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Der kanadische Musiker Neil Young am 30.06.1996 bei einem Konzert auf der Insel Kalvøya in Norwegen. Neil Young gilt als Aushängeschild der Hippie-Kultur. Am 12. November wird er 75. (Foto: epd)

Der ewige Hippie

Musik

Holger Spierig (epd) | 12. November 2020

Rockmusik und politisches Engagement gehören für ihn zusammen: Der kanadische Musiker Neil Young gilt als Aushängeschild der Hippie-Kultur. Am 12. November wird er 75.

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Der kanadische Musiker Neil Young am 30.06.1996 bei einem Konzert auf der Insel Kalvøya in Norwegen. Neil Young gilt als Aushängeschild der Hippie-Kultur. Am 12. November wird er 75. (Foto: epd)

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Frankfurt a.M. (epd). Als US-Präsident Donald Trump seinen Song «Rockin' in the free World» bei Wahlkampf-Veranstaltungen spielen ließ, zog Neil Young vor Gericht: Er könne es nicht erlauben, dass seine Musik bei Trump-Kundgebungen als «Titelsong für eine spalterische, unamerikanische Kampagne von Ignoranz und Hass» benutzt werde, erklärte der kanadische Rockmusiker. Sein aktualisiertes Stück «Looking for a Leader» ist ein flammender Appell gegen eine weitere Amtszeit Trumps.

   Am 12. November wird Neil Young 75, und Musik und gesellschaftliches Engagement haben bei ihm schon immer zusammengehört: «Bis heute ist Young seinem Ruf eines Nörglers und unbequemen Menschen im positiven Sinne treu geblieben», sagt der Kurator des Gronauer «Rock'n'Popmuseums», Thomas Mania, dem epd. Young sei «ein sperriger Künstler, dessen bissige politische Kommentare im harten Kontrast zu seiner streichbutterzarten Stimme stehen», schrieb einmal die «Süddeutsche Zeitung».

   In dem Album «Living With War» setzte sich der in Toronto geborene Musiker im Jahr 2006 kritisch mit der Irak-Politik der USA auseinander. Dem Kampf gegen den Saatgutkonzern und Glyphosat-Hersteller Monsanto widmete er ein eigenes Album («The Monsanto Years», 2015). Außerdem engagiert er sich für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner und streitet für den Klimaschutz.

   Als Sänger, Songwriter und Gitarrist hat Young mehrere Generationen geprägt. Mit seinem bis heute immer wieder gespielten Song «Heart of Gold» (1972) brachte er den Folkrock in die Charts. Seine E-Gitarren-Exzesse auf seiner schwarz angemalten 1953 Gibson Les Paul Goldtop nutzten später amerikanische Grunge-Bands als Inspiration. Mit den Grunge-Rockern von «Pearl Jam» nahm Young 1995
auch die Platte «Mirror Ball» auf.

   Seine Glanzzeit hatte er in den 60er und 70er Jahren: Legendär ist sein Auftritt beim Woodstock-Festival mit der Super-Group «Crosby, Stills, Nash & Young». Neben ihrer musikalischen Exklusivität seien sie damit auch ein Aushängeschild der Hippie-Generation gewesen, erklärt der Musikexperte Mania.

   Der Geist der Hippie-Zeit hat Neil Young auch nach seinen eigenen Worten stark geprägt: «Das war wahrscheinlich die beste Zeit, in der man leben konnte, alles war noch unschuldig», sagte er 2012 in einem «Spiegel»-Interview. Die Musik habe die Kultur zusammengehalten. «Ich hatte Glück, dabei sein zu dürfen.»

   Bereits die Band «Buffalo Springfield», die er mit seinem Freund Stephen Stills gegründet hatte, wurde Mitte der 60er Jahre zu einer der führenden Gruppen der aufstrebenden Folk-Szene in Kalifornien. Der Musiker wurde mit «Buffalo Springfield» sowie als Solo-Künstler in die «Rock and Roll Hall of Fame» aufgenommen.

   Young gilt aber auch als nicht einfacher Einzelgänger, der bei seiner Musik keine Kompromisse kennt. So zog er auf dem Gipfel des kommerziellen Erfolges mit «Crosby, Stills, Nash & Young» die Reißleine, um weiter seine Solo-Projekte zu verfolgen. «Es gab so viel, was aus mir rausdrängte, so viele Songs, so viele Ideen und Klänge im Kopf», schrieb Young dazu in seiner Autobiografie «Ein Hippie-Traum».

   Doch sein Werk enthält nicht nur wütende Anklagen, es ist auch von Melancholie durchzogen. Nur mit der Akustikgitarre wurde «The Needle and the Damage Done» eingespielt, mit dem Young Abschied nahm von seinem kongenialen Gitarristen Danny Whitten. Der Bandkollege von «Crazy Horse» war 1972 an den Folgen von Heroinsucht gestorben. Und die Atmosphäre von Youngs Album «Prairie Wind» (2005) ist geprägt vom Tod seines Vaters.

   Sein Privatleben hält Neil Young in der Regel aus der Öffentlichkeit heraus. Im Jahr 2018 heiratete er die Schauspielerin Daryl Hannah, wie erst später bekannt wurde. Zuvor war er mit der Künstlerin und Musikerin Pegi Young 36 Jahre lang verheiratet. Die von ihr gründete Stiftung «Bridge School» für die Ausbildung von behinderten Kindern unterstützte er unter anderem mit Konzerten. Anstoß war, dass zwei der drei Kinder Youngs mit Behinderungen durch infantile Zerebralparese leben.

   In den letzten Jahren gründete der Musiker einen eigenen Streamingdienst, weil er mit der Soundqualität der Musik auf den Onlineplattformen unzufrieden ist. Außerdem ließ der Fan von alten amerikanischen Straßenkreuzern einen klimafreundlichen Antrieb für seinen Lincoln Continental von 1959 entwickeln. Sein umfangreiches
musikalisches Werk bereitet er in den «Neil Young Archives» auf, die er über seine Internetseite sowie in Liebhaber-Ausgaben auf CD und Vinyl veröffentlicht.

   Hippie zu sein, bedeute für ihn, sich wohlzufühlen «mit dem, was ich tue», sagte er einmal. «Ich muss beschäftigt bleiben und all diese Projekte verfolgen, so verrückt sie auch klingen mögen.»

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