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Foto by Sergio Souza on Unsplash

Brasiliens täglicher Rassismus

Rassismus

Susann Kreutzmann (epd) | 1. Oktober 2020

Brasilien stellt sich gern als Land ohne Rassismus dar. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, wie tief verankert die Unterdrückung der Afro-Brasilianer ist. Nicht nur in den USA, auch in Brasilien begehren Schwarze zunehmend auf.

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Berlin/São Paulo (epd). «Die schwarzen Frauen schneiden besser ab als weiße Männer, stellen Sie sich das mal vor.» Noch immer freut sich der ehemalige Rektor der Staatlichen Universität Rio de Janeiro, Ricardo Vieiralves, über den Erfolg der Absolventinnen. Denn seine Universität war 2001 die erste in Brasilien, die Quoten für
Afro-Brasilianer einführte. Damit brach sie ein Tabu.

   Lange war undenkbar, dass afrobrasilianische Studenten - und erst recht Studentinnen - eine renommierte Universität besuchen und dort auch erfolgreich sein könnten. In Brasilien leben Nachfahren portugiesischer Kolonialisten und anderer Europäer genauso wie Nachfahren afrikanischer Sklaven, Asiaten und Indigene. Obwohl die nicht-weiße Bevölkerung die Mehrheit stellt, erlangten vor 20 Jahren nur zwei Prozent von ihnen einen Universitätsabschluss.

   2012 führte die damalige Präsidentin Dilma Rousseff ein, dass an den Bundes-Universitäten bis zu 50 Prozent der Plätze für Absolventen von öffentlichen Schulen und für Afro-Brasilianer freigehalten werden müssen. Im vergangenen Jahr studierten in Brasilien erstmals mehr schwarze Studentinnen und Studenten an den Universitäten als weiße. Allerdings gehen auch jedes Jahr Hunderte Klagen gegen das Quoten-Gesetz bei den Gerichten ein.

   Die Quoten an den Universitäten können nicht darüber hinwegtäuschen: Brasilien ist das Land mit der größten sozialen Ungleichheit in Lateinamerika, und dies ist laut Experten einer der Gründe für den tief verankerten Rassismus in der Gesellschaft.

   56 Prozent der Brasilianer deklarieren sich selbst als schwarz, braun oder dunkelhäutig. Damit hat Brasilien nach Nigeria die weltweit größte schwarze Bevölkerung. Dennoch sind Afro-Brasilianer ausgegrenzt, haben weniger gut bezahlte Jobs, sind öfter arbeitslos und gehen auf schlechtere Schulen. Sie sind Opfer von Polizeigewalt und juristischer Willkür: 75 Prozent der durch Polizisten Getöteten sind schwarz und auch 64 Prozent der Gefängnisinsassen. Und es starben auch mehr Afro-Brasilianer an den Folgen einer Corona-Infektion, die Zahl ist laut einer Untersuchung der staatlichen Stiftung FioCruz um mehr als ein Drittel höher.

   In der Politik sind Schwarze in Brasilien nicht nur unterrepräsentiert, sondern wie in der Regierung des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro gar nicht erst vertreten. Regelmäßig hetzt er gegen Schwarze und diffamiert sie als Kriminelle und Banditen. «Bolsonaro hat den Hass befeuert und die Gesellschaft weiter radikalisiert», sagte Douglas Belchior, Mitgründer der afro-brasilianischen Organisation Uneafro.

   «Es gibt im größten Teil der Gesellschaft kein Bewusstsein, dass es Rassismus gibt. Die Menschen blenden aus, dass Brasilien die längste Sklavenhaltergesellschaft der Welt gewesen ist», analysiert Karen Macknow Lisboa, Historikerin an der Universität von São Paulo USP. Brasilien schaffte als letztes Land erst 1888 offiziell die Sklaverei ab. «Rassismus bedeutet, erniedrigt zu werden. Und Brasilien ist eine Gesellschaft, die hierarchisch stark gegliedert ist mit sehr geringen Aufstiegschancen.»

   Brasilianer sind daran gewöhnt, dass in den edlen Shopping-Centern nur die Mittel- und Oberklasse flaniert - also Weiße. Wenn Afro-Brasilianerinnen dennoch zwischen den schicken Geschäften gesichtet werden, dann meist als Kindermädchen oder Hausangestellte in Begleitung ihrer Arbeitgeberin. Viele Wohnungen, sind sie auch noch so klein, haben auch heute noch zwei Eingänge - einen für die Bewohner, den anderen für das Dienstmädchen. Dennoch weisen nach Untersuchungen rund 90 Prozent der Brasilianer den Rassismusvorwurf weit von sich.

   Gleichzeitig fehlt es an schwarzen Vorbildern. Anders als in den USA, wo sich Stars wie die NBA-Legende Michael Jordan mit der Bewegung «Black Lives Matter» solidarisieren, bleiben Brasiliens Sport-Größen stumm. So hat beispielsweise Weltfußballer Pelé nie seine afro-brasilianische Identität thematisiert. Als Brasiliens
Stürmerstar Neymar vor einigen Jahren gefragt wurde, ob er jemals Opfer von Rassismus war, antwortet er: «Niemals. Warum auch, ich bin ja nicht schwarz.»

   Anders als in den USA oder Südafrika gab es in Brasilien nie eine offizielle Rassentrennung. Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Religion oder Ethnie steht seit 1989 unter Strafe. Aber: «In Wirklichkeit hat Rassismus immer als Strategie der Elite zum Machterhalt existiert», sagte Douglas Belchior. «Dieses gut umgesetzte Projekt funktionierte und funktioniert in Brasilien auch so, da brauchte es kein Gesetz zur Rassentrennung.»

   Er verweist auf 400 Jahre Sklaverei in Brasilien. Nach deren Ende habe es keine Agrarreform gegeben, die ehemaligen Sklaven erhielten kein Land: «So blieben sie weiter abhängig, und es änderte sich nichts an den Strukturen.» Die Schwarzen blieben wirtschaftlich abgehängt.

   Hinzu kommt das in Brasilien gepflegte Selbstbild einer bunten, exotischen und toleranten Nation, in der jeder alle Chancen hat. Der Soziologe Gilberto Freyre (1900-1987) prägte dafür den Begriff «Rassendemokratie», der heute noch präsent ist und eine Aufarbeitung der Sklaverei der Vergangenheit lange verhindert hat. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Zerrbild.

   Dennoch ist Belchior zuversichtlich. Nach dem Tod von George Floyd in den USA ist es auch in Brasilien zu einem Aufschrei gegen Rassismus gekommen: Tausende Menschen - Schwarze und Weiße - sind in São Paulo auf die Straße gegangen.

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