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Stolz auf ihre selbst gemachte Marmelade: Bewohnerin Erna Wieberneit, Alltagsbegleiterin Anja Schlicker, Leiterin des Sozialen Dienstes Manuela Söhnchen, Praktikantin Anna Sophia Pfeffer und Bewohnerin Maria Jacob(von links). (Fotos: Andreas Vincke/Diakonie Ruhr)

Mit Waffeln, Entsafter und Zuversicht

Senior*innen

Aus der Printausgabe - UK 46 / 2020

Ann-Kristin Herbst | 11. November 2020

Menschen in Alten- und Pflegeheimen haben zu Beginn der Corona-Pandemie stark unter den Besuchsverboten gelitten. Jetzt ist vielen vor dem Winter bange. Im Altenzentrum am Schwesternpark setzt man auf Flexibilität, Zusammenhalt und Kultur.

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Stolz auf ihre selbst gemachte Marmelade: Bewohnerin Erna Wieberneit, Alltagsbegleiterin Anja Schlicker, Leiterin des Sozialen Dienstes Manuela Söhnchen, Praktikantin Anna Sophia Pfeffer und Bewohnerin Maria Jacob(von links). (Fotos: Andreas Vincke/Diakonie Ruhr)
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Kinder aus der Kita Friedenskirche in Witten-Annen haben für die Senioren gemalt. Maria Flick vom Altenzentrum präsentiert die Bilder.
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Auf ein Gläschen Sekt oder Eierlikör: Mit einer mobilen Mini-Bar fahren Anja Schlicker und Marc Kleinevoß in die Wohnbereiche.

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Wenn der neue Entsafter im Garten des Altenzentrums am Schwesternpark Feierabendhäuser in Witten anspringt, versammeln sich die Experten. Ein älterer Herr schiebt den Betreuungsassistenten auf der Terrasse zur Seite: „Komm, ich mach das mal. Ich habe ein Geheimrezept.“ Seit der Anschaffung des Geräts fachsimpeln die 111 Bewohnerinnen und Bewohner fleißig. Wie bekommt man den besten Apfelsaft? Und wie viel Zucker muss beim Einkochen in die Marmelade?

In der Krise ist Kommunikation wichtig

„Die Idee mit dem Entsafter war ein voller Erfolg“, sagt Einrichtungsleiter Andreas Vincke am Telefon. Außerdem kämen die Äpfel aus dem Garten der Einrichtung endlich zu ihrem Nutzen. Entsaften ist nicht die einzige Ablenkung in Witten: Die Seniorinnen und Senioren rösten Kaffee, backen Waffeln oder gönnen sich an der mobilen Mini-Bar, die durch die Wohnbereiche fährt, einen Eierlikör oder einen Schokoriegel. Wenn man Vincke zuhört, könnte man meinen, die Corona-Krise sei ganz weit weg: „Das täuscht. Das ist unser neuer Rhythmus, der sich langsam eingependelt hat“, entgegnet er. „Zu Beginn der Pandemie war der Alltag unglaublich fordernd.“

Im April und Mai war der Einrichtungsleiter sieben Tage in der Woche im Altenzentrum. Vom Koch über den Betreuungsassistenten bis zur Pflegekraft − jeder Mitarbeitende wurde von ihm geschult. „Jetzt müsst ihr besonders gut pflegen und umsichtig sein“, schärfte Vincke den Mitarbeitenden ein. Die kritische Kontrollinstanz, die Angehörigen, fiel plötzlich weg. Das Altenzentrum am Schwesternpark richtete eine 24-Stunden-Rufbereitschaft ein. Verwandte konnten sich rund um die Uhr nach den Bewohnern erkundigen. Sein Team sei zusammengewachsen und habe Enormes geleistet, betont der ausgebildete Altenpfleger.

„Alle zwei bis vier Wochen haben wir alle Angehörigen angeschrieben und von unserem neuen Alltag berichtet.“ ,Fenster-Besuche‘ oder Gespräche vom Balkon aus seien das ganze Frühjahr über möglich gewesen. „In solch einer Krisensituation ist Kommunikation und Flexibilität das Allerwichtigste. Das ist meinem Team gut gelungen“, so Vincke. Allerdings habe das Altenzentrum auch viel Glück gehabt. Bislang ist keiner der Senioren an Corona erkrankt.

Im Frühjahr gab es Berge an Geschenken

Das Frühjahr sei für alle belastend gewesen, für die Bewohnerinnen und Bewohner, die Mitarbeitenden und die Angehörigen. Bis zu zwanzig Verwandte seien pro Tag ins Altenzentrum gekommen, um sich an der Tür persönlich nach ihren Liebsten zu erkundigen und Körbe mit Süßigkeiten, Zeitschriften und sogar mit selbst geschmierten Stullen abzugeben. Allein im August besuchten 1200 Menschen das Zentrum. Ganze Berge an Geschenken hätten die Betreuerinnen täglich auf einen Wagen geladen und verteilt. „Viele der Bewohner haben im Frühjahr sichtbar zugelegt“, schmunzelt Vincke.

„Wir blicken positiv in die Zukunft. Wir schauen immer, was kann man noch machen und beklagen nicht, was alles nicht mehr geht“, beschreibt der Leiter die Haltung seines Teams. Faktisch sei das kulturelle Leben, so wie es Mitarbeitende und Bewohner vor der Corona-Krise kannten, zum Erliegen gekommen. Im Schwesternpark trifft sich normalerweise ein Fotoverein, der regen Austausch mit den Senioren pflegt. Musiker aus der Region kommen für Konzerte vorbei. Und Künstler stellen im Altenzentrum aus. All das geht jetzt nicht. Auch der ,Drum Circle‘ des Heimes finde jetzt nur in den sieben Wohnbereichen und nicht in der großen Cafeteria statt.

„Der Winter wird lang werden. Wir versuchen aber, so viel zu ermöglichen, wie es geht.“ Mit einer Projektgruppe ,Beleuchtung‘ und vielen Dekorationen im Innenbereich sollen der Herbst und Winter für die Bewohnerinnen und Bewohner erträglicher werden. „Bis es verlässliche Corona-Schnelltests auch für Altenheime gibt, werden wir das Miteinander hier weiter ,zerstückelt‘ gestalten müssen“, so Vincke. Statt einer großen Nikolaus- und Weihnachtsfeier werde es kleine Veranstaltungen in den Wohnbereichen geben.

„Wir bleiben flexibel und fahren erst einmal auf Sicht“, sagt der Hobbyfotograf, der normalerweise zu dieser Jahreszeit Fotos von den Bewohnern für den überregional bekannten Kalender des Altenzentrums schießt. Auch das wird in diesem Jahr ausfallen. Einen Kalender wird es dennoch geben. Wer für die Kalenderblätter fotografiert wurde, möchte Andreas Vincke noch nicht verraten. Nur so viel: „Es war lange überfällig und sie haben es mehr als verdient, endlich gesehen zu werden.“

Der Gastbeitrag ist von der Diako­nie Rheinland-West­falen-Lippe (RWL).

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