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Der französische Seenotretter Arnaud Banos bekräftigt die Notwendigkeit der zivilgesellschaftlichen Seenotrettung. „Wenn wir nicht hier sind, ist es niemand. Ohne uns würden noch mehr Menschen sterben.“ Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

„Wir sind die letzten, die helfen“

Sea-Watch 4

Aus der Printausgabe - UK 38 / 2020

Constanze Broelemann & Thomas Lohnes | 16. September 2020

Das Seenotrettungsschiff auf seinem ersten Einsatz im Mittelmeer: Mitglied der Crew ist Arnaud Banos. Er hat einen sicheren Job gekündigt, um dabei zu sein: „Ich musste das einfach tun“.

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Der französische Seenotretter Arnaud Banos bekräftigt die Notwendigkeit der zivilgesellschaftlichen Seenotrettung. „Wenn wir nicht hier sind, ist es niemand. Ohne uns würden noch mehr Menschen sterben.“ Foto: epd-bild/Thomas Lohnes
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Bei ihrer ersten Mission im Mittelmeer vor der libyschen Küste hat die Crew des deutschen Schiffs „Sea-Watch 4“ bis zum vergangenen Wochenende gut 350 Menschen an Bord genommen. Darunter waren auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie Kinder unter fünf Jahren. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

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„Wenn wir nicht hier sind, ist es niemand. Ohne uns würden noch mehr Menschen sterben“, sagt der französische Seenotretter Arnaud Banos. Der 47-Jährige begleitet das Seenotrettungsschiff „Sea-Watch 4“ bei seinem Einsatz im Mittelmeer. Im Gespräch mit Constanze Broelemann und Thomas Lohnes bekräftigt Banos die Notwendigkeit der zivilgesellschaftlichen Seenotrettung. Das Schiff, das unter anderem von den evangelischen Kirchen unterstützt wird, patroulliert in der Such- und Rettungszone vor Libyen und hat bereits hunderte von Menschen aufgenommen.

Sie sind Seenotretter und sogenannter Cultural Mediator auf der „Sea-Watch 4“. Was sind Ihre Aufgaben auf dem Schiff?
Bei unseren Rettungs-Einsätzen nähern wir uns mit zwei Schnellbooten den Schiffsbrüchigen. Ich stehe vorne und bin der erste, der mit den Menschen in Seenot spricht. Das ist wichtig, damit sie nicht in Panik geraten und die Rettung möglichst ruhig und koordiniert abläuft. Ich verteile die Rettungswesten. Mit den Schnellbooten bringen wir die Menschen dann auf die „Sea-Watch 4“. Auf dem Schiff selbst bin ich im Team für die Kommunikation mit den Geretteten und für das Zusammenspiel zwischen Crew und unseren Gästen verantwortlich. Wir übersetzen, wenn nötig – Englisch, Französisch, ein bisschen Arabisch.

Welche Qualifikation bringen Sie mit für diese Aufgabe?
Ich bin ausgebildeter Seenotretter in Frankreich und in Griechenland. Als Kultur-Mediator muss ich vermitteln zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Auf der „Sea-Watch 4“ bin ich zum ersten Mal mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Das Wichtigste an meiner Arbeit ist es, ruhig zu bleiben. Wenn ich gestresst bin, werden es alle sein. Also muss ich derjenige sein, der gelassen bleibt – egal was passiert. Alles muss unter Kontrolle bleiben. Und wenn wir die Kontrolle verlieren, sollten wir das nicht zeigen. Wenn Probleme auftreten, müssen schnell Lösungen her.
Das Entscheidende ist, Zuversicht und Vertrauen auszustrahlen.

Was ist der schwierigste Teil einer Seenotrettung?
Selbst wenn die besten Bedingungen gegeben sind – das Wetter ist gut, die Geretteten sind in einem guten Allgemeinzustand und nicht zu erschöpft nach einer mehrtägigen Odyssee im Meer –,  gibt es viele sehr schwierige und gefährliche Situationen, die auftreten können. Wenn die Retter kommen und zu schnell anfahren, kann Panik ausbrechen. Die Menschen werden von uns von einfachen Plastik- oder Holzbooten auf Schnellboote und von dort auf das Schiff gebracht. Sie können ins Wasser fallen, manche können nicht schwimmen. Und wir reden hier ja nicht von einer Person, sondern von teils bis zu 60 Menschen, die wir aufnehmen. Alles muss sicher und geplant ablaufen. Und das alles mit Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen, unterschiedliche Sprachen sprechen, die lange Zeit auf See waren, die sehr gelitten haben, die schwach sind und nicht gerade in der besten mentalen Verfassung.

Welche herausfordernde Situationen können auftreten? Es gibt schlechte Szenarien, zum Beispiel, wenn die Leute glauben, dass wir nur hier sind, um sicherzustellen, dass sie nach Libyen zurückkehren. Die Retter sehen mit Helm, Overall und Maske auch ziemlich militärisch aus, aber das ist momentan sehr wichtig zum Schutz gegen Corona. Da kann schnell Panik aufkommen. Oder wenn das Wetter schlecht wird, der Wind kommt und hohe Wellen schlagen – das sind alles Situationen, die Angst machen können. Wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und das sind wir auch.

Wie kamen Sie dazu, Seenotretter zu werden?
Alles begann 2013. Wie viele europäische Bürger habe ich gesehen, dass Europa zwar Menschen aus dem Meer rettet, aber niemand einen Plan hat, wo sie leben können. Viele Jahre habe ich diesen Zustand beobachtet und wusste nichts dagegen zu tun. Über die Jahre dann wurde für mich deutlich, dass die europäischen Regierungen ihre Programme zur Seenotrettung stoppen und aufhören, Menschen zu retten. Man tat also gar nichts mehr!

Gleichzeitig kriminalisierte Europa die Zivilgesellschaft und die privaten Seenotretter. Man sagte, dass, wenn die private Seenotrettung aufhört, Menschen nicht mehr flüchten. 2017 war das alles zu viel für mich. Ich konnte das nicht mehr akzeptieren und musste etwas tun.

Wie ging es dann weiter?
Ich habe mich entschieden, mein altes Leben hinter mir zu lassen. Ich kündigte meinen gut bezahlten Job am „Centre national de la recherche scientifique“, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, meine Familie und ich sind daraufhin von Paris nach Le Havre ans Meer gezogen und ich habe eine einjährige Ausbildung zum Seenotretter gemacht. Ich habe eine spezielle Qualifikation, mit der ich Menschen auf offener See retten kann. Die Ausbildung dauert mindestens ein Jahr und ich trainiere fünf Tage in der Woche.

Meine Familie habe ich von Anfang an eingebunden. Wir haben einen zweiwöchigen Trip nach Griechenland gemacht und die Flüchtlingslager Moria und Kara Tepe besucht. Was wir auf Lesbos gesehen haben, war Ungerechtigkeit, Gewalt und Verzweiflung. Nur wenige Menschen helfen, die meisten sind Griechen vor Ort, die einfach überfordert sind. Und das alles in Europa!

Nach dieser Erfahrung haben meine Familie und ich zusammen beschlossen, unser Leben zu ändern. Meine Familie weiß, warum ich hier bin und dass ich hier sein muss. Wenn wir nicht hier sind, ist es niemand. Ohne uns würden noch mehr Menschen sterben.

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