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Der Unverpackt-Laden "Frau Lose" in Dortmund (Foto: epd)

Ist Nachhaltigkeit nur was für Reiche?

Konsum

Jana-Sophie Brüntjen (epd) | 28. November 2020

Bewusster Konsum kann den Geldbeutel schonen

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Der Unverpackt-Laden "Frau Lose" in Dortmund (Foto: epd)

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Dortmund/Saarbrücken (epd). Das Dilemma fängt im Körperpflege-Gang an. Eigentlich wollte man die Zahnpasta selber machen. Aber die Zahnputztabletten waren im Bioladen schon ziemlich teuer. Und die fertige Öko-Zahnpasta kostete doppelt so viel wie die anderen. Dann doch die Standardzahncreme aus dem Discounter.

   Wer nachhaltig leben will, wird auf den ersten Blick oft mit hohen Preisen konfrontiert. Beispiel Haferflocken: 100 Gramm kosten von Handels-Eigenmarken rund zehn Cent, in Bio-Qualität etwa das doppelte. In Unverpacktläden wie bei «Frau Lose» in Dortmund steigt der Preis schnell auf das Dreifache. Swenja Reil, eine der
Gründerinnen des Ladens, will das gar nicht bestreiten. «Ja, unsere Produkte sind in der Regel teurer als die im Supermarkt oder im Discounter», sagt sie. «Aber das sind sie auch wert.»

   Dass günstige Preise viele anlocken, ist für die Konsumforscherin Andrea Gröppel-Klein keine Überraschung. «Deutschland ist Ende der 90er Jahre zu einem Land der Schnäppchenjäger geworden», sagt sie. Dieses preisorientierte Einkaufen habe sich durch alle Einkommensschichten gezogen. «Wer preiswert einkaufte, galt als clever und leistungsfähig», sagt sie.

   Konsumentinnen und Konsumenten seien unter anderem zu «Variety seekern» geworden, die in ihrem Wunsch nach Abwechslung lieber viel und günstig als wenig und teurer kauften, sagt die Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Um dieser Nachfrage gerecht zu werden, produzieren Modekonzerne wie Zara oder Hennes & Mauritz bis zu zwölf Kollektionen im Jahr.

   Dass dieses Konzept noch immer funktioniert, zeigt der alljährliche aus den USA stammende «Black Friday». Am Freitag nach Thanksgiving stürzen sich die Menschen auf die oftmals radikal reduzierten Angebote in den Läden und in Online-Stores. Gegen dieses «Konsumfest» stellt sich die Bewegung hinter dem «Kauf-nix-Tag». Sie ruft dazu auf, am Tag nach dem «Black Friday» - dieses Jahr der 28. November - nichts zu kaufen und ihn lieber zum Anlass zu nehmen, sich kritisch mit dem eigenen Konsum auseinanderzusetzen.

   Denn auch nachhaltig leben kann durchaus günstig sein. «Wer Produkte länger nutzt, repariert, tauscht, leiht oder gebraucht kauft, schont die Umwelt und meist auch die Haushaltskasse», rät das Umweltbundesamt.

   Wer grundsätzlich weniger konsumiert, handelt umweltfreundlicher - egal, ob man im Bioladen oder Discounter einkauft. Laut Katharina Istel, Referentin für Ressourcenpolitik beim Naturschutzbund (Nabu), ist weniger der Konsum von Menschen mit geringem Einkommen das Problem: «Sie verbrauchen weniger Ressourcen als Menschen mit viel Geld.» In der Debatte darum, wie Konsum nachhaltig gestaltet werden kann, müsse daher die letztere Gruppe in Verantwortung genommen werden. «Es wäre anmaßend, einem Hartz-IV-Empfänger zu sagen, dass er in den Biomarkt gehen soll», sagt sie.

   In den Unverpacktladen in Dortmund kommen Menschen aus verschiedenen Einkommensschichten, sagt Gründerin Reil. Einen typischen Kunden gebe es nicht. Mit den passenden Tipps werde nachhaltiger Konsum auch günstiger: «Für Reinigungsmittel braucht man zum Beispiel nur fünf Grundzutaten und kann daraus alles selber mischen», sagt sie. Das sei erst einmal eine Umstellung, wenn die Kundinnen und Kunden vorher alles fertig aus dem Supermarktregal genommen haben. Wer nachhaltig und preiswert leben möchte, könne allerdings nie seine alten Konsummuster eins zu eins auf umweltfreundlichere Produkte übertragen.

   Im Lebensmittelbereich ist beispielsweise regionales Gemüse der Saison auf dem Markt für wenig Geld zu haben. Zudem ist es günstiger, selbst zu kochen, anstatt auf Fertiggerichte oder Produkte wie Pudding und Milchreis in kleinen Bechern zurückzugreifen.

   Eine zumindest geplante Veränderung des Kaufverhaltens sei inzwischen bei mehr und mehr Menschen zu beobachten, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Gröppel-Klein. Gerade die ältere Zielgruppe erkenne, «dass billig kaufen oft doppelt kaufen heißt», sagt sie. Das merkten Konsumentinnen und Konsumenten am deutlichsten
bei Non-Food-Artikeln, zum Beispiel wenn ein qualitativ hochwertigeres T-Shirt mehr Waschgänge übersteht und somit nicht so schnell ein neues gekauft werden muss.

   Und wer die Erfahrung mache, dass Fleisch von der Theke und aus artgerechter Haltung besser schmecke, gebe sich auch damit zufrieden, weniger davon zu kaufen, sagt Gröppel-Klein. Dahinter stehe die Wertschätzung für das Produkt und dessen Herstellung. «Wir müssen von dem Prinzip der Preisgünstigkeit wieder Richtung Preiswürdigkeit», sagt sie. So erscheine auch nachhaltiger Konsum nicht mehr ganz so teuer.

Internet

Umweltbundesamt zum «Kauf-Nix-Tag»: http://u.epd.de/1oek
Über Andrea Gröppel-Klein: http://u.epd.de/1oel
Über Frau Lose: http://u.epd.de/1oem

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