig von Konfession, Generation oder anderen Unterschieden. So entstand die „AnsprechBar“.

Brot mit Himbeer- oder Kirschmarmelade

Das Zentrum von Leopoldshöhe, einem lippischen Dorf mit 17 000 Einwohnern, bildet der kleine Marktplatz mit Rathaus und Kirche. Dort steht nun, an fünf Tagen in der Woche geöffnet, ein Häuschen, das zum Verweilen einlädt, zu Gesprächen, zu einem Glas heißem „Apfelglückspunsch“. Wer mag, kann auch ein Brot mit Himbeer- oder Kirschmarmelade probieren.

Nur zufällig vorbeigekommen sind Galina Schwarz und Anja Simon mit fünf Kindern in einem Handwagen. Die beiden Erzieherinnen arbeiten in einem Kindergarten der AWO und sind auf ihrer morgendlichen Rundtour. Die „AnsprechBar“ finden sie toll. „Nächstes Mal planen wir den Besuch hier ein“, sagt Galina Schwarz.

Helga und Reinhard Kamp haben in der Zeitung von der Aktion gelesen. Und sind ebenfalls ganz angetan von den liebevoll präsentierten Geschenkartikeln, von Wollschals, Kerzen aus Bienenwachs, Schutzengel-Figuren und Sternen zum Selberfalten. Der Erlös aus dem Verkauf geht in die gemeindliche Kinder- und Jugendarbeit und an Brot für die Welt. „Ich mache den Besuch hier jetzt zu einer festen Einrichtung“, meint Helga Kamp.

Gegenüber, in einer weiteren Holzhütte, stehen Annette Kerker und Beate Rottschäfer. Auch dort gibt es mancherlei zu entdecken und zu erwerben, etwa selbst genähte Corona-Schutzmasken für Erwachsene und für Kinder. Die beiden Frauen gehören zum Kirchenvorstand der Gemeinde und außerdem zu den über 20 Ehrenamtlichen, die regelmäßig Dienst in der „AnsprechBar“ tun. Es sind Menschen aller Altersgruppen, der jüngste wurde in diesem Jahr konfirmiert. Ihre Erfahrungen? „Viele genießen es, dass sie einfach mal reden können“, berichtet Annette Kerker.

Konzept mit dem Ordnungsamt abgesprochen

Natürlich ist die Pandemie-Situation ein häufiges Thema. Auch von sehr persönlichen Dingen erzählen Leute, die hierherkommen. „Als Kirchengemeinde wollen wir das Ohr an den Menschen haben“, beschreibt Beate Rottschäfer den Anspruch. Seit sie vor zwei Jahren hierherzog, hat sie die Offenheit und das vielfältige Gemeindeleben schätzen gelernt: „Es macht Spaß, sich hier zu engagieren.“

In diesem Sinne soll die „AnsprechBar“ ein Dienst für Gemeinde und Dorf sein, wie Kornelia Schauf es ausdrückt. Und Annette Kerker ergänzt: „Wir haben nun mal die Kirche im Dorf – mittendrin ansprechbar sein, das wollen wir leben.“

Dass das Verhältnis zur Kommunalgemeinde gut ist, wird nicht nur daran deutlich, dass sich der neu gewählte Bürgermeister im Gemeindebrief vorstellt. Es bewährt sich gerade jetzt, wo Weihnachtsmärkte ausfallen müssen: Das Konzept der „AnsprechBar“ ist mit dem Ordnungsamt abgestimmt. Dessen Leiter Frank Sommer bestätigt die unkomplizierte Zusammenarbeit. Die Regeln sind klar: Abstand, Masken, kein Alkohol.

Dennoch spricht Kornelia Schauf von einer Gratwanderung, denn es soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Kirche Sonderrechte beanspruchen würde, die Schausteller nicht haben. Aus diesem Grund hat man sich auch dagegen entschieden, hier ein Karussell aufzustellen. Kein Weihnachtsmarkt also, aber ein kleines Adventsdorf: Nicht nur die beiden Hütten gehören dazu. Auch ein Zelt, in dem Bänke, mit Fellen bedeckt, zum Sitzen einladen. Und im Zentrum steht ein Stall mit Krippenfiguren, aus Holz ausgesägt. Diese lebensgroße Krippe ist schon seit Jahren auf dem Kirchplatz im Einsatz, Konfirmanden haben die Figuren hergestellt.

Das ist nicht das Einzige, was die Jugendlichen mit ihrer Hände Arbeit schaffen. Zum Konfirmandenunterricht gehören hier Workshops, in denen Kerzen gezogen, Bänke gezimmert – sie stehen jetzt im Zelt – oder Äpfel von Streuobstwiesen aufgelesen werden. In diesem Jahr waren es stattliche 3,8 Tonnen. Der daraus gewonnene Saft, gekeltert in einer kleinen Mosterei in der Nähe, ist die Grundlage für den Punsch in der „AnsprechBar“. Klar, dass auch die Marmelade aus Konfi-Eigenproduktion stammt.

Im Zentrum ein Stall mit Krippenfiguren

So geht man einem Fest entgegen, das anders wird als gewohnt. „Das wird hier traurig an Weihnachten“, meint eine Besucherin wehmütig. „Nein, das wird fröhlich hier auf dem Hof!“, widerspricht Pfarrerin Schauf entschieden. An Heiligabend gibt es von 14 bis 18 Uhr zu jeder vollen Stunde eine kurze Andacht an der Weihnachtskrippe, auch die katholische Gemeinde beteiligt sich daran.

„Weihnachten findet statt – nicht weil wir es machen“, so die Theologin. Die Pandemie sieht sie als Gelegenheit, sich auf das zu besinnen, worauf es wirklich ankommt. „Weihnachten ist für uns ein Geschenk. Wir gestalten es. Das Ereignis, dass Gott als Mensch zu uns kommt, hat sich nicht geändert, nur die Gestaltung.“

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