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John Lennon und seine Frau Yoko Ono geben 1969 im Bett eine Pressekonferenz in Amsterdam. Foto: epd-bild/Keystone

Die Stimme für eine Welt des Friedens

Portrait

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2020

Holger Spierig (epd) | 9. Oktober 2020

Bereits bei den Beatles war er der politischste. Mit „Imagine“ beschwor John Lennon später seine berühmte Vision einer Welt ohne Krieg und Ausbeutung. Privat rang er mit Depressionen. Vor 80 Jahren wurde die britische Musiklegende geboren.

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John Lennon und seine Frau Yoko Ono geben 1969 im Bett eine Pressekonferenz in Amsterdam. Foto: epd-bild/Keystone
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John Lennon, Mitbegründer der Beatles, wäre am 9. Oktober 80 Jahre alt geworden. Foto: epd-bild/Keystone
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Auch 40 Jahre nach seinem Tod ist John Lennon im Internet noch lebendig: In einem Youtube-Video performt ein Fan – täuschend echt als der britische Musiker zurechtgemacht – eine aktualisierte Version des Lennon-Stückes „Isolation“. Es ist ein Aufruf zur Einhaltung der Corona-Hygieneregeln. Von dem Stück finden sich zahlreiche Versionen auf dem Kanal. Kaum ein anderer Song sei während des Lockdowns öfter gecovert worden, schreibt der Beatles-Experte Nicola Bardola in seiner aktualisierten Lennon-Biographie. Am 9. Oktober 1940 – vor 80 Jahren – kam John Winston Lennon in Liverpool zur Welt, im Dezember 1980 wurde er in New York erschossen.

Lennon habe seine Prominenz dazu genutzt, sich für eine gerechtere, friedlichere Welt einzusetzen, erklärt Bardola: „Dieses Charisma und der Mut, Konventionen zu durchbrechen – all das ist bemerkenswert und einmalig im Rahmen der Rock- und Popmusik.“ Viele der Stücke Lennons sind Hymnen geworden, die nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben: „Imagine“ oder „Give Peace A Chance“. Zu seinem 80. Geburtstag geben seine Witwe Yoko Ono und Sohn Sean die Sammlung „Gimme Some Truth“ (Gebt mir Wahrheit) mit Lennon-Songs heraus.

John Lennon war der Rebell bei den Beatles

Der Musiker, der sich für eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit einsetzte, war ein äußerst komplexer Charakter. Lennon, sagte Beatles-Kollege Paul McCartney einmal, sei „ätzend und schlagfertig“ gewesen. Wenn man ihn aber näher kennengelernt habe, sei darunter „ein sehr warmherziger Charakter“ zu spüren gewesen.

Im Gegensatz zu dem meist fröhlichen Paul McCartney und dem von indischer Mystik angehauchten George Harrison gab Lennon den Rebellen bei den Beatles. Nur er konnte es sich herausnehmen, bei einem Konzert vor Mitgliedern der Königsfamilie, der 1963 landesweit übertragenen „Royal Variety Show“, spitzbübisch lächelnd das Publikum zur „Mithilfe“ aufzufordern: Die Leute auf den billigeren Plätzen sollten applaudieren. Die höher gestellten Gäste könnten mit ihren Juwelen klimpern.

Hinter der Fassade des selbstsicheren und mitunter zynischen Weltstars rang Lennon mit Depressionen: „Ich ging verängstigt durch die Welt und versuchte, so hart wie möglich zu wirken“, sagte er in einem seiner letzten Interviews dem Magazin „Rolling Stone“. In der Musik gelang es ihm, seine Dämonen in große Kunst zu verwandeln. So ist sein Stück „Help“, das er für die Beatles schrieb, ein Hilfeschrei aus den Tiefen einer Depression.

