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Wann ist ein Mann ein Mann? Vor unseren Augen entstehen Bilder von Stärke, Coolness, Energie, Zähigkeit. Aber was, wenn sich ein Mann darin nicht wiederfindet? Und was, wenn eine Frau wenig anfangen kann mit Bildern wie Empathie, Mütterlichkeit, Zärtlichkeit? – Was macht den Menschen zum Menschen? Der Predigttext öffnet eine Perspektive auf einen aufmerksamen, anteilnehmenden, barmherzigen Umgang miteinander – für anderes Menschsein. Foto: Marleah

Mit Stärken und Schwächen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 43 / 2020

Jürgen Haas | 16. Oktober 2020

Über den Predigttext zum 19. Sonntag nach Trinitatis: Epheser 4,22-32

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Wann ist ein Mann ein Mann? Vor unseren Augen entstehen Bilder von Stärke, Coolness, Energie, Zähigkeit. Aber was, wenn sich ein Mann darin nicht wiederfindet? Und was, wenn eine Frau wenig anfangen kann mit Bildern wie Empathie, Mütterlichkeit, Zärtlichkeit? – Was macht den Menschen zum Menschen? Der Predigttext öffnet eine Perspektive auf einen aufmerksamen, anteilnehmenden, barmherzigen Umgang miteinander – für anderes Menschsein. Foto: Marleah
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Jürgen Haas (57) ist wissenschaftlicher Referent im Fachbereich „Männer, Familie, Ehrenamt“ im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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Predigttext
22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

In eindrucksvollen Worten wendet sich der Apostel Paulus den Ephesern in Kleinasien zu. Er berichtet, was sich aus seiner Sicht durch Jesus Christus für diese Welt geändert hat. Als Weisung für ein neues Leben rät er, nicht zu lügen, den eigenen Zorn in den Griff zu bekommen, Dinge zu sagen, die gut sind für andere, sowie einander freundlich und herzlich zu begegnen und zu vergeben.

Der dritte Sonntag im Oktober wird in einer langen Tradition von der Männerarbeit als Männersonntag gefeiert. Die Bibelstelle im Epheserbrief fordert gerade Männer heraus, sich mit den in den Weisungen aufgeführten Aussagen in Beziehung zu setzen.

Wie gehe ich um mit meinen Erfahrungen?

Welche Erfahrungen habe ich ganz persönlich als Mann in dieser Welt dazu? In vielen Seminaren der Männerarbeit klingt diese elementare Frage an. Väter fragen sich ewa, was sie ihren Kindern auf ihrem Lebensweg mitgeben wollen. Männer begegnen sich und suchen nach Möglichkeiten, wie sie mit Dingen umgehen sollten, die sie zornig und nachdenklich machen. Und manchmal geht es auch darum, wie man den Zorn auf sich selbst, die Widersprüche des eigenen Lebens und Erlebens tragen und ertragen kann. Sie machen möglicherweise erstmals die Erfahrung, welche Kraft Freundschaft schenken und wie wohltuend ehrliches Mitgefühl sein kann. Sie können sich als verletzbare und manchmal auch verletzende Menschen in einem geschützten Rahmen über ihre Erfahrungen austauschen und sich getragen fühlen. Sie dürfen dies tun mit all den dahinterliegenden Stärken und Schwächen, im Wissen, dass ihnen ihre Unzulänglichkeiten vergeben werden – wie Gott uns vergibt in Christus.

Da ist Peter. Er war als Kind viel allein. Sein Vater war als Fernfahrer wenig zuhause. Seiner Mutter fiel es schwer, die weiteren vier Geschwister durchs Leben und durch den Tag zu bringen. Peter war oft zornig auf seinen Vater, der selten Zeit für ihn hatte. Irgendwann fand er in seiner Gang die notwendige Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die er dringend gesucht hat. Besonders bei gewalttätigen Grenzüberschreitungen erntete er positive Rückmeldungen von seinen „Jungs“. In einem Antigewaltseminar während eines Gefängnisaufenthalts redete er, wie er betont, erstmals über seine Lebensgeschichte. Dass ihm jemand freundlich und herzlich außerhalb seiner Gang begegnet, kannte er vorher nicht.

Ein anderes Beispiel ist Andreas. Er ist sehr erfolgreich in leitender Position und ist seit zwei Jahren geschieden. Seine beiden kleinen Kinder leben bei seiner Frau. Alle 14 Tage sieht er sie; zwischendurch telefoniert er mit ihnen. Er weiß, dass auch er seinen Beitrag am Scheitern der Ehe hat und dass er seinen Kindern nicht das friedfertige Zuhause bieten kann, das ihm immer wichtig war. In der Männergruppe öffnet er sich – man hört ihm zu und spürt seinen großen Wunsch, dass er sich selbst vergeben und seinen Zorn auf sich und die geplatzten Träume überwinden kann.

Zwei Beispiele aus der Seminarpraxis der Männerarbeit, die sichtbar machen, wie bedeutsam die Weisungen von Paulus auch heute noch sind. In unseren mentalen Landkarten des Lebens brauchen wir solche Orientierungspunkte. Der Männersonntag und unsere Seminare sind nur zwei von vielen guten Anlässen, über Gottes Weisungen und unsere Lebenswirklichkeiten nachzudenken.

Gebet

Barmherziger Gott, öffne unser Herz und unsere Ohren, dass wir dich hören und erkennen, was du von uns willst. Zeige uns den Weg, der dir gefällt, unseren Mitmenschen hilft und unserer Seele Ruhe schenkt in dieser unsicheren und hektischen
Zeit. Amen.

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