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Grafik: TSEW

Ein Raum für dunkle Zeiten

Advent

Aus der Printausgabe - UK 49 / 2020

Anke von Legat | 30. November 2020

Keine vorweihnachtlichen Konzerte, Andachten, Gottesdienste? Das ist traurig. Aber die gute Nachricht lautet: Wir haben unsere Kirchräume – und die sind gerade jetzt besonders wertvoll.

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Grafik: TSEW

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Adventszeit. Zeit des Wanderns durch die Dunkelheit mit einem kleinen Hoffnungslicht vor Augen. Erinnerung an Gottes Verheißung: Die Finsternis ist besiegt. Die Morgenröte kommt – und dann wird alles gut nach einem langen Weg durch schwere Zeiten. Selten war diese Sehnsucht so groß wie gerade jetzt.

Normalerweise wird diese Zeit der Hoffnung und Sehnsucht in den Kirchen mit Liedern und Konzerten, mit Andachten, Adventsfeiern und schön gestalteten Gottesdiensten begleitet. All das ist im Moment nicht möglich. Und doch haben wir ein Angebot, wie es sonst kaum jemand hat: Wir haben unsere Kirchräume.

Diese Räume können wir in diesem besonderen Advent öffnen und das anbieten, was viele Menschen im Moment so sehr suchen: einen Raum der Ruhe; einen Ort, an dem Platz genug ist, um durchzuatmen und die Seele schwingen zu lassen; einen „heiligen“ Ort, der die Möglichkeit bietet, das Herz zu öffnen, zu beten, zu meditieren, zu lauschen auf Gott.

Solche Räume brauchen wir in dieser Zeit mehr denn je. Die vielen, immer neuen Informationen, Ängste, Hoffnungen, Enttäuschungen zehren an den Kräften, machen ratlos, unruhig und manchmal auch aggressiv. In dieser Situation schlägt die Stunde der offenen Kirchen: Hier kann man den Alltag mit seinen Sorgen für ein paar Minuten außen vor lassen und eintauchen in die Atmosphäre eines Raumes, in dem Gott gefeiert wird. Und natürlich kann man hier auch seine Sorgen vor Gott aussprechen, klagen, trauern, um Hilfe bitten, für andere beten.

Es ist ja zum Glück kein großer Aufwand, unsere Kirchen im Advent offen und einladend zu gestalten. Ein paar Kerzen, Tannenzweige und Strohsterne reichen für eine adventliche Atmosphäre.

Wenn man selbst Kerzen anzünden kann, umso besser. Wenn einmal am Tag ein adventlicher Text vorgelesen wird, ein Vaterunser und ein Segen gesprochen werden, ist das ein wohltuendes geistliches Angebot. Wenn die Orgel eine halbe Stunde lang leise über Advents­choräle improvisiert, berührt das in diesem Jahr ganz besonders.

Eine alte Tradition könnte gerade in diesem Jahr Gottes Beistand vor Augen führen: die Wandelkrippe. Auch hier ist kein großer Aufwand nötig: Maria, Josef und ein Esel auf dem Weg durch die Kirche, geleitet von einem Stern – das wäre ein schlichtes, aber anrührendes Bild dafür, dass Gott mitgeht durch dunkle Zeiten.

Vielleicht liegt sogar ein Segen darauf, dass größere Veranstaltungen diesmal ausfallen; dass wir nicht von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier hetzen, keine Probenpläne für Chorkonzerte und Krippenspiele koordinieren, keine Verabredungen am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt einhalten müssen.

Der vorweihnachtliche Stress, über den sonst so gern geklagt wird, dürfte dadurch erheblich abnehmen – und im besten Fall Platz machen für mehr Stille, mehr Besinnung, mehr Einkehr. Uns wird es sicher gut tun – und der Welt auch.

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