hg
Bild vergrößern
Praktiziertes jüdisches Leben: Hanna Veiler bei einem „Famlien-Shabbat-Wochenende“ im Rahmen eines Inklusionsprojektes. Foto: Pressebild/Erik Okuns

„Ich gehöre nach Europa“

Jüdisches Leben

Aus der Printausgabe - UK 39 / 2020

Nico Bähr | 19. September 2020

Die Studentin Hanna Veiler versucht, ihre jüdischen Traditionen im deutschen Alltag offen zu leben. Ihr Wunsch: dass jüdisches Leben in Deutschland wieder etwas ganz Alltägliches wird.

Bild vergrößern
Praktiziertes jüdisches Leben: Hanna Veiler bei einem „Famlien-Shabbat-Wochenende“ im Rahmen eines Inklusionsprojektes. Foto: Pressebild/Erik Okuns
Bild vergrößern
Hanna Veiler wurde im weißrussischen Wizebsk geboren und ist in Baden-Baden aufgewachsen. Nach dem Abitur leistete sie einen Freiwilligendienst in einer Einrichtung für Autisten im israelischen Kfar Saba. Sie studierte Kunstgeschichte und Französisch in Tübingen. Veiler ist Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Studierendenunion Württembergs, Jugendreferentin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Inklusionsbeauftragte des Jüdischen Jugendzentrums Stuttgart. Außerdem engagiert sie sich in den Arbeitsgruppen Nachhaltigkeit, Frauen und Inklusion bei der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands. Zu ihren Hobbys zählen Poetry Slams (Dichter-Wettbewerbe), Singen und Tanzen. Foto: Nico Bähr

Anzeige

Als Jüdin bekommt Hanna Veiler in Deutschland oftmals das Gefühl, „anders“ zu sein. Trotzdem – oder gerade deswegen – geht die 22-jährige Studentin offen mit ihrer Religionszugehörigkeit um und engagiert sich vielfältig im jüdischen Gemeindeleben. Nico Bähr hat mit ihr gesprochen.

Was bedeutet Jüdisch-Sein für Ihren Alltag?
Allgemein gesagt, ist das Judentum ein Leitfaden, der mir einen gesunden Umgang mit mir selbst und mit meiner Umwelt beibringt. Ich bin zwar nicht orthodox – ich mache am Samstag das Licht an und aus und koche –, aber trotzdem ist zum Beispiel der Shabbat ein Tag der Ruhe für mich. Ich nehme mir am Samstag frei und reflektiere, wo ich gerade stehe. Jüdisch-Sein in den Alltag einzubauen ist aber nicht so einfach in Deutschland, weil man nicht überall koscher essen kann und weil man nicht in jeder Stadt eine jüdische Gemeinde hat, um den Shabbat zu feiern.

Welchen Stellenwert hat Religion in Ihrer Familie?
Meine Eltern sind nicht religiös. Für sie hatte Jüdisch-Sein einen negativen Beigeschmack. Meine Eltern kannten es aus ihrer Heimat in Weißrussland nämlich nicht anders, als dafür diskriminiert und verfolgt zu werden. In meiner Kindheit sollte ich niemandem erzählen, dass ich jüdisch bin. Aber mittlerweile ist es mir gelungen, dass das Judentum zu Hause wieder ein positiv besetztes Thema geworden ist. Jetzt reden wir oft über die Veranstaltungen, zu denen ich gehe, über neue Bewegungen, die entstehen, oder über Projekte, an denen ich mitwirke.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Engagement besonders?
Der Kontakt zu den Menschen, von denen ich etwas lernen kann. Und mir gefällt die Möglichkeit, etwas zu verändern. Letztens haben wir mit Leuten von der Jüdischen Studierendenunion gemeinsam im Park eine Hawdala gefeiert. Das ist das Ritual, mit dem man den Shabbat beendet. Wir haben zusammen gesungen und dann kamen andere Leute aus dem Park dazu und haben mitgesummt. Ich fand sehr schön, dass die Leute ein bisschen schnuppern wollten und jetzt vielleicht ein ganz anderes Bild haben: Von einem lebendigen Judentum und nicht von toten Juden, wie man es aus dem Schulunterricht zum Holocaust kennt.

