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Foto: ddp/Stoccy

Jetzt sind alle gefragt

Neue Allianzen

Aus der Printausgabe - UK 37 / 2020

Bernd Becker | 4. September 2020

Bei den Demonstrationen in Berlin geht es längst nicht mehr um das Für oder Wider von Corona-Maßnahmen. Wer jetzt nicht aufpasst, lässt fahrlässig das Unheil wieder aufmarschieren.

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Foto: ddp/Stoccy

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Die Bilder aus Berlin vom letzten Wochenende sind noch vor Augen. Einige hundert Menschen durchbrechen die Absperrungen und stürmen johlend die Treppen des Reichstagsgebäudes hinauf. Nur drei Polizisten sind vor Ort und verhindern, dass der Mob sich Zutritt verschafft. Mehr Polizei eilt herbei, und nach und nach werden die Demonstranten vertrieben.

Ein Sturm im Wasserglas, könnte man meinen. Wenn dabei nicht Reichsflaggen geschwenkt worden wären. Und wenn die Bilder nicht genau das erreicht hätten, was die Aktion vermutlich bezwecken sollte: maximale Aufmerksamkeit.

„Aktiv, entschieden und mutig müssen wir gemeinsam den Feinden unserer Demokratie die Stirn bieten“, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Folge. Er nannte  den Vorfall „verabscheuenswürdig“ und „unerträglich“.
Auch die Kirchen äußerten sich. In einer Stellungnahme der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) heißt es: „Gerade jetzt gilt es Farbe zu bekennen für den Erhalt unserer pluralistischen Gesellschaft.“ Für den katholischen Sozialbischof Franz-Josef Overbeck ist es „nicht hinnehmbar“, dass eine „Allianz aus Rechtsextremisten, Impfgegnern und Anhängern von Verschwörungsideologien“ die Symbole der Demokratie beschädige.

Videos und Fotos von der Demonstration, an der rund 38 000 Menschen teilnahmen, lassen den nüchternen Betrachter tatsächlich ratlos zurück. Hare-Krishna-Jünger tanzen neben Impfgegnern, Trump-Fans laufen neben Neonazis. Bill-Gates-Hasser demonstrieren gemeinsam mit Antisemiten, Hooligans und Reichsbürgern. Der „Sturm auf den Reichstag“ wurde von einer Heilpraktikerin aus der Eifel ausgerufen. Sie behauptete, Donald Trump sei in Berlin und werde die Weltverschwörung geheimer Eliten beenden.

All diese Menschen vereint vermeintlich der Aufstand gegen die Corona-Maßnahmen im Lande. Tatsächlich aber vergiften sie die Gesellschaft.
Erstaunlich dabei: Auch Christen laufen in Berlin mit, verteilen Bibelsprüche, tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Christen im Widerstand“. Fakt ist: Bei all dem vermischt sich Unwissen mit Lüge und Hass. Sorgen wegen der Corona-Krise vermengen sich mit rechtsextremer Weltsicht.

Natürlich hat jeder das Recht, die Regierung zu kritisieren. Aber die sich in Berlin versammelt haben, folgen den falschen Propheten. Es wird Zwietracht gesät, die Freundeskreise und Familien entzweit. Dagegen müssen Christen noch lauter ihre Stimme erheben. Und das nicht nur auf Ebene der EKD oder der Bischofskonferenz.

Alle sind gefragt. In jedem Dorf, in jeder Stadt, in jeder Gemeinde. Denn was bei den Demos derzeit geschieht, steht der christlichen Botschaft diametral entgegen. Es ist nichts von Liebe zu spüren, keine Barmherzigkeit, kein Evangelium. Die Bilder zeigen: Es wird verteufelt, geschrien und gespuckt.
Dialog gern, aber nicht so. Und nicht Seite an Seite mit Neonazis und Feinden einer offenen Gesellschaft, denen man nicht widerspricht.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 6. September 2020, 19:10 Uhr


https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-753417.html

Das Gespräch beeindruckte mich...
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Erika Moers, 7. September 2020, 19:55 Uhr


