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Auf Tuchfühlung mit dem Glauben: Drei Jahre Kirchlicher Fernunterricht und etliche Hausarbeiten liegen hinter Bärbel Hamal. Heute ist sie ordinierte Prädikantin. Ihren Examensgottesdienst hielt die 57-Jährige im selbst genähten schwarzen Talar. Foto: Elke Lier

„Du musst raus“

Berufung

Aus der Printausgabe - UK 40 / 2020

Elke Lier | 27. September 2020

Der Weg zum Glauben führte Bärbel Hamal über einen schweren Schicksalsschlag. Bei einem nächtlichen Spaziergang am Meer in Jaffa fasst die Geraer Schneidermeisterin dann einen Entschluss, der ihrem Leben eine entscheidende Wendung gibt.

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Auf Tuchfühlung mit dem Glauben: Drei Jahre Kirchlicher Fernunterricht und etliche Hausarbeiten liegen hinter Bärbel Hamal. Heute ist sie ordinierte Prädikantin. Ihren Examensgottesdienst hielt die 57-Jährige im selbst genähten schwarzen Talar. Foto: Elke Lier

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Bärbel Hamal fährt aus Gera Richtung Harz ins Kloster Drübeck bei Ilsenburg. Im Gepäck hat die 57-Jährige neben großer Erwartung Gesangbuch, Gottesdienstbuch, Papier und Stift für den Prädikanten-Aufbaukurs an sieben Wochenenden. Drei Jahre Kirchlicher Fernunterricht liegen hinter ihr.

Sie zeigt 15 Hefter: „Das sind die 15 Hausarbeiten, die ich in dieser Zeit geschrieben habe. Da steckt viel Arbeit, aber auch Entdeckerfreude und neues Wissen drin.“ Ihren Examensgottesdienst im März hielt sie im selbst genähten schwarzen Talar aus feiner italienischer Wolle. Ihre Familie, Sohn Roland aus Gießen und die Schwester aus Bayern, durften wegen Corona nicht dabei sein. Ein Wermutstropfen, aber Bärbel Hamal ist inzwischen eine starke Frau. Sie hat gelernt, mit Lebenskrisen umzugehen.

Gelernt, mit Lebenskrisen umzugehen

Die schlimmste traf sie 2004.  „Mein Mann starb an Krebs“, erzählt sie. „Ich flüchtete mich in die Arbeit. Nähte und nähte, auch an den Wochenenden. Trost fand ich in spiritueller Musik.“ Die hat sie getragen, hin zum Glauben. Ihre Eltern waren zwar in der Kirche, aber christlich erzogen wurde Bärbel Hamal nicht.

Sie hört etwas aus Psalm 103. Das rührt sie an und so schlägt sie den Text in der Bibel nach. Sie liest diesen Psalm und hat den Eindruck, als wäre er für sie geschrieben – wie Gott Gebrechen heilt, das Leben vor dem Untergang bewahrt, rettet, tröstet. In ihr, der selbstständigen Schneidermeisterin seit 1988, die ihr Leben an der Nähmaschine verbracht hat, wird ein Wunsch stark: „Du musst hier raus, ins Heilige Land, nach Israel.“

In Israel reift der Entschluss, sich taufen zu lassen

2009, in dem Jahr, in dem sie ihre Silberhochzeit gefeiert hätte, bricht sie mit einer Reisegruppe aus Gera auf nach Israel. Sie saugt die biblische Geschichte dieses Landes in sich auf. In Jaffa, bei nächtlichen Wanderungen am Meer und nach langen Gesprächen mit anderen Reiseteilnehmern, reift in ihr der Entschluss: „Ich mache meinen Glauben offiziell. Ich lasse mich taufen.“

Sohn und Schwester verstehen sie. Sie, die Zurückhaltende, hat sich verändert. Sie beginnt, Bibelabende und Gottesdienste zu besuchen. Sie ist fasziniert von den Predigten, die Pfarrer Andreas Schaller hält. Sie schließt sich seiner Theatergruppe „Theatro Langenbergensis“ an. Aus der Helferin, die Kostüme näht und für die Versorgung verantwortlich zeichnet, wird die Darstellerin, wenn auch in kleinen Rollen. „Das hat mir viel geholfen, vor anderen Menschen frei zu sprechen, hat mich selbstbewusster gemacht.“

Im Februar 2010 fragt sie ihren Pfarrer zaghaft nach der Möglichkeit einer Erwachsenentaufe. „Beim Sommerfest im Pfarrgarten unter Apfelbäumen wurde ich im Juni 2010 mit 47 Jahren getauft.“ Die Gemeinde wird ihr zweites Zuhause. 2013 wird sie in den Gemeindekirchenrat gewählt, 2019 wiedergewählt.

