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Gnade walten lassen

Stuttgarter Schulderklärung

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2020

Annemarie Heibrock | 12. Oktober 2020

Die evangelische Kirche suchte nach dem Krieg den Neuanfang in der Ökumene. Da war ein Zeichen von Reue über die eigenen Fehler nötig. Weitere folgten.

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Die Kirchen haben Schuld auf sich geladen. Da gibt es nichts zu beschönigen. Ihre ganze Geschichte steckt voller Vergehen und Versäumnisse. Der Sündenfall der evangelischen Christen in Deutschland aber war ihre mangelnde Distanz zu den nationalsozialistischen Machthabern.

Judenverfolgung, Krieg, Unterdrückung – die Mehrheit schwieg. Kaisertreue und Nationalismus führten direkt in Hitlertreue. Die Bekennende Kirche verwahrte sich in ihrer Erklärung von Barmen zwar theologisch gegen eine Herrschaft des Staates über die Kirche und definierte deren geistlichen Auftrag, die jüdischen und nicht-jüdischen Opfer des Nazi-Regimes aber hatten auch in ihren Kreisen nur wenige Fürsprecher.

Einer von ihnen war Dietrich Bonhoeffer. Er hat die Schuld der Kirche gegenüber den Juden offen benannt. „Die Kirche bekennt“, so schreibt er, „die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Haß und Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi.“

Gegen dieses Bekenntnis aus der Feder eines einzelnen Theologen scheint das Stuttgarter Schuldbekenntnis, an dessen Bekanntwerden vor 75 Jahren in diesen Wochen erinnert wird, halbherzig und lau. Viel Kritik hat es daran gegeben und die Bezeichnung „Bekenntnis“ ist nach und nach der Bezeichnung „Erklärung“ gewichen. Um als echtes „Bekenntnis“ zu gelten, war es wohl wirklich zu unkonkret. Mindestens nachdenkenswert ist auch die Frage, ob es nicht lediglich taktische Bedeutung hatte, um der Wiederaufnahme der evangelischen Christen aus Deutschland in die internationale Ökumene die Türen zu öffnen.

Dennoch: Mit der Distanz eines Dreivierteljahrhunderts darf man wohl Gnade walten lassen mit diesem Kompromisspapier. Immerhin fanden sich nur fünf Monate nach Kriegsende Menschen guten Willens zusammen, um die Botschaft in die Welt zu senden, dass es zumindest in manchen evangelischen Kreisen in Deutschland so etwas wie ein schlechtes Gewissen und/oder Reue gab über die schweren Versäumnisse, derer sich die Kirche schuldig gemacht hatte.

Mehr war wohl nicht drin zu diesem Zeitpunkt. Der Ungeist der Nazi-Ideologie war ja noch lange nicht aus den Köpfen verbannt. Zudem: Buße, Reue, Schuldeingeständnis – wer wüsste nicht, wie schwer es ist, das umzusetzen, ob als Individuum oder als Gruppe. Vor sich und vor anderen. Wenngleich klar ist: Wer einen Neuanfang sucht, kommt um diesen Schritt nicht herum.

Wenn auch nur zaghaft, die evangelische Kirche hat ihn getan. Früher als etliche andere Organisationen und Institutionen. Und schließlich war die Stuttgarter Schulderklärung nur der erste Schritt. Zum Glück. Dank der Versöhnungsbereitschaft von Seiten der Juden und der internationalen Ökumene konnten weitere folgen.

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