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Aus der Reihe tanzen – das tut Zachäus, als er auf einen Baum klettert, um Jesus zu sehen. Aus der Reihe tanzen – das tut aber auch Jesus, als er Zachäus, den unbeliebten Zöllner, zum Essen einlädt. Alles nur Traumtänzerei? Nein! Während alle anderen die Regeln von Schicklichkeit und Anstand verteidigen, schenkt er Zachäus seine Aufmerksamkeit. Und siehe da: Ein Satz reicht, um ein Leben zu verändern und ins Licht zu drehen. Manchmal kommt es eben genau auf solche Traumtänzer an. (Foto: Halfpoint)

Aus der Reihe tanzen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 38 / 2020

Dr. Gerhard Wegner | 11. September 2020

Über den Predigttext zum 14. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 19,1-10

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Aus der Reihe tanzen – das tut Zachäus, als er auf einen Baum klettert, um Jesus zu sehen. Aus der Reihe tanzen – das tut aber auch Jesus, als er Zachäus, den unbeliebten Zöllner, zum Essen einlädt. Alles nur Traumtänzerei? Nein! Während alle anderen die Regeln von Schicklichkeit und Anstand verteidigen, schenkt er Zachäus seine Aufmerksamkeit. Und siehe da: Ein Satz reicht, um ein Leben zu verändern und ins Licht zu drehen. Manchmal kommt es eben genau auf solche Traumtänzer an. (Foto: Halfpoint)
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Dr. Gerhard Wegner (67) , Coppenbrügge, ist Publizist und Pastor i.R.

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Predigttext
1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Mir ist die Geschichte von Zachäus noch gut aus alten Tagen meines Kindergottesdienstes vertraut. Den kleinen Mann, der auf den Baum klettert, um den Herrn Jesus mindestens auf diese Weise nahe zu sein und der sich dann bei ihm einlädt, vergisst man nicht wieder. Was für ein freundlicher Herr dieser Jesus doch ist! Wer würde nach so einer Begegnung nicht bereit sein, seine Sünden zu bereuen und sein Leben zu ändern? Man muss dafür gar nicht viel tun – nur auf einen Baum klettern. Und welches Kind täte das nicht auch gerne.

Aber die Geschichte ist bei näherer Betrachtung noch viel aufregender. Denn Zachäus ist ja nicht einfach nur ein kleiner Mann. Nein: Der ist ein großes Ekel! Er ist einer der Obersten von denjenigen, die für die Römer das Eintreiben der Steuern übernommen haben. Eine bestimmte Summe musste er abliefern. Aber den Überschuss, den er erzielen konnte, durfte er als seinen Gewinn einstreichen. Ein ideales Outsourcing – die Römer brauchten sich nicht die Hände schmutzig zu machen. Die Bevölkerung aber war der Willkür der Zolleintreiber ausgesetzt.

Natürlich werden auch nicht alle von vornherein auf Ausbeutung aus gewesen sein, denn dann hätten sie ihre Einnahmequellen für das nächste Jahr ruiniert. Aber das System war darauf angelegt, das Profitinteresse über alles zu stellen. Von Zachäus wird dann auch ausdrücklich gesagt, dass er reich war, was wohl den Verdacht wecken soll, dass er im Eintreiben der Steuern besonders wenig zimperlich war. Also einer, der wahrscheinlich ganz und gar nicht beliebt war.

Dieser Mann war nun genauso sensationslüstern wie alle anderen in Jericho. Er hatte gehört, dass da dieser Jesus, von dem so viel Wundersames erzählt wird, durch die Stadt kommt. Und den will er natürlich auch mal sehen, denn das ist hinterher Tagesgespräch. Dass er in irgendeiner Weise Jesus besonders vertraute oder ihm gar nachfolgen wollte, wird nicht gesagt.

Eigentlich wäre es deswegen logisch, dass Jesus ihn gar nicht weiter beachtet. Aber Jesus ergreift die Initiative und dreht die Situation um. Er ruft ihn vom Baum herunter und lädt sich selbst bei ihm zu Hause zum Essen ein! Irre! Warum macht Jesus das? Er demonstriert in einer überragenden Weise seine Souveränität. Ihn interessiert nicht, dass die anderen alle (!) murren. Was sie ihm vorwerfen, dass er sich mit den Sündern einlässt, ist genau der Grund seines völlig unnormalen Verhaltens. Jesus provoziert einen Skandal.

In etwa so als würde sich der Ratsvorsitzende der EKD mit dem thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke auf ein paar fröhliche Bierchen verabreden. Ein Verstoß gegen alle Verhaltensregeln.

Und dann passiert das Erstaunliche: Unter der Kraft dieser Zuwendung Jesu ändert das Ekel sein Leben. Entdeckt seine soziale Ader, spendet die Hälfte seines Besitzes den Armen und verspricht, alles, was er sich widerrechtlich angeeignet hat, in vierfacher Höhe zurückzugeben. Das ist natürlich ein Schritt, der alle Anerkennung verdient und von Jesus hoch gelobt wird.

Allerdings darf man ihn auch nicht überbewerten, denn sonst fordert Jesus immer, dass jemand seinen gesamten Besitz den Armen gibt. Es geht also nicht darum, dass Zachäus hier zu einem Jünger Jesu wird. Aber der Wandel bleibt höchst eindrucksvoll: Jesu Zuwendung dreht einen Menschen ins Licht.

Können wir so etwas auch tun? Denen spontane Anerkennung zeigen, die wir zutiefst verachten? Darin anderen zum Christus werden? Natürlich wird man sagen: „Mit ein paar Bierchen ist es nicht getan!“ Aber wer will das denn so genau wissen? Manchmal ist es gerade eine solche Geste, auf die es ankommt.

Gebet

Gott! Wir verachten Menschen, politisch oder moralisch, oft aus guten Gründen, und grenzen sie aus. Sie gehören dann nicht mehr dazu. Lass uns über unseren eigenen Schatten springen und auf sie zugehen! Denn oft reicht schon eine kleine Geste, und vieles ändert sich. Amen.

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