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Früher war alles besser

Erntedank

Aus der Printausgabe - UK 41 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 4. Oktober 2020

Unbeschwerte Jugend, goldene Kindheit: Die Erinnerung spielt einem so manchen Streich. Das muss nicht schlimm sein – wenn man denn auch die Gegenwart ehrt.

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„Ne, was war das damals schön.“ Immer wieder höre ich im Freundeskreis, wie die Menschen jetzt von den guten, alten Zeiten schwärmen. Ich gebe zu: Auch ich werde von Mal zu Mal rührseliger, wenn ich an „damals“ denke.

Vielleicht ist das eine Frage des zunehmenden Alters. Wenn ich mir die Fotos anschaue, aus dem Kindergarten, der Zechensiedlung, vom Schulhof, den Tante-Emma-Läden oder dem Marktplatz meiner Heimatstadt, dann erliege auch ich dieser Faszination: Was war das damals schön!

In Geschichtswerkstätten, Stadtteilprojekten oder Facebook-Gruppen zeigen Menschen ihre Bilder. Sie erzählen einander Dönekes, tauschen Erinnerungen aus. Und schwelgen in seliger Erinnerung.

Und dann kommt er irgendwann, unweigerlich. Der Spruch: Früher war alles besser. Ist das wirklich so?

Die Wahrheit ist: Die Erinnerung verklärt so manches. Sie rückt schräge Dinge gerade, taucht graue Landschaften in goldenes Licht.

Die unbeschwerte Kindheit mit stundenlangem, unbeaufsichtigtem Spielen in freier Natur: Tatsächlich waren es sumpfige Bombentrichter und wilde Müllkippen, wo wir „Blagen“ vor Zuhause wegliefen. Denn dort warteten knurrige Eltern und alkoholselige Nachbarn, die uns mit harter Hand das Parieren lehrten. Ähnliches in der Schule.
Der Kalte Krieg. Die Kubakrise. Die Welt am Rand des Atomkriegs. Oder auch nur der Zahnarzt mit seinem vorsintflutlichen Rüttelbohrer: Nichts war damals besser als heute.

„Wären wir doch bloß in Ägypten geblieben.“ Die Bibel erzählt ähnliches vom Volk Israel. Die Menschen hatten jahrelang in Knechtschaft gelitten. Dann konnten sie fliehen. Und wünschen sich Jahre später, als dann doch nicht alles so lief, wie erhofft, nach den „damals“ zurück.

Die Sehnsucht nach der „guten, alten Zeit“ – sie ist immer auch ein bisschen Flucht vor der Gegenwart.

Nun geht es nicht darum, die Vergangenheit schlechtzureden. Sondern sie und die Gegenwart in ein gesundes, ehrliches und faires Verhältnis zu setzen. Und das heißt in diesem Fall: Ich will dankbar sein.

1. Dankbar für das, was war.

Ob es nun verklärte Jugenderinnerungen sind oder tatsächlich Geschehenes: Diese Erinnerungen machen mich zu dem, der ich bin. Sie geben mir Antwort auf die Frage, woher ich komme. Sie geben mir Wärme und Stärke.

2. Ich bin dankbar für das, was ist.

Ehefrau. Familie. Freunde. Glaube. Job. Wohnung. Gesundheit. Nichts davon ist perfekt, alles könnte man sich immer noch schöner ausmalen. Aber Glück ist vor allem auch eine Frage von Demut und Bescheidenheit. Ich lebe, hier, in Deutschland. In Sicherheit. Mit Essen auf dem Tisch, sauberem Wasser in der Leitung und Ärzten um mich herum. Das ist schon viel.

3. Ich bin dankbar für das, was kommt.

Denn für den christlichen Glauben ist eines klar: Dort, wo ich hingehe, da wartet Gott schon auf mich. Er ist immer an meiner Seite. Bis zum Ende dieser Welt. Und über den Übergang hinaus, zur nächsten, zur ewigen Welt.

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