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Die Leiche auf dem Seziertisch darzustellen, ist keine angenehme Aufgabe für einen Schauspieler. Anthony Arndt ist trotzdem stolz auf seine Rolle im Münster-Tatort „Es lebe der König“, der am 13. Dezember gesendet wird. Arndt spielt auch die Hauptrolle in dem preisgekrönten UK-Kurzfilm „Entdecke die Zeichen“ (zu finden bei Youtube oder: https://unserekirche.de/artikel/2016/51/entdecke-die-zeichen/). (Fotos: WDR/Thomas Kost)

„Ich glaube, dass Leben Bewährung ist“

Film

Aus der Printausgabe - UK 51 / 2020

Anke von Legat | 12. Dezember 2020

Mehr als dreißig Berufe, so schätzt er selbst, hat Anthony Arndt im Laufe seines Lebens ausgeübt. Die Schauspielerei war anfangs nur ein Nebenprodukt. Jetzt, mit 68, spielt er im „Tatort“ mit – und muss sich dabei gleich mit existenziellen Fragen auseinandersetzen.

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Die Leiche auf dem Seziertisch darzustellen, ist keine angenehme Aufgabe für einen Schauspieler. Anthony Arndt ist trotzdem stolz auf seine Rolle im Münster-Tatort „Es lebe der König“, der am 13. Dezember gesendet wird. Arndt spielt auch die Hauptrolle in dem preisgekrönten UK-Kurzfilm „Entdecke die Zeichen“ (zu finden bei Youtube oder: https://unserekirche.de/artikel/2016/51/entdecke-die-zeichen/). (Fotos: WDR/Thomas Kost)
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Foto: privat

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Anthony Arndt öffnet in Jogginghose und Strickjacke mit einer Schale Erbsen in der Hand – „mein Mittagessen“, erklärt er kauend. Der 69-jährige Schauspieler wohnt mit Panorama-Blick auf Kühe und Hühner in einem alten Zollhaus vor den Toren Wittens. Eine offene Tür gibt den Blick auf das Schlafzimmer frei; über dem Doppelbett hängt ein Kruzifix. In einer Wandnische stehen kleine Statuen des Heiligen Antonius und eine Madonna. Anke von Legat hat Arndt gefragt, wie es ist, einen Toten zu spielen – und ob er an Gott glaubt.

Im nächsten Münster-Tatort spielen Sie den Titelhelden, der recht bald tot aufgefunden wird. Wie ist das, als Toter in der Pathologie zu liegen?
Kalt! Es gibt diese typische Szene am Seziertisch, in der Börne und Thiel sich unterhalten. Die wurde gleich in mehreren Varianten gedreht – das war wirklich unbequem. Außerdem ist es anstrengend, drei Minuten lang Augen und Mund offen zu halten. Und dann kommt der Gedanke: Irgendwann bist du dran; dann liegst du genau so da!

Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zum Tod?
Das hat sich verändert, seitdem ich 2006 an einem Hirntumor erkrankt bin. Bis auf ein wenig Taubheitsgefühl ist zum Glück nichts zurückgeblieben – aber ich erlebe meine Zeit jetzt intensiver und dankbarer. Und ich glaube, dass Leben Bewährung ist am Tag X. Dann wird jemand mir sagen: Zeig mir, wofür ich dich in die Welt gesetzt habe.

Ihre Mutter stammt aus Italien und war katholisch – sind Sie katholisch erzogen worden?
Ja, ich habe die ersten Lebensjahre sogar in einem Heim verbracht, bei den Nonnen von Chichester. Meine Mutter war als Aupair nach England gekommen und hatte dort meinen Vater kennengelernt – einen verheirateten Mann. Sie wurde schwanger, und  weil man im Jahr 1952 einer Frau noch nicht zutraute, ein Kind allein großzuziehen, gab sie mich ins Heim. Später zogen wir zu meinem Stiefvater nach Bochum, und dort ging ich in die Klosterschule der Redemptoristen.

