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Szene aus dem Film "1984" nach dem Roman von George Orwell (GB 1955/56, Regie: Michael Anderson). Es war die unheimliche Vision eines totalen Überwachungsstaates. (Foto: epd)

«Rache ist sauer»

Literatur

Marcus Mockler (epd) | 10. November 2020

Das vom Krieg zerstörte Stuttgart hat George Orwell 1945 vor Augen geführt: Vergeltungsmaßnahmen gegen frühere Feinde führen zu nichts. Vor 75 Jahren publizierte er seinen Essay «Rache ist sauer».

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Szene aus dem Film "1984" nach dem Roman von George Orwell (GB 1955/56, Regie: Michael Anderson). Es war die unheimliche Vision eines totalen Überwachungsstaates. (Foto: epd)
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Der Schriftsteller George Orwell (Foto undatiert). (Foto: epd)

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Stuttgart (epd). Am 9. November 1945 erscheint in der britischen Zeitschrift «Tribune» ein legendärer Essay von George Orwell (1903-1950) unter der Überschrift «Rache ist sauer». Darin kritisiert der Bestsellerautor Vergeltungsmaßnahmen gegen ehemalige
Kriegsfeinde. Anlass war unter anderem ein Besuch im ausgebombten Stuttgart, über den bis heute wenig bekannt ist.

   Der Durchbruch als Schriftsteller stand Orwell erst noch bevor. Seine Parabel «Farm der Tiere» erschien im August 1945 und ging in den nachfolgenden Monaten und Jahren um die ganze Welt. Sein düsterer Zukunftsroman «1984» wurde erstmals 1949 publiziert. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs verdingte er sich als Kriegsreporter für zwei britische Zeitungen. Im selben Jahr musste er auch den Tod seiner Frau Eileen verkraften, die bei einer Operation den Folgen einer Narkose erlag.

   In Paris bezieht Orwell seine Basis als Reporter. In Deutschland, das kurz vor der Kapitulation steht, besucht er Köln, Nürnberg und danach Stuttgart. Dort kommt er just in dem Moment an, als alliierte Truppen die Stadt befreien. Am 22. April 1945 übergibt der Stuttgarter Oberbürgermeister die Stadt an die Franzosen.

   Orwell erzählt in seinem Essay, wie er mit einem belgischen Journalistenkollegen durch die Stadt streift. Fast alle Brücken über den Neckar hatten die Nationalsozialisten kurz vor dem Einmarsch der alliierten Truppen gesprengt.

   Sie gehen über die einzige Neckarbrücke, die noch intakt ist - den heute noch existierenden Berger Steg, der das Festgelände des Cannstatter Wasens mit der Oststadt verbindet. Neben der Brücke liegt eine männliche Leiche. Der Belgier gibt später zu, hier erstmals in seinem Leben einen Toten gesehen zu haben. Orwell ist erstaunt, dass ein Journalist in einem Krieg, dessen Opfer er beim Abfassen des Artikels auf 20 Millionen Menschen schätzt, bislang noch keinen Toten gesehen hat.

   Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Geoff Rodoreda hat in den vergangenen Jahren Recherchen zu Orwells Stuttgart-Aufenthalt angestellt. Rodoreda geht davon aus, dass der britische Kriegsreporter vom 22. bis 25. April in der Stadt war. Der
Wissenschaftler vermutet, dass in einem Archiv in Ludwigsburg mit Materialien aus der US-Besatzungszeit noch ein Papier liegen müsste, das die Einquartierung Orwells in einem bürgerlichen Haushalt anordnete. Bislang habe sich aber offenbar niemand die Zeit genommen, nach diesem Dokument zu fahnden.

   Die vier Tage in Stuttgart sollten Orwells Perspektive verändern. Das Chaos dieser Stunden mit zerstrittenen US-amerikanischen und französischen Alliierten und Menschen, die in Gruppen durch die Stadt zogen und vor Gewalt nicht zurückschreckten, ließen ihn zu dem Schluss kommen: Mit einem knebelnden Friedensvertrag wäre für die Völkergemeinschaft nichts gewonnen.

   «Das Bestrafen des Feindes bringt keine Befriedigung», schreibt er in seinem vor 75 Jahren erschienenen Essay. So verständlich individuelle Racheakte insbesondere von Juden seien, die vielleicht ihre ganze Familie durch den Nazi-Terror verloren hätten, so unangemessen seien sie als politisches Handeln. Bestrafung sei ein «kindischer Tagtraum», Rache ein Akt, den sich nur die Machtlosen wünschten.

   Orwell, der in den 30er Jahren bereits Soldat im Spanischen Bürgerkrieg war, hatte in Stuttgart eindrückliche Erfahrungen gemacht. Der Belgier, der vor seinem Besuch am Neckar noch voller Hass gegen die Deutschen gewesen war, schenkte den deutschen Gastgebern am Ende seinen restlichen Bohnenkaffee. Auslöser dieser Geste sei der arme Tote neben der Brücke gewesen, durch den er die Bedeutung des Krieges verstanden habe.

   Rodoreda hält Orwells Essay «Rache ist sauer» für einen der wirkungsvollsten des Schriftstellers. Der Brite habe damit die Kräfte gestärkt, die aus den Fehlern des Versailler Friedensvertrags lernen und milder mit den Besiegten umgehen wollten. «Die Nachkriegsgeschichte hat der Haltung Orwells recht gegeben», findet Rodoreda.

   Im deutschsprachigen Raum ist Orwells Artikel aufgrund einer verlegerischen Entscheidung berühmt geworden: Der Diogenes-Verlag in Zürich publizierte 1975 einen Sammelband mit ins Deutsche übersetzten Essays von Orwell. Dabei wurde der Essay vom 9. November 1945 titelgebend für das Buch: «Rache ist sauer».

   Wissenschaftler Rodoreda glaubt, dass auch der dystopische Roman «1984» stark von dem geprägt ist, was Orwell in Stuttgart und in anderen Regionen des zerstörten Nazideutschlands gesehen hat. Wenige Wochen nach seiner Zeit als Kriegsreporter nahm er in England die Arbeit an seinem berühmtesten Werk über einen totalitären
Zukunftsstaat auf.

   Orwell zog in ein einsames Haus auf einer Insel vor Schottlands Küste und widmete sich fast nur noch dem Schreiben. Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung von «1984» starb er am 21. Januar 1950 im Alter von 46 Jahren in einem Londoner Krankenhaus an einer Lungenblutung.

Info

George Orwell: Rache ist sauer. Essays. Diogenes Verlag 2003. 11 Euro

Internet

Geoff Rodoreda an der Universität Stuttgart: http://u.epd.de/1nt1

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