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Expertin: Ausfall der Martinszüge gefährdet Brauchtum nicht

epd-Gespräch

Michael Bosse (epd) | 5. November 2020

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Bonn (epd). Der Ausfall der diesjährigen Martinszüge wegen der Corona-Pandemie gefährdet nach Einschätzung der Expertin Dagmar Hänel nicht die Existenz dieser Tradition. Das Treiben rund um den Martinstag am 11. November habe auch in säkularisierten Zeiten nichts von seiner Beliebtheit verloren, sagte die Leiterin des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) dem Evangelischen Pressedienst (epd). In diesem Jahr müssten nun andere Formen gefunden werden, etwa kleinere interne Martinszüge und das Schmücken von Häusern mit Lichtern.

   Die seit Montag geltende neue Coronaschutzverordnung verbietet öffentliche Martinszüge. Sie sind lediglich als rein interne Veranstaltung auf dem Gelände von Schulen oder Kindertagesstätten zulässig, wie das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium dem epd erläuterte. Die Umzüge werden dann wie eine
Unterrichtsveranstaltung oder eine normale Betreuung in der Kita behandelt, daher gelten die gleichen Vorgaben zu Abstand und Maskenpflicht. Sobald jedoch Eltern oder andere Externe teilnehmen, wird eine solche Martinsfeier zu einer unzulässigen Veranstaltung.

   Bei den Umzügen rund um Sankt Martin am 11. November geht es nach Hänels Worten um «zentrale gesellschaftliche Werte» wie Mitleid, Solidarität und Nächstenliebe. Diese Werte hätten eine große Bedeutung für die Gesellschaft. Die Martinszüge und das Martinssingen - dabei gehen Kinder mit ihren Laternen von Tür zu Tür und bitten um Süßigkeiten - seien wichtige Anlässe, an solche grundlegenden Werte zu erinnern, sagte die Brauchtumsexpertin. Deshalb seien die Umzüge in Kindertagesstätten und Schulen sowie das Martinssingen nach wie vor sehr beliebt.

   Die Martinszüge entstanden im 19. Jahrhundert im Rheinland. Sie hätten vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Popularität gewonnen, erläuterte Hänel. Die dahinter stehende Legende erzählt von dem römischen Soldaten Martin, der an einem kalten Wintertag an einem hungernden und frierenden Bettler vorbeigeritten sein soll. Der Mann tat ihm so leid, dass Martin seinen Mantel mit seinem Schwert teilte und dem Bettler eine Hälfte schenkte. In der Nacht erschien dem Soldaten der Bettler im Traum und gab sich als Jesus Christus zu erkennen, Martin ließ sich daraufhin christlich taufen.

   Beim Martinssingen handle es sich dagegen um einen sogenannten Heischebrauch, bei dem es um das Erbitten von Gaben gehe, sagte Hänel. Diese Tradition habe einen älteren historischen Hintergrund. Der aus den USA reimportierte Halloween-Brauch sei «keine Konkurrenz» zu den Bräuchen rund um den Heiligen Martin: «Das ist für die Kinder nur ein zweiter Anlass, um nach Süßigkeiten zu fragen.»

   Mittlerweile seien die Martinszüge weitgehend «abgekoppelt» von dem religiösen Hintergrund, erklärte die Expertin. Die Umzüge oder auch das Martinssingen seien stattdessen religionsübergreifende Veranstaltungen geworden: «Auch Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund sind dabei.»

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