Man muss in unserem Land einen Aufschrei hören, aus jedem Dorf, aus jeder Stadt, der auch den letzten Gleichgültigen oder Zweifelnden aufschrecken muss, um sich radikal abzuwenden von diesem verabscheuungswürdigen Auftritt.
Dann würde sich über die gewünschte Aufmerksamkeit das Ziel ins Gegenteil verkehren und der „Schuss“ nach rückwärts losgehen.
Wir alle sind gefragt. Jeder an seinem Platz.
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Uwe-Pf, 22. September 2020, 8:03 Uhr


ich war bei den Demos sowohl am 1.8. und am 29.8 in Berlin dabei. In diesem Artikel werden Veranstaltungen miteinander vermischt. Es gab am Wochenende des 29.8 und 30.8 über 100 angemeldete Demonstrationen, so einerseits die von einem ehemaligen NPD-Mitglied angemeldete Demonstration vor dem Reichstag, andererseits die von Querdenken angemeldete Kundgebung auf der Straße des 17. Juni sowie einen ebenfalls von Querdenken angemeldeten Demonstrationszug. Am Reichstag war ich nicht dabei, ich bin auch nicht Vorstellungen der Reichsbürger einverstanden. Ich war nur auf den Veranstaltungen von Querdenken und habe mich über die Reichstagsaktion nachträglich informiert.

Diese Heilpraktikerin hat in der Tat dazu aufgerufen, sich auf die Treppe des Reichstages zu setzen um dem angeblich in Berlin befindlichen Donald Trump ein Zeichen des Friedens zu geben. Darauf sind tatsächlich einige Corona-Demonstranten hereingefallen und somit sind, wie Sie schreiben einige hundert Menschen auf die Treppe des Reichstages gegangen. Sie schreiben von einer Zahl von insgesamt 38000 Corona-Demonstranten, wenn man ca. 200 - 400 Demonstranten am Reichstag und 38000 Corona-Demonstranten ins Verhältnis setzt, ist es in der Tat ein Sturm im Wasserglas. Nach meinem persönlichen Eindruck waren deutlich mehr als 38000 Menschen auf der Straße des 17. Juni.

Eine Zusammenfassung liefert folgendes Video:
https://www.youtube.com/watch?v=_WXic-99WZI
Daß die Polizei von der Reichstagsaktion wußte, hatte sie auf Anfrag des Journalisten Boris Reitschuster zugegeben:
https://www.reitschuster.de/post/reichstags-sturm-polizei-wusste-vorab-von-gefahr

Ansonsten habe ich auf den Corona-Demos nur sehr wenige Reichsflaggen gesehen, am 1.8. ungefähr zwei bis drei, am 29.8 zugegebenermaßen etwas mehr. Ich habe mit mehreren Teilnehmern gesprochen, sie kamen als allen Teilen der Gesellschaft: Lehrer, Kfz-Mechaniker, Physiotherapeuten, Ärzte, auch Heilpraktiker, Arbeitslose als auch in Beruf stehende Leute und Rentner, Rollstuhlfahrer und auch Familien mit Kindern. Es waren sowohl Leute, welche früher schon auf Demonstrationen waren als auch Leute welche im Alter zwischen 48 und 76 Jahren das erste Mal auf einer Demonstration waren (am 1.8.).

Die Gründe, warum ich und auch viele Demonstranten auf die Straße gehen, sind sehr vielfältig, ich nenne daher nur einige:
Alle, mit denen ich gesprochen habe, vereint der Zweifel an der Rechtfertigung der Corona-Maßnahmen. Sie leugnen nicht die Existenz des Sars-CoV2-Viruses, fragen sich jedoch beispielsweise, warum man in diesem Jahr zu solchen Maßnahmen greift, obwohl im Jahre 2017 und im Jahre 2018 mehr Leute an Grippe gestorben sind als in diesem Jahr, in beiden Jahren waren auch einige Krankenhäuser überlastet. Es werden in den Medien immer absolute Zahlen genannt ohne diese in einen Bezug zu setzten. Es sterben in Deutschland jeden Tag ca. 2500 bis 2600 Menschen an unterschiedlichen Ursachen. Jeder Tod ist natürlich im Einzelfall tragisch, jedoch müssen wir damit leben, daß jeder von uns einmal sterben wird.