Ist etwas davon hängengeblieben in Ihrem Leben?
Ja, ich bin gläubig, absolut. Ich bin überzeugt davon, dass da jemand ist, der sich was dabei gedacht hat, dass es uns gibt und der unsere ganze komplizierte Welt geschaffen hat.  Ich bete regelmäßig und danke für das, was mir beschert wurde, bekreuzige mich vor Radtouren und bitte den Heiligen Antonius immer, dass er auf mich aufpasst. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, gehe ich grundsätzlich in eine Kirche und zünde eine Kerze an. Eine Messe besuche ich allerdings nur selten. Und wenn ich mal zu nichts mehr tauge, gehe ich ins Kloster...

Sie haben sehr viele verschiedene Berufe ausgeübt im Laufe Ihres Lebens. Wissen Sie ungefähr, wie viele das waren?
So dreißig, vierzig, schätze ich mal. Immer, wenn mein Bauch mir sagte: Das wird jetzt langweilig – dann habe ich etwas anderes gemacht. Ich wollte doch wissen, was für Begabungen in mir stecken. Die Traute muss man natürlich haben, und der Kühlschrank will ja auch gefüllt werden. Aber anders kann ich mir mein Leben nicht vorstellen.

Heute, mit 68 Jahren, sind Sie Schauspieler. War das früher schon ein Berufswunsch für Sie?
Ja, ich wollte das schon nach der Schule werden. Aber mein Stiefvater hat mir gesagt: Das ist eine brotlose Kunst – was ja auch zum Teil stimmt. Und da ich gut war in Deutsch, hat man mir zu einer Lehre als Kunstbuchbinder geraten.

Das war aber offenbar nicht das Richtige…
Man war so eingeschlossen, das wollte ich nicht. Ich war gerne draußen, unterwegs, auf Reisen. Ich bin viel Rad gefahren zu der Zeit, und nach der Lehre kam ich zur Bundeswehr in einer Sportkompanie. Da wurden wir wie Profis behandelt und haben an internationalen Rennen teilgenommen. Eine Zeitlang war ich so gut, dass ich mich von den Preisgeldern ernähren konnte, und wenn die Saison vorbei war, habe ich Hilfsarbeiten gemacht.

Wann war dieser Lebensabschnitt vorbei?
1975, als ich geheiratet habe. Da habe ich angefangen, Fenster zu verkaufen. Dabei habe ich sauviel Geld verdient, weil ich die Leute einfach totgequatscht habe – das ist ja eine Stärke von mir … Ich hatte 15 Mitarbeiter, eine Eigentumswohnung, einen Ferrari. Meine Tochter kam 1977 zur Welt. Aber nach fünf Jahren habe ich gemerkt: Das ist nicht mein Leben. Also habe ich die Firma verkauft und mich getrennt von meiner Familie.

Haben Sie das als Scheitern erlebt?
Das ist eine gute Frage – nein, ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich gescheitert bin. Ich war in vielen Dingen erfolgreich in meinem Leben, und in anderen eben nicht so erfolgreich. Dafür hatte ich aber auch den Mut, auf dem Höhepunkt des Erfolgs zu sagen: Jetzt habe ich keine Lust mehr; ich mache etwas anderes. Das ist doch das Schönste, wenn man das machen kann, was man will. Dafür habe ich aber auch 40 Jahre lang ganz bewusst allein gelebt, um diese Freiheit zu haben.

Was kam als Nächstes?
Ich bekam ein Angebot als Animateur beim Robinson-Club auf Ibiza, um mit Touristen über die Insel zu radeln – für 1000 Mark im Monat plus Kost und Logis. Dort habe ich auch als Conférencier erste Bühnenerfahrungen gemacht und gemerkt: Ich komme bei den Leuten gut an.

