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Die Macht der Worte

Sprache

Ulrike Roll (epd) | 22. Oktober 2020

Ob die Ärztin sagt: «Das Medikament wird Ihnen auf jeden Fall gut helfen» oder «Wir können es ja mal hiermit versuchen», ist nicht egal. Die Erwartung der Patienten beeinflusst die medizinische Behandlung, sie kann nützen oder schaden.

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Essen (epd). Hat der Arzt nur ganz kurz mit Ihnen gesprochen, bevor er das Rezept überreichte? Schilderte er knapp und nüchtern mögliche Nebenwirkungen? Damit könnte der Arzt - und nicht das Medikament - Nebenwirkungen wie Übelkeit tatsächlich auslösen. «Das geschieht nicht nur auf der Gefühlsebene», sagt Manfred Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und
Verhaltensimmunbiologie an der Uniklinik Essen. Der Forscher konnte belegen, dass Worte biochemische Reaktionen im Körper auslösen können.

   Die Erwartung der Patientinnen und Patienten beeinflusst die medizinische Behandlung - im Guten wie im Schlechten, so die Erkenntnis der Placebo-Forschung. Vertraut man der Heilkunst der Ärztin, dann tritt ein Placebo-Effekt ein, der die Selbstheilungskräfte aktiviert. Hat man dagegen im Internet gelesen «der Arzt kann gar nichts» oder sei «ein Scharlatan», dann tritt der Gegenspieler des Placebo ein: das Nocebo (deutsch: Ich werde schaden).

   Eine Behandlung schlägt schlechter an, ein Medikament wirkt erst in höheren Dosierungen oder ruft mehr Nebenwirkungen hervor - allein, weil man es erwartet. Der Nocebo-Effekt sei in physiologischen Systemen objektiv messbar, erklärte Schedlowski in einem Artikel für das Magazin «Allgemeinarzt-online».

   Schedlowski befasst sich seit drei Jahrzehnten mit Placebo- und Nocebo-Effekten. Anfangs habe die Fachwelt die Erkenntnis belächelt, dass Erwartungen im Körper messbare Reaktionen auslösen. Wie sollte ein stoffliches Nichts Einfluss nehmen, hielt man ihm entgegen.

   Doch der Psychoneuroimmunologe, weitere Forscherinnen und Forscher erbrachten immer mehr Beweise, dass das Gehirn aus Worten Chemie macht und beispielsweise die Körperabwehr stärken oder schwächen kann. «Gehirn und Immunsystem sind ganz eng miteinander verbunden und tauschen miteinander Botschaften aus», beschreibt Schedlowski. «Die Hormone haben die Vermittlerrolle, etwa die Stresshormone, die Immunzellen beeinflussen.»

   Der Placebo-Experte zählt einige erfolgreiche Beispiele auf: «Eine Zuckertablette, die Kopfschmerzen vertreibt, eine Infusion mit Kochsalzlösung, die bei Parkinson hilft oder eine vorgetäuschte Akupunktur, die Reizdarmsymptome lindert.» Placeboeffekte können sich auf körperliche und psychische Symptome auswirken.

   Worte haben Macht. Diese erforscht auch Neurologin Ulrike Bingel, Leiterin des Rückenschmerzzentrums an der Uniklinik Essen. Neben dem Arztgespräch hat sie auch den Beipackzettel oder das Internet im Blick: «Alle Kanäle können positive und negative Erwartungen hervorrufen, ob Selbsthilfeforum oder Beipackzettel.» Die Professorin der Universität Duisburg/Essen rät Patientinnen und Patienten von den
ungefilterten Informationen des Internets ab; man solle sich stattdessen an den behandelnden Arzt wenden.

   Pauschale Ratschläge für Medizinerinnen und Mediziner gebe es allerdings nicht. «Die Patienten ticken unterschiedlich», sagt Schedlowski: «Manche wollen alles ganz genau wissen und werden misstrauisch, wenn man ihnen Informationen vorenthält. Andere belastet das nur.» Diese individuellen Unterschiede zu erfassen, sei Teil der Heilkunst. Zum Beispiel träten Placebo-Effekte bei alten Menschen seltener auf - sie verstünden schlichtweg oft das Gesagte nicht.

   Ängstliche Menschen, die viel in ihren Körper hineinhören, sollten nach Ansicht von Bingel den Beipackzettel erst gar nicht lesen. Bei den Beipackzetteln gebe es ein Dilemma, sagt auch Schedlowski: «Sie müssen aus rechtlichen Gründen informieren, doch andererseits sind sie unethisch, weil sie tatsächlich manchen Menschen schaden.»

   Doch nicht zuletzt aus juristischen Gründen müssen Ärzte ihre Patienten vor einem Eingriff umfassend aufklären. Im Gespräch sollte der Arzt aber bevorzugt auf die Erfolge einer Behandlung hinweisen, rät Schedlowski. Wenn Kranke dadurch Besserung erwarten, zeigen sich die Vorteile einer «sprechenden Medizin». Diese ist für Schedlowski eine personalisierte Medizin, bei der der Einzelne im Mittepunkt stehe: Jemand wendet sich uns zu.

   Wie kann die Schulmedizin die Placebo-Effekte besser nutzen? Es ließe sich viel Geld sparen, wenn Behandlungen besser anschlügen. Diesen Fragen geht seit dem Sommer ein neuer überregionaler Sonderforschungsbereich nach, den Bingel leitet. Er trägt den Namen «Treatment Expectations», widmet sich also den Erwartungen an
Behandlungen. Zu Beginn erforsche man vertieft die Placebo-Mechanismen, insbesondere bei Schmerzen und Depressionen, erklärt Bingel. Dann solle das Wissen in Kliniken und Arztpraxen einfließen, damit Therapien individuell wirksamer und verträglicher werden. Und die Forscherinnen und Forscher untersuchen auch, wie
Menschen lernen können, ohne Zutun Dritter ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Internet

Manfred Schedlowski: http://u.epd.de/1neq
Informationen zum Sonderforschungsbereich Treatment Expectations:
http://u.epd.de/1nep
Ulrike Bingel: http://u.epd.de/1ner
Artikel von Schedlowski zu Nocebo/Beipackzetteln:
http://u.epd.de/1nfh

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