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Wie man über Mauern springt

Glaube und Leben

Aus der Printausgabe - UK 39 / 2020

Karin Ilgenfritz | 21. September 2020

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Beziehung zerbrochen, Job verloren – der junge Mann ist enttäuscht, traurig. Und auch verzweifelt. Aber er rafft sich auf, schaut sich nach einer neuen Stelle um. Die findet er. Aber er muss dafür in eine andere Stadt ziehen. Er richtet sich ein und baut sich einen Freundeskreis auf. „Der fällt doch immer auf die Füße“, sagt eine Freundin über ihn. Wissenschaftler würden ihn wohl als resilient bezeichnen.

Der Begriff Resilienz kommt aus dem Lateinischen von resilire, was mit „abprallen“ oder „zurückspringen“ übersetzt werden kann. Wenn ein Mensch fähig ist, Krisen zu bewältigen und sie sogar für die eigene Entwicklung nutzen kann, spricht man von Resilienz, von psychischer Widerstandsfähigkeit. Der Begriff bezeichnete ursprünglich die Fähigkeit, Extremsituationen durchzustehen, ohne Schaden an der Seele zu nehmen. Inzwischen ist der Begriff weiter gefasst. Resilient ist, wer mit Belastungen im Alltag, etwa in der Arbeitswelt, in angemessener Weise umgeht.

Das Gute dabei ist: Es ist nie zu spät, um Resilienz zu trainieren. Das geht allerdings nicht mal eben auf die Schnelle, sondern ist ein längerer Prozess. Aber: Es geht. Und es lohnt sich.

Wesentliches Merkmal der Resilienz ist das, was die Wissenschaft Selbstwirksamkeitserwartung nennt. Das bedeutet, dass ein Mensch davon ausgeht, dass er selbst etwas bewirken kann und dem Leben nicht hilflos ausgeliefert ist. Er akzeptiert seine Situation und hadert nicht. Er begibt sich nicht in eine Opferrrolle, sondern übernimmt Verantwortung und sucht nach Lösungen, wie es für ihn weitergehen kann.

Verschiedene Faktoren können zur Resilienz beitragen. Zum Beispiel der Glaube an Gott. Allerdings nur, wenn der Gläubige sich Gott nicht ausgeliefert fühlt, sondern in ihm eher so etwas wie einen Verbündeten sieht. So wie der Psalmbeter in Psalm 18 sagt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Dann verstärkt der Glaube die Selbstwirksamkeitserwartung.

Außerdem birgt der Glaube oder die Religion einen weiteren Resilienz-Faktor: Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft stärkt die Psyche. Überhaupt sind gute soziale Kontakte ein wesentlicher Punkt. Sich anderen anvertrauen und enge Bindungen eingehen stärkt das Selbstbewusstsein. Wer Freunde hat, auf die er sich verlassen kann, erlangt innere Stärke.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wer einem gut tut. Wer zur eigenen Resilienz beiträgt oder früher im Leben beigetragen hat. Das führt denn auch gleich zu einem nächsten Punkt: Als Christinnen und Christen drehen wir uns nicht nur um uns selbst, sondern haben auch den Nächsten im Blick.

Daher ist es gut auch zu schauen, für welche Menschen man selbst eine Art Resilienz-Faktor sein könnte. Wer könnte meine Unterstützung gebrauchen? Das können Kinder sein – egal ob die eigenen, ob Enkel, Nichten und Neffen oder ein Nachbarskind. Das können Familienmitglieder genauso sein wie Arbeitskollegen. Echte Freundschaft tut jedem gut.

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