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Kinder aus Rumänien freuen sich über ihre Schuhkartongeschenke. Seit 25 Jahren gibt es in Deutschland die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. (Foto: David Vogt)
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Umstrittene Geschenke

Weihnachten im Schuhkarton

Aus der Printausgabe - UK 45 / 2020

Karin Ilgenfritz | 4. November 2020

Jubiläum: Seit 25 Jahren werden hierzulande Weihnachtsgeschenke für Kinder in armen Regionen gesammelt. Einerseits schön für die Beschenkten. Andererseits gibt es auch Kritik – vor allem am Leiter der dahinterstehenden Organisation.

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Kinder aus Rumänien freuen sich über ihre Schuhkartongeschenke. Seit 25 Jahren gibt es in Deutschland die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. (Foto: David Vogt)

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Alle Jahre wieder sammelt Larissa König in Porta Westfalica Weihnachtspakete für Kinder in aller Welt ein. Sie hat zuhause genug Platz und ist daher seit vier Jahren ein so genannter „Sammelpunkt“ für die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. „Es gibt bei uns im Umkreis zehn Stellen, die die Pakete annehmen. Dort hole ich sie dann ab und lagere sie bei uns“, erklärt Larissa König. Zu den Annahmestellen gehören zum Beispiel Supermärkte, eine Buchhandlung, ein Schuhhaus und Privatpersonen. „Auch die Stadtwerke Minden nehmen die Pakete an.“

Zuhause einen Schuhkarton befüllen

Wer Lust hat, kann sich an der Aktion beteiligen: zuhause einen Schuhkarton mit Geschenkpapier bekleben und mit Dingen füllen, die Kindern eine Freude machen. Dabei sind ein paar Vorgaben zu beachten. Es sollen keine gebrauchten Sachen verschenkt werden, das Mindesthaltbarkeitsdatum von Lebensmitteln (Süßigkeiten) muss mindestens bis März nächsten Jahres gehen. „Es dürfen keine Dinge drin sein, die zollrechtlich problematisch sind. Zum Beispiel nichts mit Nüssen“, sagt Tobias-Benjamin Ottmar, der Leiter der Öffentlichkeitsabteilung von „Samaritan‘s Purse“ (Geldbörse des Samariters). Das ist die Organisation, die hinter der Aktion steht.

Der gut bestückte Karton wird dann in der nächsten Annahmestelle abgegeben. Von dort holen es die Zuständigen der regionalen Sammelpunkte ab – so wie Larissa König. „Das waren in den letzten Jahren immer rund 500 Päckchen“, berichtet die 40-Jährige. Sobald die Annahmezeit um ist, schickt sie die Pakete per Post nach Berlin. In diesem Jahr ist die Zeit, in der die Päckchen abgegeben werden können, vom 9. bis 16. November.

Wer einem Kind ein Geschenk zukommen lassen möchte, aber nicht selbst packen will, kann auch Geld spenden. „Wir kaufen dann ein und füllen die Kartons“, sagt Larissa König. „Wir veranstalten Packpartys. Da machen wir das dann gemeinsam. Das ist ein schönes Gemeinschaftsereignis.“ In diesem Jahr werden diese Partys allerdings nicht wie üblich stattfinden können. „Durch Corona geht das nicht.“

In Berlin werden die Pakete in der „Weihnachtswerkstatt“ durchgesehen und kontrolliert, ob der Inhalt in Ordnung ist. „Was nicht rein darf, kommt raus. Wenn zu wenig drin ist, wird aufgefüllt“, sagt Tobias-Benjamin Ottmar. Dann werden die Kartons verschickt – in Gegenden, wo große Armut oder auch Krieg herrscht.

Im letzten Jahr waren das Länder wie Rumänien, Bulgarien, Georgien oder Polen. „Nach unserer Erkenntnis ist Weihnachten im Schuhkarton die größte Geschenkaktion für Kinder in Not“, sagt Ottmar. Vielen Paketen liegt auch ein Heftchen bei, das den Kindern den christlichen Glauben nahebringen soll.

