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Die umstrittene Stunde

Zeitumstellung

Aus der Printausgabe - UK 44 / 2020

Christoph Arens | 24. Oktober 2020

Immer wieder hat der Staat an der Uhr gedreht. Kriege und Ölkrise sorgten für die Einführung einer Sommerzeit. 1947 gab es in Deutschland sogar eine Mitteleuropäische Hochsommerzeit.

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Millionen von Armband-, Bahnhofs- und Kirchturmuhren müssen sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag umstellen – und die Menschen dazu. Dann geht die Sommerzeit für dieses Jahr zu Ende, Deutschland und fast alle europäischen Länder ticken wieder nach der Winterzeit.

Dass die Uhren den Lebensrhythmus bestimmen und Tag und Nacht, Arbeitszeit und Freizeit definieren, ist historisch ziemlich neu. Bis weit ins 19. Jahrhundert richteten sich Bauern, Arbeiter und Handwerker bei ihrer Zeiteinteilung nach Sonnenstand, Klima, Wachstumsperioden der Natur oder nach der anfallenden Arbeit: Sie verrichteten ihr „Tagwerk“ oder bestellten ihren „Morgen“ Land. Lediglich in Klöstern und an Adelshöfen wurden seit dem Mittelalter Sonnen-, Sand- und Wasseruhren verwendet; sie regelten vor allem die Gebetszeiten.

Das Leben im Rhythmus von Sonne und Natur

Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte jeder Ort seine eigene Zeit, die sich am Stand der Sonne orientierte. Uhren an Kirchtürmen und kommunalen Glockentürmen gaben den Zeitrhythmus für die unmittelbare Umgebung vor. Die Hauptstädte der deutschen Staaten beanspruchten, den Takt für ihr Herrschaftsgebiet vorzugeben: In Bayern richtete man sich nach der „Münchener Ortszeit“, in Preußen seit 1848 nach der „Berliner Zeit“. Aber mit dem Ausbau des europaweiten Eisenbahnnetzes wurde eine einheitliche Zeitrechnung immer wichtiger.

Eine globale Vereinheitlichung der Zeit wurde erstmals 1884 angestrebt, als in Washington die Einteilung der Welt in 24 Zeitzonen beschlossen wurde. Für das Deutsche Reich trat am 1. April 1893 ein von Kaiser Wilhelm II. unterzeichnetes Gesetz in Kraft, mit dem die „mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich“ im gesamten Reich zur einzig gültigen Uhrzeit bestimmt wurde – heute ist sie als Mitteleuropäische Zeit bekannt.

Der Krieg allerdings erwies sich dann auch als Vater einer veränderten Zeitrechnung. Ab 1916 führte das Kaiserreich eine Sommerzeit ein, um das Tageslicht in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie besser nutzen zu können.

Ungeliebte Kriegsmaßnahme

Drei Jahre lang stellte Deutschland die Uhren von Ende März bis Ende September eine Stunde vor. 1919, zu Beginn der Weimarer Republik, wurde diese ungeliebte Kriegsmaßnahme wieder rückgängig gemacht. Auch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Sommerzeit 1940 wieder eingeführt. Eine Stunde mehr Helligkeit bedeutete mehr Arbeitszeit – ein nicht unbedeutender Aspekt in der damaligen Rüstungsindustrie.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs führte dann zu einem kleinen Zeitchaos. Als Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, waren die Uhren bereits auf Sommerzeit umgestellt. In der sowjetischen Besatzungszone wurden am 24. Mai die Uhren noch eine weitere Stunde vorgedreht – das entsprach der Moskauer Zeit. Und weil die Sommerzeit in den westlichen Besatzungszonen früher beendet wurde, gab es eine Woche lang einen Unterschied von zwei Stunden zwischen den beiden Teilen Deutschlands.

Und es wurde noch komplizierter: 1947 wurde überall im geteilten Land mit dem doppelten Zeitsprung experimentiert: Im April begann die gewöhnliche Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ), im Mai sprang man eine weitere Stunde auf die Mitteleuropäische Hochsommerzeit (MEHSZ), im Juni und Oktober dann jeweils wieder eine Stunde zurück.

Die doppelte Umstellung blieb ein Experiment

Ein einmaliges Experiment – 1948 und 1949 gab es noch einmal die gewöhnliche Sommerzeit. Zwischen 1950 bis 1979 drehte Deutschland dann nicht an den Uhren. Doch schließlich veränderten die Ölkrise und der Druck des europäischen Auslands erneut den Takt: Dahinter stand die Überzeugung, durch eine bessere Nutzung des Tageslichts Energie sparen zu können.

Weil Frankreich und andere europäische Staaten vorgeprescht waren, wurde am 6. April 1980 in beiden deutschen Staaten erneut die Sommerzeit eingeführt: Seit 1981 begann sie jeweils am letzten Sonntag im März und endete am letzten September-Wochenende.

Bis 1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen  in der Europäischen Union vereinheitlicht. Seitdem stellt Deutschland die Uhren von Ende März bis Ende Oktober (statt September) um. Fragt sich nur, wie lange noch. Denn die Kritik daran wird immer lauter.

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 26. Oktober 2020, 22:38 Uhr


Meine im Jahr 2003 verstorbene Großmutter Johanna Hemje aus DH erzählte mir öfters, daß im II. Weltkrieg sogar versucht wurde die Sommerzeit auf 2 Std. vorzustellen. Da das Vieh der Bauern und letztendlich ein Großteil der Bauernschaft hier nicht mit der Zeit zurecht kam wurde diese Umstellung bald wieder abgeschafft.
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Alwite, 27. Oktober 2020, 9:58 Uhr


Das ist leicht zu überprüfen:
In den Jahren 1919 bis 1939 gab es keine Zeitumstellung. Im Zweiten Weltkrieg führte Deutschland 1940 die Sommerzeit erneut in Erwartung einer Energie-einsparung ein. Ursprünglich sollte sie am 6. Oktober 1940 enden, was jedoch vier Tage vor ihrem Ablauf außer Kraft gesetzt wurde: „Die durch Verordnung bestimmte Zeitrechnung bleibt bis auf weiters bestehen.“ 1947 wurde eine doppelte Sommerzeit, d. h. eine Abweichung von zwei Stunden verordnet, um das Tageslicht maximal auszunutzen. Sieben Wochen später kehrte man zur einfachen Sommerzeit wie-der zurück. Bereits im Gründungsjahr beider deutscher Staaten 1949 einigte man sich in West und Ost darauf, die alljährliche Uhrumstellung zu beenden. 1979 verkündete die DDR überraschend die Einführung einer Sommerzeit für das folgende Jahr. Per Verordnung galt diese dann ab 1980 in beiden deut-schen Staaten. Viele Nachbarländer, die sich bislang abwartend verhalten hatten, zogen nun nach. Als letztes Land in der Mitte Europas schloss sich die Schweiz 1981 der Sommerzeit an. Bis 1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union verein-heitlicht. Die einheitliche Sommerzeit gilt seitdem in allen EU-Mitgliedsstaaten einschließlich ihrer Landesteile, die in der Nähe von Europa liegen.
Peter Käser
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