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Grafik: TSEW

Wenn die Seele weint

November

Aus der Printausgabe - UK 46 / 2020

Nicole Schneidmüller-Gaiser | 9. November 2020

Als ob der Monat nicht schon trübe und schwer genug wäre: Jetzt kommen auch noch vier Wochen Lockdown dazu. Gibt es ein besseres Bild für die Vergänglichkeit – aber auch für die Hoffnung?

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November. Mit seinen „stillen“ Feiertagen ist dieser Monat schon in normalen Zeiten nicht gerade die Stimmungskanone im Jahresablauf. Die Sonne zeigt sich nur selten. Und wenn, dann kurz. Die Bäume verlieren ihr Laub, die Menschen ihre gute Laune. Die Nerven sind angekratzt, die Hoffnung stiftende erste Kerze des Adventskranzes ist noch weit entfernt.

Und jetzt auch noch Lockdown. „Light“, hab ich irgendwo gelesen, also „leicht“ oder „abgeschwächt“. Macht’s auch nicht besser, oder?

Wir sollen zu Hause bleiben, vier Wochen lang. Kontakte meiden, unnötige Begegnungen unterlassen. Restaurants, Theater, Konzerte – vieles, was uns guttut, was uns aus dem Alltag entführt, ist in diesen vier Wochen nicht mehr möglich.

Im Kampf gegen ein Virus, das wir nicht sehen, nicht verstehen können, wird uns viel abverlangt – und während wir im Frühjahr 2020, als der erste Lockdown kam, wenigstens Spaziergänge und knospende Blüten, wärmende Sonnenstrahlen und frisches Grün an unserer Seite hatten –  wirkt jetzt, im Herbst, alles noch viel trister.

Schönschreiben kann ich diesen November-Blues nicht. Und auch nicht den Lockdown, ob nun „light“ oder nicht.

Er ist eine Herausforderung, dieser graue, sperrige, grantelnde Monat. Doch seit langer Zeit mag ich ihn trotzdem. Irgendwie. Er erinnert mich daran, dass das Leben nicht nur aus Feiern und Lachen bestehen kann – so sehr ich mir das auch wünsche. Er erinnert mich an meine eigene Vergänglichkeit. Er erinnert mich schmerzhaft an all die Menschen, die ich schon verloren habe und an die zu denken im hektischen Alltag manchmal zu kurz kommt.

Er zwingt mich zum Innehalten, nimmt mir meine Ablenkungen weg, wirft mich auf mich selbst zurück. Was ist wichtig? Was zählt wirklich im Leben? Was bleibt, wenn man die fröhliche Oberflächlichkeit mal beiseite schiebt?

Jeder, der schon einmal großen Schmerz erfahren hat, weiß: Weinen löst keine Probleme – aber es reinigt die Seele. So empfinde ich den Monat November: Ein ritualisiertes, verordnetes Innehalten, eine Auszeit vom Banalen, eine Einladung zur Bestandsaufnahme. In diesem Jahr mit seinen Beschwernissen und Verlusten noch viel mehr als sonst.

Vielleicht ist es einen Versuch wert, auf diese auferlegte Zeit ohne das heutzutage fast reflektorische öffentliche Wehklagen zu reagieren. Sich dieser Prüfung gefasst zu stellen, und statt zusätzliche Energie durchs Schimpfen zu verlieren, sie anzunehmen. Und zu schauen, was noch geht, wo man helfen kann, wie man in Kontakt bleibt – statt sich zusätzlich zu quälen mit der Sehnsucht nach dem, was gerade nicht geht.

Am Ende des Monats wartet das Licht. Die Hoffnung. Es wird wieder aufwärts gehen, es gibt einen Neuanfang und einen Grund für Zuversicht. Advent. Darauf vertraue ich.
Kommen Sie gut durch den November und durch diese Woche.

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