Das allerdings ist einer von mehreren Punkten, die Kritiker bemängeln: Die Aktion sei vorrangig missionarisch, der vermittelte Glaube sehr evangelikal. Es gehe nicht um nachhaltige Hilfe, sondern darum, Kinder zu bekehren. Tobias-Benjamin Ottmar von Samaritan‘s Purse in Deutschland kennt die Bedenken. „Wir arbeiten mit Gemeinden vor Ort zusammen. Die bieten Glaubenskurse für die Kinder an. Niemandem wird da etwas übergestülpt.“ In Regionen, wo der Islam vorherrschende Religion sei, würden sie auch keine Heftchen beilegen oder Kurse anbieten.

Weiter betont er: „Weihnachten im Schuhkarton ist auch nicht als Entwicklungsprojekt gedacht, sondern ist Beziehungsarbeit. Wir legen Wert auf den Kontakt mit Gemeinden vor Ort, die wiederum Beziehungen zu den Menschen dort aufbauen wollen – und klar: auch von Jesus erzählen wollen.“

Dennoch ist die Kampagne unter Christinnen und Christen umstritten. Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin hat sich damit befasst. Der promovierte Theologe sagt, man brauche da Ambiguitätstoleranz, müsse also eine gewisse Mehrdeutigkeit aushalten können. „Gegen die Aktion an sich ist nichts einzuwenden. Klar könnte man sagen, es ist keine nachhaltige Entwicklungshilfe. Aber es spricht ja erst einmal auch nichts dagegen, Kindern eine Freude zu machen.“

Andererseits sieht er den „Kopf“ der Organisation Samaritan‘s Purse kritisch: Franklin Graham. Er ist der Sohn des evangelistischen US-Predigers Billy Graham, der 2018 gestorben ist. „Franklin Graham macht keinen Hehl daraus, dass er großer Unterstützer von Donald Trump ist. Außerdem äußert er sich sehr negativ über Homosexualität sowie über den Islam“, weiß Martin Fritz. Manche hätten Franklin Graham bereits als „homophoben Hassprediger“ bezeichnet. „Graham vertritt schon eine reaktionäre und politisch fragwürdige Form von Christentum“, sagt Fachmann Martin Fritz.

Zwiespalt: gute Arbeit, aber fragwürdige Leitung

Positiv dagegen könne man das diakonische Engagement der Organisation sehen. „Sie waren mit die ersten, die Katastrophenhilfe bei der Corona-Pandemie geleistet haben in Form von mobilen Notfallkliniken in der Nähe von Mailand und in New York“, berichtet Fritz. „Der Zwiespalt zwischen partieller Anerkennung und partieller Ablehnung von Samaritan‘s Purse löst sich nicht auf, er muss ertragen werden.“

Larissa König setzt sich für die Aktion Weihnachten im Schuhkarton ein, „weil mir Kinder schon immer am Herzen liegen“. Seit sie selbst  Kinder hat, macht sie mit – seit etwa 15 Jahren. „In vielen Gegenden wachsen Kinder in einer Armut auf, wie wir uns das gar nicht vorstellen können. Ich möchte dazu beitragen, dass sie ein bisschen Freude haben und merken, sie sind nicht allein.“

Zur Geschichte der Aktion

Die Aktion Weihnachten im Schuhkarton hat ihren Ursprung im Engagement des Briten Dave Cooke und seiner Familie. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks im Jahr 1989 ließen sie die Bilder aus rumänischen Waisenhäusern, die 1990 um die Welt gingen, nicht mehr los. Sie sammelten Spenden und packten zu Weihnachten Päckchen für die Kinder. Immer mehr Menschen beteiligten sich daran. Um die Kampagne „Operation Christmas Child“, wie sie damals noch hieß, in professionellere Bahnen zu lenken, übergab Dave Cooke sie 1993 an die Hilfsorganisation „Samaritan‘s Purse“, dessen Leiter Franklin Graham ist. Die Aktion weitete sich auf weitere Länder aus und kam Mitte der 90er Jahre auch nach Deutschland. Heute werden allein im deutschsprachigen Raum rund 400 000 Päckchen gepackt. Wer sich für die Kampagne interessiert und wissen möchte, was in ein Päckchen hinein sollte, kann sich im Internet informieren unter: https://weihnachten-im-schukarton.org. UK

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