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Niemand sagt, dass es einfach ist

Frieden

Aus der Printausgabe - UK 47 / 2020

Anke von Legat | 16. November 2020

Das öffentliche Bild der Religionen wird zur Zeit überwiegend von Fanatismus und Gewalt beherrscht. Wer für Versöhnung arbeitet, tut das oft im Verborgenen – dafür umso hartnäckiger.

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Selig sind, die Frieden stiften. Eine wunderbare Verheißung an alle Gläubigen – wenn sie denn nicht so brutal mit der Wirklichkeit zusammenstieße. Islamistisch motivierte Anschläge in Paris und Wien. Bibeltreue Christen, die Donald Trump trotz seiner Lügen und menschenverachtenden Äußerungen bedingungslos unterstützen. Ultraorthodoxe Juden, die Busse am Sabbat mit Steinen bewerfen.

Für viele, die sich selbst als besonders fromm bezeichnen, gilt Gewalt geradezu als Mittel der Wahl – sei es, um „Ungläubige“ zu bestrafen, oder sogar um alle, die nicht der eigenen Weltsicht anhängen, schlicht auszulöschen. Zunehmend kritisieren Außenstehende, dass die Religionen selbst  durch ihren absoluten Wahrheitsanspruch der Grund für Fanatismus und Hass sind. Wo sind sie denn bloß, die Friedensstifter?

Zum Glück gibt es sie, in allen Religionen – auch wenn sie viel seltener im Fokus der Öffentlichkeit stehen als ihre gewalttätigen Brüder und Schwestern. Sie arbeiten meistens im Verborgenen, unspektakulär, aber hartnäckig, für die Grundlagen des Friedens: Gerechtigkeit und Versöhnung. Die Internationale Nagelkreuzgemeinschaft mit Sitz in Coventry ist ein Beispiel dafür; die deutsch-polnischen Gespräche der Kirchen ein weiteres.

Unzählige bekannte und unbekannte Friedensorganisationen und -initiativen tun eine ähnlich segensreiche Arbeit. Und auch sie üben auf ihre Art eine starke und wirklich dem Glauben gemäße Anziehungskraft aus.

Hier engagieren sich Menschen, die das letzte Wort nicht den hasserfüllten Gewalttätern überlassen wollen. Ihre Botschaft lautet vielmehr: Gott – egal, welchen Namen wir ihm geben – will ein gutes Miteinander seiner Geschöpfe. Er hat uns aufgetragen, liebevoll und fürsorglich miteinander umzugehen; allen Menschen das zukommen zu lassen, was sie zum Leben brauchen; und Rechte und Würde aller gleich zu achten. Dieser Auftrag gilt gerade dort, wo Menschen dagegen verstoßen.

Denn an Schuld kommen wir Menschen rätselhafterweise nicht vorbei. An gewalttätiger Vergeltung aber sehr wohl. Vergebung und Versöhnung heißen die Wege, die Frieden ermöglichen. Genau das zeigen uns die heiligen Schriften unserer Religionen – und genau das praktizieren unzählige Gläubige in ihrem Leben.

Einfach ist das nicht, im Gegenteil: Wer Demütigungen, Lügen, Verachtung oder Gewalt am eigenen Leib erlebt hat, weiß, wie hart man manchmal an Vergebung arbeiten muss. Und wer seit Langem in einem vertrauten Umfeld verwurzelt ist, muss oft erst einmal schlucken, wenn andere Menschen die geliebten Traditionen oder Glaubenshaltungen in Frage stellen. Offenheit, Verständnis, Gelassenheit müssen oft erst mühsam erkämpft werden. Dass sich das trotz der Mühe lohnt, zeigen all die, die Frieden und Versöhnung leben. Ohne diese Aktivistinnen und Mystiker, Beter und Macherinnen, Hoffende und Träumende wäre die Welt ein viel friedloserer Ort.

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