Zeit seines Lebens litt Lennon unter dem Trauma, von seinen Eltern verlassen worden zu sein. Sein Vater, der als Schiffssteward ohnehin die meiste Zeit auf See war, verließ die junge Familie schon bald. Als die Mutter Julia, eine lebens- und liebeslustige junge Frau, ein Kind von einem anderen Mann bekam, ließ sich das Paar endgültig scheiden. John kam als Fünfjähriger zur Schwester der Mutter, Tante Mimi.

Seine Mutter starb bei einem Verkehrsunfall

Als Jugendlicher begann John, seine Mutter wieder regelmäßig zu sehen, doch bald starb sie bei einem Verkehrsunfall. „Mutter, du hattest mich, ich hatte dich nie“, trauerte er später in dem Song „Mother“. Bei den Beatles widmete er ihr mit „Julia“ ein anrührendes Liebeslied.

Nach der Auflösung der Beatles 1970 zog Lennon mit seiner zweiten Frau, der Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono, Anfang der 70er Jahre nach New York. Dort machte er auch mit Kunst- und Polit-Happenings von sich reden. Lennons Kontakte zu linksextremen Kreisen beschäftigten die US-amerikanischen Geheimdienste.

An der Seite Onos versuchte er sich in neuen Männer- und Vater-Rollen. Nach der Geburt seines zweiten Sohnes Sean Ono-Lennon zog er sich sogar vorübergehend komplett aus dem Musikgeschäft zurück und wurde – damals eine Sensation – Hausmann.

Am 8. Dezember 1980 wurde Lennon vor dem Dakota-Building in New York, in dem er mit einer Familie wohnte, von einem geistig Verwirrten erschossen. Der heute 65-jährige Mark David Chapman verbüßt weiterhin seine Haftstrafe, jetzt entschuldigte er sich bei einer Anhörung bei Witwe Yoko Ono. Er habe Lennon nur wegen dessen Berühmtheit ermordet.

Im Internet wächst Lennons Popularität noch immer

Der Gedenkort „Strawberry Fields“, den Yoko Ono im Central Park gegenüber dem Dakota Building zum Gedenken an John Lennon einrichtete, ist bis heute Anziehungspunkt für Fans. Posthum wurde Lennon 1987 in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen, sieben Jahre später in die Rock'n'Roll Hall of Fame. Als das Musikmagazin „Rolling Stone“ eine Liste der 100 weltbesten Sänger veröffentlichte, kam Lennon auf den fünften Platz. „Imagine“ erreichte den dritten Platz der 500 besten Songs aller Zeiten.

Im Internet wächst John Lennons Popularität noch immer. Wollte man alle der täglich mehr werdenden Videoclips auf Youtube sehen, hat Bardola ausgerechnet, würde man bei einer durchschnittlichen Länge von fünf Minuten pro Video ein ganzes Jahr lang Tag und Nacht schauen müssen. Auf Google erzielt die Suche nach John Lennon fast 100 Millionen Treffer.

Nicola Bardola: John Lennon. Zweitausendeins, 287 Seiten, 14,90 Euro.

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Leser-Kommentare öffnen

Pierre Viret, 16. Oktober 2020, 18:43 Uhr


Nett, dass von der Ordensverleihung nur der Satz vom Klimpern mit den Juwelen überliefert wird - aber wie war das noch mit dem Satz: Jetzt sind wir berühmter als Jesus Christus und (sinngemäß) mal sehen, wem die Zukunft gehört.
Was ist daran politisch, Frau und Kinder zu Hause zu lassen und sich mit der Geliebten vor der Weltöffentlichkeit ins Bett zu legen.
Und "Imagine"...
there is no religion, above us only sky.
Muss ich so einen glattbügelnden Artikel in meiner Kirchenzeitung lesen?
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Alwite, 17. Oktober 2020, 8:42 Uhr


Da würde ich mit: JA! antworten.
Jesus und Fanatismus schließen einander aus.
Wenn "Imagine" auf Religionen hinweist, ist nach meiner bescheidenen Ansicht, die sich parteiisch, rigoros-abgrenzende Unterscheidung gemeint, endet der Text doch mit: "Und die ganze Welt wird wie eins sein."
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