Was hat Sie als 15-Jährige dazu bewegt, sich aktiv ins jüdische Gemeindeleben einzubringen?
Das war ein glücklicher Zufall. Ich bin in Deutschland aufgewachsen ohne zu wissen, dass es zahlreiche Angebote für junge jüdische Menschen gibt. Mit 15 Jahren habe ich über eine Freundin meines Vaters von einer Veranstaltung der Jüdischen Jugend Baden erfahren und bin hingefahren. Dort habe ich ein Gemeinschaftsgefühl erlebt, das ich davor noch niemals hatte. Sonst habe ich mich immer irgendwie „anders“ gefühlt. Aber plötzlich war ich nicht mehr die einzige Jüdin im Raum.
Wir alle sind mit ähnlichen Erfahrungen aufgewachsen und ich hatte sofort das Gefühl: Hier bin ich willkommen, egal was passiert. Durch mein Engagement möchte ich jungen Menschen zeigen: Es gibt diese jüdische Welt, die du vielleicht zu Hause nicht mitbekommen hast, und du hast die Möglichkeit, davon Teil zu werden. Und du solltest die Möglichkeit nutzen, weil sie dich unglaublich bereichern kann.

Was führt dazu, dass Sie sich in Deutschland „anders“ fühlen?
Wenn ich erzähle, dass ich jüdisch bin, reagieren Menschen oft mit Verwunderung. Das Verhalten schwingt um und die Leute wissen nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Auf einmal bin ich für sie nicht mehr „Hanna“, sondern „die Jüdin“. Dadurch fühlt man sich exotisch. Und weil die meisten Leute keine jüdischen Menschen persönlich kennen, glauben einige von ihnen skurrile Verschwörungsmythen. Das begegnet mir mit Menschen aller Altersgruppen und sogar bei Studierenden an meiner Universität in Tübingen. Ich werde öfter gefragt, ob ich nicht die Runde ausgebe, weil Juden doch alle reich seien. Oder ob ich Merkel kenne, denn wir hätten ja Kontakte bis ganz nach oben.

Wie reagieren Sie auf solche Verschwörungsmythen?
Es hängt immer davon ab, wie viel Kraft ich gerade habe und wer fragt. Wenn jemand aus Unwissenheit fragt, dann kläre ich die Person auf. Und ich erkläre, dass es viele andere Jüdinnen und Juden verunsichert, wenn sie das Gefühl haben, für andere ein Lexikon sein zu müssen. Denn man kann nicht erwarten, dass jeder jüdische Mensch Experte auf dem Gebiet der Judaistik, der Antisemitismusforschung oder des Nahostkonflikts ist und überhaupt über diese Themen sprechen möchte. Wenn jemand vor mir steht, der schon ein ganz fixes Weltbild hat, dann verschwende ich nicht meine Zeit. Ich investiere meine Energie lieber, um, jüdisches Leben zu fördern und sichtbarer zu machen, als mit irgendwelchen Nazis zu diskutieren.

War das Gefühl, in Deutschland „anders“ zu sein, ein Grund dafür, nach dem Abitur nach Israel zu gehen?
Auf jeden Fall. Ich wollte es einmal erleben, in einem Land zu wohnen, in dem ich nicht „anders“ bin. Und wo sollte das besser gehen als in dem jüdischen Staat? Aber tatsächlich war ich auch dort „anders“. Dort war ich eben die Europäerin, die im Gegensatz zu den anderen nicht zur Armee gegangen ist, anfangs kein Hebräisch konnte. Ich bin eben keine Israeli.
Und da habe ich erst verstanden, dass ich nach Europa gehöre. Dass der einzige Weg für meine Zukunft eben nicht die Flucht aus Europa ist, sondern die Rückkehr nach Europa: Hier daran arbeiten, dass ich – oder die Generation nach mir – in Deutschland so leben und aufwachsen kann, dass sich junge jüdische Menschen die Frage, wo sie hingehören, gar nicht erst stellen müssen.

Was wünschen Sie sich für Jüdinnen und Juden in Deutschland?
Ich wünsche mir, dass Leute verstehen, dass das Judentum seit 1700 Jahren dazugehört und es nie weg war. Dass sich die Medien nicht nur für uns interessieren, wenn ein Anschlag war oder der Holocaust-Gedenktag näher rückt – denn es gibt so viele Themen, welche die Vielfalt der jüdischen Kultur zeigen.
Ich möchte, dass es etwas ganz Alltägliches wird, jüdisch und deutsch, deutsch und jüdisch zu sein.

Per E-Mail empfehlen