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Grafik: TSEW

Eine uralte Glaubenserfahrung

Zweifel

Aus der Printausgabe - UK 45 / 2020

Anke von Legat | 2. November 2020

Nichts scheint mehr sicher in unseren Tagen – für manche Menschen gilt das auch für das Vertrauen auf die Nähe Gottes. Was hilft, wenn Gott verborgen scheint?

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„Bis zum nächsten Mal“ – ach, könnten wir das doch so leicht sagen in diesen Tagen. Kein Plan, der nicht im letzten Moment noch umgeworfen werden kann; kein Treffen, das nicht doch noch von Absage bedroht ist. Die Abwesenheit lieber Menschen schmerzt, und die Sehnsucht nach Nähe bleibt wieder und wieder unerfüllt.

Schmerzliche Abwesenheit – so empfinden manche es in diesen Wochen auch in ihrem Verhältnis zu Gott. Wo ist er in diesen Zeiten? Die Verunsicherungen, die sich aus all den Absagen und Vorläufigkeiten ergeben, berühren auch den Glauben. Warum plötzlich all dies Verzichten, dieses Leid, diese Einsamkeit, dieses Sterben – wo wir doch gelernt haben, dass Gott gut ist und unsere Welt in seiner Hand hält?

Manche Menschen können angesichts dieser Fragen ganz gelassen in ihrem Vertrauen auf Gott bleiben. Anderen gerät der Glauben ins Wanken. Gott scheint zu schweigen; er scheint weit weg, als habe er seinen Menschen, seiner Schöpfung den Rücken gedreht und uns in der Krise allein gelassen. Wo ist er, wenn wir ihn am meisten brauchen?

Das Gefühl von der Verborgenheit Gottes ist eine uralte Glaubenserfahrung. In der Bibel werden eindrücklich Geschichten von Menschen erzählt, die solche Gottesdunkelheiten erlebt haben: die Magd Hagar in der Wüste bei ihrem sterbenden Kind; der Prophet Elia auf der Flucht vor der Rache der Königin; Petrus, als der Hahn krähte. Erschütternde Worte für solche Erlebnisse finden die Beterinnen und Beter der Psalmen, die aus der Tiefe ihrer Zweifel zu Gott rufen.

Und die Erfahrung des verborgenen Gottes zieht sich weiter, durch die Jahrhunderte bis heute – es gibt wohl nur wenige Gläubige, die davon verschont bleiben. Auch Menschen, die ein besonders enges, existenzielles Verhältnis zu Gott haben, erleiden sie: Vorbilder im Glauben wie Johannes vom Kreuz oder Mutter Teresa klagten, dass sie sich von Gott verlassen fühlten (Seite 2); Dietrich Bonhoeffer beschrieb seine Zweifel auf anrührende Weise in seinen Briefen aus dem Gefängnis.

Ausgerechnet Martin Luther, Ikone glaubensstarker Unbeugsamkeit, war ein zutiefst zweifelnder und angefochtener Mensch. Der verborgene Gott war für ihn eine lebenslange Anfechtung, mit der er sich auch theologisch auseinandersetzte.

Wenn Gott sich verbirgt; wenn er dunkel, unverständlich und vielleicht sogar bedrohlich erscheint, ist das ein Zeichen seiner göttlichen Souveränität, meinte Luther. Niemals können wir Menschen ihn ganz erfassen; weder im Guten noch im – für uns – unverständlich Schlechten. Darum müssen wir uns an das halten, was Gott selbst uns in seinem Wort offenbart hat: dass wir Menschen von Gott bedingungslos geliebt sind, erlöst in seinem Sohn Jesus Christus, gehalten im Leben wie im Tod. Diese Zusicherung weist den Weg durch die dunkle Nacht des Zweifels. Und ab und zu leuchtet sie auf, auch im Dunkeln – in Worten oder Gesten, in einer Melodie oder einem Sonnenstrahl.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 3. November 2020, 13:46 Uhr


Darauf zu antworten, fällt mir nur dies altbekannte Gebet ein:

"Herr du weißt besser als ich selbst, dass ich älter werde und eines Tages alt bin. Bewahre mich vor der unheilvollen Angewohnheit, zu meinen, ich müsse zu allem etwas sagen und das bei jeder Gelegenheit. Befreie mich von dem Verlangen, jedermanns Angelegenheit in Ordnung bringen zu wollen. Mache mich bedachtsam und nicht schwermütig, hilfsbereit, jedoch nicht herrschsüchtig.

Angesichts meines unermesslichen Vorrates an Lebenserfahrung erscheint es bedauerlich, nicht alles zu nützen, aber du weißt, Herr, dass ich ein paar Freunde haben möchte am Ende. Bewahre mich davor, endlose Einzelheiten aufzuzählen; verleihe mir Flügel zur Hauptsache zu kommen. Versiegle meine Lippen, was meine Schmerzen und Leiden anbelangt. Sie nehmen zu, und die Lust daran, sie aufzuzählen, wird wohltuender mit den Jahren. Um soviel Gnade zu bitten, dass ich an den Erzählungen über die Schmerzen anderer Gefallen finden könnte, wage ich nicht. Hilf mir jedoch, sie in Geduld zu ertragen.

Ich wage es nicht, ein besseres Gedächtnis zu erbitten, wohl aber zunehmende Bescheidenheit und abnehmende Selbstsicherheit, wenn meine Erinnerung mit den Erinnerungen anderer in Widerspruch zu stehen scheint. Führe mich zu der großartigen Erkenntnis, dass ich mich gelegentlich auch irren könnte.

Trage Sorge dafür, dass ich einigermaßen liebenswürdig bin; ich möchte keine Heilige sein – mit manchen von ihnen ist es so schwer zu leben -, aber eine sauertöpfische, alte Person ist eines der hervorragenden Werke des Teufels. Schenke mir die Fähigkeit, Gutes zu entdecken an Orten, an denen ich es nicht erwarte und Begabungen in Menschen, denen ich sie nicht zutraue.

Und gib mir, oh Herr, die Gnade es ihnen auch zu sagen. Amen."
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Erika Moers, 4. November 2020, 8:31 Uhr


Und mir fallen dazu die "Spuren im Sand" von Margaret Fishback Powers ein:

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
dass in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?"

Da antwortete er: "Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort, wo du nur eine Spur
gesehen hast,
DA HABE ICH DICH GETRAGEN."


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