Auch beruflich verändert sie sich. „Ich habe Maßschneiderin gelernt. Allen Untergangsprophezeiungen nach der Wende zum Trotz lebe ich bis jetzt davon und halte die Maßanfertigung als Handwerk hoch.“ Doch neben Kleidern und Kostümen fertigt sie nun auch Talare, Stolen, Beffchen und Altarbehänge. In letztere legt sie ihre ganze liebevolle Kreativität, kreiert Kunstwerke in Patchwork-Technik. Für verwaiste Eltern näht sie aus Kleidungsstücken verstorbener Kinder Patchwork-Decken, Hüllen inniger Verbindung und des Trostes.

Schneiderwerkstatt in Kirchenräumen

Ihre Schneiderwerkstatt hat sie in Kirchenräume verlegt und ihr einen bunten kreativen Kirchenladen angegliedert, der zum stundenlangen Stöbern einlädt. Viel Zeit widmet sie der Kirche, hat den Modellflug als Hobby im Freien für sich entdeckt. Sie baut einen Holzflieger, entdeckt sich selbst und ihre Fähigkeiten immer wieder neu.

Die tiefe Beschäftigung mit dem Glauben weckte in ihr den Wunsch, selbst in der Verkündigung tätig zu werden. 2017 startet sie in ihre Ausbildung zur Lektorin und Prädikantin. Ihr Mentor, Pfarrer Andreas Schaller, meint anerkennend: „Es ist unglaublich, mit welcher Freude Bärbel Hamal biblische und theologische Entdeckungen macht, wieviel Zeit, Kraft und Ehrgeiz sie in dieses neue Amt investiert. Bei der Gemeinde, für die sie eine echte Bereicherung ist, kommt sie sehr gut an. Durch ihre persönlichen Erfahrungen ist sie glaubhaft und authentisch.“

Dankbar für die Ausbildung zur Prädikantin

Nie zuvor hatte die Schneidermeisterin wissenschaftliches Arbeiten geübt, aber sie behauptet sich unter den anderen Lernenden, darunter Doktoren und Wissenschaftler. Während sie als Lektorin Gottesdienste gestalten und Lesepredigten anderer Theologen halten kann, wird sie als Prädikantin selbst Predigten schreiben, Abendmahle feiern, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen abhalten können. „Ich bin unendlich dankbar“, sagt sie, „dass ich diese Ausbildung machen kann. Ich habe bisher so viel dabei gelernt und finde das Leben wieder schön.“ Als ordinierte Prädikantin darf sie statt des Talars für Lektoren mit einem V-Ausschnitt dann einen hochgeschlossenen Talar tragen. Dieses Amtskleid zu ändern, wird ihr Freude machen.

Prädikantenausbildungen in der Evangelischen Kirche von Westfalen, Lippischen Landeskirche und Evangelischen Kirche im Rheinland

Die Prädikantenausbildung in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland dürfte in Deutschland die intensivste sein. Über zweieinhalb Jahre geht der Kirchliche Fernunterrricht. Wer Prädikant werden möchte, muss die Ausbildung übrigens nicht zwingend in der eigenen Landeskirche absolvieren.

In der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) dauert die Ausbildung ein Jahr. Pfarrerin Elke Rudloff spricht von einem Intensivkurs. „Weitere Ehrenämter kann man in der Zeit der Ausbildung nicht oder kaum machen.“ Die Dozentin ist zuständig für die ehrenamtlichen Prädikantinnen und Prädikanten. Wer in seiner Gemeinde predigen möchte, muss mehrere Schritte durchlaufen: Erst schlägt die Gemeinde jemanden vor und schreibt ein Votum. Dann folgt ein Gespräch mit dem Superintendenten oder der Superintendentin. Er oder sie schreibt wiederum ein Vorum, das an die Landeskirche geht.

„Neu ist, dass es nun ein Zulassungscolloquium gibt“, so Elke Rudloff. „Dadurch wird den Interessenten klarer, was auf sie zukommt.“ Anschließend kommen sie auf die Warteliste und die Landeskirche entscheidet je nach Kriterien, wer einen Platz im Kurs (21 Plätze) bekommt. Kriterien sind etwa, wie lange jemand schon wartet, die Situation in der Gemeinde oder der Kirchenkreis – es sollen verschiedene berücksichtigt werden. Für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie zum Beispiel Diakone oder Jugendreferenten, gibt es einen eigenen Ausbildungsgang.

Die Lippische Landeskirche hat sich der EKvW angeschlossen. Prädikanten aus Lippe besuchen die Kurse der EKvW in Villigst.

Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) bildet ihre Prädikanten selbst aus. Ein wesentlicher Unterschied ist: In der EKvW werden die Prädikanten beauftragt, während sie in der EKiR ordiniert werden. Die Ausbildung in der EKiR dauert zwei Jahre und findet in verschiedenen Tagungshäusern statt. Auch hier gibt es unterschiedliche Angebote für Ehrenamtliche und für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. kil

Ansprechpartnerin in der EKvW und Lippischen Landeskirche: Pfarrerin Elke Rudloff, Telefon (0 23 04) 75 51 49, E-Mail: elke.rudloff@institut-afw.de. Ansprechpartnerin in der EKiR: Landespfarrerin Bärbel Krah, Telefon (02 02) 28 20-316, E-Mail: baerbel.krah@ekir.de.

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