Also ganz was anderes…
Genau. Meine Freunde haben gesagt: Der ist irre. Aber Geld hat mich gar nicht mehr gereizt. Ich wollte rauskitzeln, was ich noch kann; das Künstlerische entdecken, das in mir steckt. So fing mein Leben als Bohème an. Das führte mich in den Zirkus Roncalli, wo ich als eine Art Animateur-Clown gearbeitet habe. Zusätzlich habe ich noch das Zirkuscafé geführt, in dem immer alle Clowns, Artisten, Künstler vorbeigeschaut haben. Von dort ging es weiter zum Café des Schauspielhauses Bochum, dem Luisenhof, mit Kontakten zu allen, die in Bochum mit Kultur zu tun hatten. Irgendwann habe ich mir gedacht: Ich möchte das mit dem Schauspielern noch professioneller machen. Und so wurde ich Schüler an der Schauspielschule.

Da waren Sie 35 Jahre alt – war das kein Problem?
Ich habe Johannes Klaus, einen der Dozenten, gefragt, ob ich zu alt bin, und er sagte: Vorsprechen kannst du nicht mehr, aber als Gastschüler kannst du teilnehmen. So habe ich einige Kurse mitgemacht und mir das grobe Handwerkszeug der Schauspielkunst erarbeitet. Das war damals durchaus eine harte Schule – viele Schüler haben im Unterricht geheult, ich auch. Da wird dir auf einmal knallhart gesagt, was du für Fehler machst, welche Fluchtmuster du hast, welche Befindlichkeiten – das musste alles weg. Du solltest ganz trocken deine Rolle spielen können.

Das klingt ziemlich brutal…
Das ist es auch. Auch später noch im Beruf, wenn einige Regisseure es richtig darauf anlegen, dich erst mal fertig zu machen... Auf die Theater-Bühne habe ich mich übrigens nie so richtig getraut. Ich hatte einen unglaublichen Respekt vor all den tollen Schauspielerinnen und Schauspielern, die damals wie heute in Bochum aufgetreten sind. Also habe ich mich für Film und Fernsehen entschieden, wo ich relativ schnell in den Bereich Serien kam.

Aber auch dabei sind Sie nicht geblieben.
Nein. Nach der Wende gab es zu wenig Geld für Kultur; die Gagen gingen in den Keller. Dann gewann Jan Ulrich 1997 die Tour de France, und plötzlich gab es einen Radsport-Boom. Als alter Radsportler wurde ich gefragt, ob ich nicht Rennen moderieren wollte. Das habe ich dann auch fast 20 Jahre lang gemacht. Zur Tour de France bin ich für den Fernsehsender „Eurosport“ einige Male mit dem Wohnmobil nach Frankreich gefahren – das passt zu meiner Vagabundier-Liebe – und habe die großen Stars Jan Ulrich und Erik Zabel interviewt. Die waren mir gegenüber immer sehr aufgeschlossen, weil ich vom Fach war und nicht immer nur über Doping reden wollte. Mit Erik habe ich mich richtig angefreundet; mit dem fahre ich jetzt noch manchmal Rad. Übrigens ist es leicht, wirklich erfolgreiche Menschen zu interviewen; die sind meistens nett und bescheiden. Schwieriger sind solche, die einmal kurz ganz oben waren und meinen, sie sind jetzt die Größten.

Und wie kam nach diesem Ausflug in die Sportwelt plötzlich wieder die Liebe zum Schauspiel zurück?
Ich habe ein Casting gewonnen, in dem ich einen Blinden spielen sollte. Das ist gar nicht einfach, weil man sich ganz andere Bewegungen antrainieren muss. Nach dieser Erfahrung bin ich dann wieder ganz in die Schauspielerei eingestiegen, habe mir noch einmal einen Coach genommen und mich von Film zu Film vorgearbeitet – bis in die Champions-League: den Tatort. Die Figur, die ich da spiele, ist mir übrigens gar nicht so unähnlich: ein alternder Zirkusdirektor – das passt irgendwie.

Sie sind jetzt 68 – wollen Sie als Schauspieler noch weitermachen?
Ja! Ich fange gerade erst an! Übrigens hätte ich große Lust, mal einen Pfarrer zu spielen – oder den Papst!

Der Tatort mit Anthony Arndt läuft am Sonntag, 13. Dezember, um 20.15 Uhr in der ARD und um 21.45 Uhr auf One.

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