Weiterhin wird bei den "Fallzahlen" nicht unterschieden, ob es sich um Positiv Getestete, Infizierte oder Erkrankte handelt, der PCR-Test stellt nur fest, ob Teile eines möglichen Sars-CoV2-Viruses vorhanden sind. Zur Zeit liegen die "Fallzahlen" im Bereich der Falsch-Positiven, das Steigen der "Fallzahlen" wird nur durch das Ansteigen der Zahl der Tests verursacht, in den Medien werden nur die "Fallzahlen" genannt, die Zahl der Tests wird nicht erwähnt. Weiterhin erscheint es unter anderem merkwürdig, das im März, als es noch viele Erkrankte gab, trotz fehlenden Masken und ohne Abstandsgebote zum Beispiel Verkäuferinnen im Supermarkt trotz vieler Kundenkontakte nicht gestorben sind wie die Fliegen.
Namhafte Wissenschaftler und Mediziner, welche die Notwendigkeit der Corona-Maßnahmen anzweifeln, kommen in den Medien gar nicht zu Wort oder werden diffamiert.

Ebenso wollen viele Demonstranten keinen Impfzwang mit einem im verkürztem Testverfahren getesteten Impfstoff. Bill Gates äußerte in Interviews mehrfach:

„Wir werden sieben Milliarden Menschen impfen. (...) Die
Menschen denken, sie hätten eine Wahl, aber sie haben keine
Wahl. (…) An die gesamte Welt: Wir werden erst wieder zur
Normalität zurückkehren, wenn wir die Bevölkerung geimpft
haben.“

(u. a. gegenüber der Financial Times
(https://www.youtube.com/watch?v=xUChdrL6Cd8).

Gewalt von seitens der Querdenken-Demonstranten ist mir nicht bekannt, jedoch kam es am 29.8 und besonders am 30.8 zu brutale Gewalt seitens der Polizei. Der Demonstrationzug am 29.8 wurde von der Polizei aufgehalten, drei Gerichtsbeschlüsse wurden von der Polizei ignoriert, es strömten von hinten und aus den Seitenstraßen weitere Menschen nach, daher und aufgrund der Einkesselung durch die Polizei konnten die Demonstranten die Abstandsregeln nicht mehr eingehalten werden. Die Polizei hat die Versammlung dann aufgehoben mit der Begründung, daß die Demonstranten die vorgeschriebenen Abstandsregeln nicht einhalten. Diese Durchsagen hat die Polizei in den Seitenstraßen gemacht, somit
haben auch nicht alle Demonstranten die Versammlungsauflösung mitbekommen. Danach hat die Polizei mit 10 bis 12 Polizisten einzelne Demonstranten herausgegriffen und teilweise brutal mißhandelt und in Gewahrsam genommen.

Ein Diplom-Biologe berichtet in diesem Video von seiner Ingewahrsamnahme und den körperlichen Folgen der Mißhandlung:
https://www.youtube.com/watch?v=jVV6ZgSiO7Y
Glücklicherweise hat sich kein Demonstrant provozieren lassen, alle sind friedlich geblieben. Aufgrund der Länge des Demonstrationszuges gibt es sehr unterschiedliche Eindrücke, einige haben keine Polizeigewalt erlebt und haben die Stimmung unter den Demonstranten als friedlich und liebevoll empfunden, andere widerum haben sehr viel mehr Polizeigewalt erlebt als ich.

In einer Demokratie sollte das Demonstrationsrecht nicht durch unsinnige Auflagen, Verordnungstricks und Polizeigewalt ausgehebelt werden, wenn ein Staat mit einer solchen Brutalität und Tricks reagiert, scheinen ihm die Argumente ausgegangen zu sein.

Leider ist es durch die aktuelle Flut von Information und Desinformation für jeden schwierig, Wahrheit und Desinformation zu unterscheiden. Eigentlich wäre es Aufgabe der Medien, die Bürger durch verzerrungsfreie Darstellung und korrekte Recherchen zu unterstützen, es scheint mir jedoch, daß die Medien diese Aufgabe nicht erfüllen wollen.
Ein Dialog ist nötig und wichtig, leider ist mein Vertrauen in Medien, Polizei und Justiz in der letzten Zeit deutlich gesunken.
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Alwite, 22. September 2020, 17:00 Uhr


Der Kommentar ist unübersichtlich und voller Widerspruch, lieber Uwe-Pf., bitte wer soll da durchsteigen?

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-22-september-2020-100.html

Wie sagte Hessens Ministerpräsident ?
Alle reden mit, doch wenn es um Verantwortung geht, will sie niemand tragen.

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Uwe-Pf, 24. September 2020, 8:05 Uhr


Hallo Alwite,

ich gebe zu, daß der Kommentar etwas lang ist, Widersprüche kann ich nicht erkennen. Wenn man einen konkreten Widerspruch benennt, kann ich gerne dazu Stellung nehmen.
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