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Es müssen nicht immer Worte sein

Verkündigung

Aus der Printausgabe - UK 40 / 2020

Anke von Legat | 28. September 2020

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Das Evangelium verkündigen – ist das denen vorbehalten, die im Talar auf der Kanzel stehen? Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Jede Christin, jeder Christ ist dazu berufen und aufgerufen, über ihren und seinen Glauben Auskunft zu geben. Und „wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ – wer sich von Gott in der Tiefe gehalten und geliebt weiß, kann ohnehin kaum zurückhalten, was sein Leben erfüllt.

Die Bibel erzählt, wie Menschen für die Verkündigung von Gott beauftragt oder vom Geist gesandt wurden; die Propheten zum Beispiel, oder Paulus, der in einer Vision seinen Missionsauftrag erhielt. Aber wir, in unserem Alltag? Ohne Heldentum, ohne eine besondere Geisterfahrung? Da können wir verkündigen, indem wir von unseren Erfahrungen mit Gott erzählen. Von Gebeten, die erfüllt wurden – wenn auch vielleicht anders, als ursprünglich gedacht. Von Trost in schweren Lebensphasen. Von Entscheidungen, die sich als Gottes Führung herausstellten. Von der Freude, die uns erfüllt, weil Gott die Welt sehr gut gemacht hat.

Wer einmal andeutet, dass er oder sie an Gott glaubt – sei es in einem Gespräch oder auch mit einem coolen T-Shirt-Spruch –, trifft häufig auf Erstaunen, aber auch auf Interesse. Manchmal entstehen intensive Gespräche daraus, die andere Menschen zum Nachdenken und Weiterforschen einladen können.

Aber nicht alle fühlen sich sicher genug, um auf diese Weise über ihren Glauben Auskunft zu geben. Das ist auch nicht nötig – auch kleine Gesten verkündigen Gottes Menschenfreundlichkeit und Zuwendung: Ein kleiner Satz wie „Ich bete für dich“ oder „In der Kirche brennt eine Kerze für dich“ kann einen anderen Menschen tief berühren und Herzen öffnen.  Das gleiche gilt für eine Postkarte mit einem Bibelvers oder einem ansprechenden Satz. – Internet-geübte Menschen verschicken solche Botschaften gerne auch über Social-Media-Kanäle. Auch das ist Verkündigung des Evangeliums – und Gott hat sicher nichts gegen solche Hilfsmittel einzuwenden.

Noch eine weitere Art gibt es, das Evangelium zu verkündigen: Handeln, wie Jesus gehandelt hätte. Das kann ein Trostwort sein, das ich einem verzweifelten Freund sage, zusammen mit einer Umarmung oder einem starken Kaffee. Das kann Hilfe beim Einkaufen oder bei Ämtergängen für die alte Nachbarin sein. Das kann ein versöhnendes Gespräch nach einem Streit sein, oder ein Protest gegen menschenverachtende Äußerungen im Internet.

Und dann gibt es noch die, die nicht gerne vom Glauben reden, aber umso lieber davon singen – von Gregorianik bis Gospel, von Bach bis Pop. Manch eine hat über die Kirchenmusik Zugang zur Gemeinde und zum Glauben gefunden. Nicht der schlechteste Weg also, das Evangelium zu verkündigen.

Reden und handeln nach Gottes Geboten – beides gehört im jüdischen wie im christlichen Glauben zur Verkündigung. Und beides ist uns als Christenmenschen aufgetragen. Einladend, begeistert und echt.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 1. Oktober 2020, 9:46 Uhr


Der Artikel erinnert mich an Hermann Hesse und sein Gedicht für einen Herrn Wilhelm Gundert:

"Meister Djü-dschi war, wie man uns berichtet,
Von stiller, sanfter Art und so bescheiden,
Dass er auf Wort und Lehre ganz verzichtet,
Denn Wort ist Schein, und jeden Schein zu meiden
War er gewissenhaft bedacht.
Wo manche Schüler, Mönche und Novizen
Vom Sinn der Welt, vom höchsten Gut
In edler Rede und in Geistesblitzen
Gern sich ergingen, hielt er schweigend Wacht,
Vor jedem Überschwange auf der Hut.
Und wenn sie ihm mit ihren Fragen kamen,
Den eitlen wie den ernsten, nach dem Sinn
Der alten Schriften, nach den Buddha-Namen,
Nach der Erleuchtung, nach der Welt Beginn
Und Untergang, verblieb er schweigend,
Nur leise mit dem Finger aufwärts zeigend.
Und dieses Fingers stumm-beredtes Zeigen
Ward immer inniger und mahnender: es sprach,
Es lehrte, lobte, strafte, wies so eigen
Ins Herz der Welt und Wahrheit, dass hernach
So mancher Jünger dieses Fingers sachte
Hebung verstand, erbebte und erwachte."

Obwohl von mir scherzhaft gemeint, den nach oben zeigenden Finger als schweigenden Dialogbeginn aufzunehmen, ist gerade in Zeiten wie der momentanen, wo Verschwörungstheorien aus Nöten, nur so aus dem Boden schießen und uns mit ihrer Anwesenheit erschrecken, ein Label wie dieses, doch beruhigend.
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