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Grafik: TSEW

Muss das wirklich sein?

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 44 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 26. Oktober 2020

„Alle anderen sind doof, nur ich und meine Leute nicht.“ Wer so denkt, arbeitet an der Spaltung der Gesellschaft mit. Leider ist diese Haltung inzwischen weit verbreitet. Was tun?

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Neulich machte ich einen Schlenker durch den Thüringer Wald. Nebel und Regen konnten mir die Schönheit der Gegend nicht vermiesen. Wermutstropfen war, dass die Mini-Fähre über die Saale, die ich so gerne nehme, nicht fahren sollte. Zu wenig los, meinte der Fährmann. Ich muss betrübt geguckt haben. Denn plötzlich sagte der Fährmann: Komm, fahr drauf.

Und dann tuckerten wir los. Statt der üblichen Fünf-Minuten-Querung eine volle Dreiviertelstunde. Weit über die Talsperre. Rein in den Seitenarm. Raus zum nächsten. Wind und Wasser legten sich uns auf Haar und Wangen. Ich war selig. Der Fährmann auch. Wir schwiegen. Die tiefe Freude, die uns verband, bedurfte keiner Worte. Aber unsere Gesichter strahlten.

Am Ende nickten wir einander zu. Dann trennten sich unsere Wege.

Warum ich das erzähle? Weil ich zwei Jahre zuvor erlebt hatte, wie derselbe Fährmann ganz anders auftreten kann. Innerhalb der paar Minuten, die die Überfahrt dauert, hatten er und ein Paar aus Berlin (Autokennzeichen) sich derart in die Haare gekriegt, dass die Fetzen flogen. Themen? AfD. Flüchtlinge. Klima. Merkel. Ich bin mir sicher: Wäre unser Gespräch auch nur auf einen dieser Punkte gekommen, hätte es auch diesmal geknallt.

Es gibt eine Zeit. Und es gibt eine Unzeit.

Wie oft erleben wir, dass Menschen einander völlig unnötig an die Gurgel gehen. In Familie, Freundeskreis, bei der Arbeit oder in der Kirchengemeinde. Manchmal lässt sich das nicht umgehen. Es gibt Situationen, in denen man Farbe bekennen muss. Streit nicht aus dem Wege gehen darf. Manchmal ist der Zoff unvermeidlich.
Aber wie oft muss das wirklich sein?

Im Internet zeigt sich das Verhängnis besonders augenfällig. „Unser Kater Bruno ist uns entlaufen“, bittet jemand in einer Nachbarschaftsgruppe um Hilfe, „wer hat ihn gesehen?“ Die ersten, die antworten, fragen noch nach: Wann? Wie sieht er aus? Spätestens bei der vierten oder fünften Antwort geht es los: „Wie kann man nur so dumm sein, seine Katze unbeaufsichtigt zu lassen?“ „Haustierhaltung ist eh nicht artgerecht.“ Irgendwann ist man dann wieder bei: AfD. Flüchtlingen. Klima. Merkel. Inzwischen auch: Corona.

Wie gesagt: Nicht, dass man über diese Themen nicht trefflich streiten könnte. Aber die Frage ist doch: Wann? Und wie wollen wir streiten? Wir beklagen, dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet. Ja, warum wohl.

Wie wollen wir miteinander leben? Im unversöhnlichen Lagerdenken: „Alle sind doof, nur ich und meine Leute nicht?“ Oder im Bewusstsein, dass wir auch nach einem Streit noch miteinander auskommen müssen.

Die nächste Gelegenheit kommt. Dann prüfe jeder sich selbst: Ist jetzt die Zeit für Streit? Dann muss ich ihn aushalten. Oder ist jetzt Zeit für Freundlichkeit? Dann einfach mal die Klappe halten. Oder über andere Dinge reden. Und sich eine Dreiviertelstunde des Lebens erfreuen. Wie mit dem Fährmann auf der Saale.

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