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Der von Peter Hoheisel gestaltete "Tatort" Vorspann (Foto: epd)

Mit «Tatort»-Kuschelkissen am Fernsehlagerfeuer

Fernsehen

Thomas Gehringer (epd) | 29. November 2020

Mord am Sonntagabend: Am 29. November 1970 lief «Taxi nach Leipzig», der erste «Tatort». Heute ist die Krimi-Reihe für viele Menschen Kult.

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Der von Peter Hoheisel gestaltete "Tatort" Vorspann (Foto: epd)

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Frankfurt a.M. (epd). Der «Tatort» ist alles Mögliche: Fernseh-Unterhaltung, ein gesellschaftliches Phänomen und natürlich auch eine Marke. Zu kaufen gibt es neben DVD-Boxen, Büchern und Spielen selbst ein «Tatort»-Kuschelkissen. Die Pflasterdose und der Wecker sind auf der Fan-Seite der beliebten Krimis aus Münster allerdings ebenso ausverkauft wie das «Frühstücksbrettchen Alberich».
Für die Vermarktung ist die WDR Mediagroup zuständig, und die preist ihr Produkt überschwänglich an: «Der 'Tatort' ist konkurrenzlos. Über den 'Tatort' wird zudem in allen Medien permanent kommuniziert - längst hat er sich zu einem medialen Event entwickelt.» Dem kann man nicht wirklich widersprechen.

   Im Durchschnitt schalteten im vergangenen Jahr neun Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer ein. Der sonntags ausgestrahlte «Tatort» liefert verlässlich Gesprächsstoff für den Schlagabtausch in sozialen Netzwerken oder beim Public Viewing, das sich vor der Corona-Pandemie in etlichen Kneipen etabliert hatte.

   Die Reihe sorgt als eines der wenigen fiktionalen Fernsehformate noch für Gemeinschaftserlebnisse, zählt zu den letzten Lagerfeuern des Fernsehens. Kaum ein Tag vergeht ohne «Tatort»-Wiederholung im Ersten oder in den Dritten Programmen.

   Vor 50 Jahren, als am 29. November 1970 mit «Taxi nach Leipzig» die erste Folge ausgestrahlt wurde, war dieser Erfolg natürlich noch nicht abzusehen. Walter Richter ermittelte als stets mürrisch dreinblickender Kommissar Trimmel, in dessen Hamburger Büro der Spruch zu lesen war: «Der Beamte hat immer Recht.» In der ersten Generation folgte unter anderen der Kölner Zollfahnder und Frauen-Held Kressin (Sieghardt Rupp), der eher ein Anti-Beamter war.

   Aber in der Mehrzahl dominierten die erfahrenen Hüter von Recht und Ordnung, alles Männer versteht sich: Werner Schumacher als Kommissar Lutz in Stuttgart oder Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke in Kiel. Als erste Frau kam Nicole Heesters als Kommissarin Buchmüller 1978 in Mainz zum Einsatz. Heute sind von den aktuell 43 Ermittler-Hauptrollen 19 weiblich besetzt. Ulrike Folkerts ist als Lena Odenthal in Ludwigshafen am längsten dabei (seit 1989), gefolgt von den in München ermittelnden Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl (1991).

   Bis der «Tatort» zum Event und zur Marke wurde, dauerte es freilich eine Weile: Das Fernsehen war zu Beginn der 1970er Jahre gerade erst auf dem Weg zum Massenmedium, vor dem sich eine Nation wie an einem Lagerfeuer versammeln konnte. Bis in die 1990er Jahre hinein wurde nur eine Folge im Monat ausgestrahlt, die Filme dauerten anfangs zwischen 70 Minuten und zwei Stunden, die Marktanteile lagen meist zwischen 50 und 70 Prozent. Denn es gab bis zum Start des Privatfernsehens 1984 nur drei Programme.

   Das ZDF hatte dem Ersten allerdings mit Unterhaltungsprogrammen und der Krimiserie «Der Kommissar» (mit Erik Ode) ordentlich Druck gemacht. Also beauftragte Günter Rohrbach, Fernsehspiel-Chef des WDR, im Jahr 1969 seinen Redakteur Gunther Witte damit, eine Krimi-Serie zu entwickeln. Die Idee des vor zwei Jahren verstorbenen «Tatort»-Erfinders Witte, die Reihe mit verschiedenen Ermittlern in verschiedenen Städten zu verorten, hält den «Tatort» bis heute lebendig. Da ist erstens bei aktuell 21 Teams immer was los, und zweitens spiegelt der «Tatort» im besten Fall die Vielfalt der Lebenswelten in Deutschland.

   «Neben der Regionalität war ein weiteres Kriterium die Vorherrschaft des Kommissars, und das dritte Kriterium war: Die Geschichten müssen mit unserer Realität zu tun haben», sagte Witte 2016 im Interview mit epd medien. Sozialkritische Filme, die auf Missstände hinweisen, auf die Zustände in der Altenpflege («Anne und der Tod»), auf Obdachlosigkeit («König der Gosse») oder auch auf das Erstarken der Neuen Rechten («National feminin»), gehören deshalb zum Markenkern. Nur deshalb konnte die Reihe zu einer Institution und zu einem Spiegel der Zeitgeschichte werden.

   Ästhetische Vielfalt und experimentelle Ausreißer schließt das nicht aus. Die Experimente stärken die Reihe und entschädigen für «Tatorte», die mit schwachen Geschichten und didaktischer Aufklärung von oben herab nerven.

   Zwar spielen regionale Besonderheiten wie Karneval und Oktoberfest, Windenergie im Norden und Weinanbau im Südwesten ab und zu eine Rolle. Aber die meisten Ermittlerfiguren sind universelle Typen. Dialekt zu sprechen, ist riskant, weil dies einen Teil des Publikums auszuschließen droht. Authentische Sprachfärbung trägt aber zur Glaubwürdigkeit bei, wie sich bei den Teams in Wien und München beobachten lässt.

   Der Berliner Götz George konnte freilich auch ohne passenden Dialekt sehr überzeugend den Kommissar Schimanski aus Duisburg spielen. Diese rauflustige, ungehobelte, den «kleinen Leuten» stets zugewandte Figur passte in den 1980er Jahren perfekt in das unter dem Strukturwandel leidende Ruhrgebiet.

   Mit dem Erfolg wächst freilich auch die Verantwortung, der gesellschaftlichen Vielfalt gerecht zu werden. Mit Florence Kasumba ist seit dem vergangenen Jahr die erste schwarze Hauptdarstellerin am Start, an der Seite von Maria Furtwängler im NDR-«Tatort» aus Göttingen. Mehmet Kurtulus war 2008 der erste «Tatort»-Ermittler, der aus einer Einwandererfamilie stammte: der verdeckte Ermittler Cenk Batu aus Hamburg. Und Meret Becker spielt noch bis 2022 in Berlin die erste jüdische Kommissarin. Aber da geht noch mehr. Der «Tatort» steht für Vielfalt. Dieses Pfund sollte er auch in Zukunft nutzen.

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