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Zauberhaft schön ist sie, unsere Erde. Voller Wunder und Geheimnisse, voller ausgeklügelter Mechanismen, die Leben und Sterben, Wachsen und Vergehen regulieren – und dabei in letzter Zeit sehr krank. Wider bessere Einsicht zerstören wir sie weiter, durch Raubbau und maßlosen Konsum. Wahrscheinlich ist es schon zu spät, um dieser Zerstörung Einhalt zu gebieten. Was dann kommt, wissen wir nicht. Wir können nur hoffen, dass Gott uns in seiner Hand hält. Foto: macondos

Abschiedsrede für die Erde

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 39 / 2020

Nicole Hoffmann | 18. September 2020

Über den Predigttext zum 15. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 2, 4-9;15

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Zauberhaft schön ist sie, unsere Erde. Voller Wunder und Geheimnisse, voller ausgeklügelter Mechanismen, die Leben und Sterben, Wachsen und Vergehen regulieren – und dabei in letzter Zeit sehr krank. Wider bessere Einsicht zerstören wir sie weiter, durch Raubbau und maßlosen Konsum. Wahrscheinlich ist es schon zu spät, um dieser Zerstörung Einhalt zu gebieten. Was dann kommt, wissen wir nicht. Wir können nur hoffen, dass Gott uns in seiner Hand hält. Foto: macondos
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Nicole Hoffmann (38) ist Gemeindepfarrerin in Bielefeld Sennestadt.

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Predigttext
4 Dies ist die Geschichte der Entstehung von Himmel und Erde; so hat Gott sie geschaffen. Als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, 5 gab es zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der Steppe; denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Es war auch noch niemand da, der das Land bearbeiten konnte. 6 Nur aus der Erde stieg Wasser auf und tränkte den Boden. 7 Da nahm Gott, der Herr, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen. 8-9 Dann legte Gott im Osten, in der Landschaft Eden, einen Garten an. Er ließ aus der Erde alle Arten von Bäumen wachsen. Es waren prächtige Bäume und ihre Früchte schmeckten gut. Dorthin brachte Gott den Menschen, den er gemacht hatte. In der Mitte des Gartens wuchsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens, dessen Früchte Unsterblichkeit schenken, und der Baum der Erkenntnis, dessen Früchte das Wissen verleihen, was für den Menschen gut und was für ihn schlecht ist. … 15 Gott, der Herr, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. Gute Nachricht Bibel

Liebe Trauergemeinde, wir nehmen Abschied. Abschied von unserem Planeten, der Erde. Wir wollen ihn noch einmal würdigen, mit allem, was er für uns war und uns bedeutet hat.

Wir blicken zurück auf viereinhalb Milliarden Jahre, fast eine Ewigkeit. Erst in den letzten 300 000 Jahren trafen wir Menschen dazu. Und es war Liebe, von Anfang an, auf den ersten Blick. Wir schrieben darüber, wie wunderschön unser Planet war und staunten über seine Wunder und Gaben. Wir fragten uns, wo er wohl hergekommen war und konnten es uns gar nicht anders erklären, als dass die Erde uns direkt von Gott gegeben worden war. Solcher Reichtum, solche Schönheit konnten nur bei Gott ihren Ursprung haben, da waren wir von Anfang an sicher.

Wir hatten es ja auch gut miteinander. Alles war so grün, so fruchtbar, so einladend. Wir waren füreinander gemacht. Wir lebten voneinander und miteinander, viele viele Jahre. Es waren die guten Jahre, aber das erkennt man ja manchmal erst im Rückblick. Wir schrieben und sprachen darüber und waren uns unserer Verantwortung bewusst. Wir pflegten und schützten die Erde und sie dankte es uns mit Nahrung, Rohstoffen und ihrer ganzen Schönheit.

Sicher, es gab auch schwere Zeiten. Die Erde bedrohte uns, mit Stürmen, mit Böden, denen keine Frucht abzuringen war, mit wilden Tieren und Krankheit. Meist sahen wir es ihr nach.

Was uns heute in der Stunde des Abschieds besonders präsent ist, ist die letzte Zeit. Die war schwer. Unsere Erde baute schnell ab, sie wurde krank. Das Grün wich immer mehr dem Grau. Die Luft wurde immer schmutziger. Unsere Beziehung einseitiger. Denn die Erde verschenkte sich weiterhin mit allem was sie hatte. Gab uns weiter Nahrung, damit wir uns satt essen konnten. Gab mehr, als sie hatte. Produzierte weiter saubere Luft, so gut das eben ging. Ließ die Blumen blühen, um uns eine Freude zu machen.

Aber es war nicht mehr so wie früher. Der Zerfall wurde immer sichtbarer. Bis wir unseren Planeten kaum wiedererkannten. Die Erde ging über ihre Grenzen und viele von uns haben alles getan, was sie konnten, um zu helfen.

Fridays for future und Sonnenenergie. Heimisches Gemüse und Second Hand. Aber am Ende mussten wir einsehen, dass wir sie nicht retten konnten. Ganz langsam und dann immer schneller ist die Erde unter unseren Händen gestorben.

Wir nehmen Abschied.

Am Ende der Trauerfeier gehen wir raus ans Grab. Wir hören ein Lied. „What a wonderful world“ – „Was für eine wunderbare Welt.“

Was für eine wunderbare Welt. Trotz allem. Wenn wir auch mit unserem Kummer und Schmerz leben, mit all der Traurigkeit und mancher Sorge, wenn auch alles im Zerfall begriffen ist, dann verliert doch die Welt im Kern nichts von ihren Wundern und ihrer Schönheit. Sie ist wunderbar gemacht, so wie wir wunderbar gemacht sind. Es ist immer noch zu sehen, das Wunder des Anfangs. Und doch: Die Erde vergeht. So wie wir vergehen.

Doch alles, vom Anfang bis zum Ende, liegt in Gottes Hand. Das macht den Zauber aus, darin liegt die Schönheit unseres Lebens. Er denkt uns in diese Welt hinein, wo wir sie ein Stück weit verwenden, bewohnen und lieben dürfen. Wir zerfallen Seite an Seite mit unserer Erde. Und wenn es nichts mehr gibt, das uns in diesem Leben hält, nimmt Gott uns zu sich. Wenn es nichts mehr gibt, das die Erde in sich zusammenhält, wird auch sie in Gottes Hände gelegt sein. Alles ist bei ihm geborgen. Und wir werden heil sein und ganz. Wir und unsere Welt.

What a wonderful world.

Gebet

Gott, wir danken dir für unsere Welt. Bitte hilf uns, das Unsere zu tun, um sie zu bewahren. Hilf uns auch, die Wunder deiner Schöpfung zu erkennen und zu genießen. Und erinnere uns dabei immer wieder daran, dass nichts in dieser Welt für immer ist. Für immer bist nur du. Amen.

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