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Foto by Hector Martinez on Unsplash

Tüfteln an den Medien von morgen

Medien

Christina Denz (epd) | 3. November 2020

Sie heißen «Lab», «Hub» oder «Next»: Deutschlands Sender versuchen mit Innovations-Teams junge Zuschauerinnen und Zuschauer auf allen Kanälen zu gewinnen. Ihr Know-how kann auch neue journalistische Themenfelder eröffnen.

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Frankfurt a.M./Köln (epd). Es geht um Apps, Social-Media-Serien, Augmented Reality oder Künstliche Intelligenz: Deutschlands Sender versuchen derzeit, mit internen oder externen Teams, neue digitale Angebote zu entwickeln und junge Zielgruppen für ihre Marken zu gewinnen. Innovation heißt das Zauberwort der Stunde.

   Nahezu alle Fernsehsender verfügen über solche Labore oder planen sie. Einer der ersten war Radio Bremen 2010 mit seiner «Digitalen Garage», beim SWR gibt es seit dem 1. September das X-Lab, der RBB will im Januar 2021 mit der «RBB Fabrik» an den Start gehen. Gemeinsam ist all diesen Innovationslaboren: Junge Medienmacherinnen, Journalisten, Programmiererinnen, Daten-Analytiker und Designerinnen tüfteln an neuen Ideen und entwickeln daraus Prototypen - mit Fokus
auf einzelne Zielgruppen.

   Im «Media Lab Bayern», das von der Bayerischen Staatskanzlei und der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien gefördert wird, coachen Geschäftsführerin Lina Timm und ihr Team seit fünf Jahren Medien-Start-ups, die neue Technologien und Formate für die Medienbranche entwickeln wollen. Mit Methoden wie «Design Thinking» entstehen in kurzer Zeit aus Ideen Prototypen etwa für eine App: Noch vor der Marktreife testen Nutzer den Prototyp. Fällt er durch, wird er überarbeitet - oder die Suche nach einer Idee beginnt von vorn.

   «Manchmal ist das anstrengend und frustrierend für die Teams», räumt Timm ein. Da entstehen Ideen, ein Funke zündet, und dennoch kommt der Prototyp nicht an. Das ist die Kehrseite einer Entwicklungsstrategie, die sich ganz an den Nutzern orientiert. Trotzdem verteidigt sie das Prinzip: «Wir wollen so schnell wie möglich mit den Ideen in den Markt gehen», sagt Timm. Nur so könnten die Teams den ersten Aufschlag verbessern und an die Bedürfnisse der Zielgruppe anpassen.

   Die radikale Ausrichtung an den Erwartungen der Nutzer hält Timm für überfällig. Die etablierten Medien dürften nicht allein an ihr Kerngeschäft denken, wenn sie in 20 Jahren noch mitspielen wollten, sagt sie: «Sie müssen sich auf Neues einlassen.»

   Die Innovations- und Digitalagentur Ida, ein Joint Venture von ZDF digital und MDR, berät, entwickelt, vertreibt und testet Apps, Websites, Features und Inhaltsformate. Ida-Geschäftsführer Matthias Montag ist überzeugt, dass so mehr Ideen realisiert werden als in der etablierten Struktur öffentlich-rechtlicher Häuser: «Wie viele Ideen
scheitern bereits als Konzept, weil die Urheber ihre Vision nicht vermitteln konnten?»

   Ida entstand vor zwei Jahren beim MDR. «Es gibt im Haus eine große Bereitschaft, sich auf neue Formen einzulassen», sagt Montag. Er findet es dennoch gut, dass Ida sich als unabhängige GmbH gründete, die wirtschaftlich erfolgreich arbeiten muss. «Damit vermeiden wir, dass wir eine Einheit in der etablierten Struktur werden.»

   Die Mediengruppe RTL in Köln arbeitet seit einem Jahr mit dem ebenfalls zum Bertelsmann-Konzern (Gütersloh) gehörenden Medienhaus Gruner + Jahr im «Greenhouse Innovation Lab» zusammen. Aufgabe ist es, digitale Innovationen für Journalismus, Technik und Werbung jenseits von Fernsehformaten zu entwickeln. Zusätzlich baute das Medienhaus die Abteilung «New Business Opportunities» auf, die Innovationen durch neue Geschäftsfelder innerhalb der Mediengruppe RTL vorantreibt.

   Beide Einheiten entwickeln Ideen, Prototypen und Marken. «Von zehn Projekten wird eines erfolgreich», sagt Eva Messerschmidt, die das «Greenhouse» gemeinsam mit Wibke Dauletiar von Gruner + Jahr leitet. Eine erfolgeiche Entwicklung sei beispielsweise die App Balloon, die «Meditation für alle» anbietet.

   In eine ganz andere Richtung geht Uli Köppen, die das Anfang 2020 beim Bayerischen Rundfunk gestartete «AI + Automation Lab» leitet. Mit ihrem Team entwickelte sie unter anderem Prototypen für automatisiertes Texten weiter für Ressorts, in denen viele Daten auflaufen wie Sport oder Wirtschaft. Die Automation half auch im Frühjahr, die täglich steigenden Corona-Fallzahlen auf der Website permanent in Texten und Grafiken zu aktualisieren. «Für die Redaktion blieb dadurch mehr Zeit für Recherche», sagt sie.

   Die Sprengkraft der automatischen Texterstellung ist Köppen bewusst. Es gehe aber kein Text heraus, ohne dass ihn ein Journalist redigiert und mit Informationen und Hintergrund erweitert habe: «Wir wollen Journalisten nicht arbeitslos machen.»

   Die Beschäftigung mit Daten und Datenstrukturen eröffnet auch neue journalistische Felder. In Kooperation mit den Ressorts BR Data und BR Recherche untersucht Köppens Team Strukturen und Wirkungsmechanismen von Algorithmen etwa bei Banken und Versicherungen. Das Ziel: «Algorithmen investigativ zu durchleuchten und schauen, wie sie wirken und was sie anrichten.»

Internet

Media Lab Bayern: https://www.media-lab.de/
Innovations- und Digitalagentur ida: https://www.ida.me/
Greenhouse Innovation Lab: https://www.greenhouse.media/

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