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Selbstbestimmtes Lernen: Kinder üben Rechnen in einer Montessori-Schule. Foto: Norbert Neetz/epd

„Hilf mir, es selbst zu tun“

Maria Montessori

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2020

Angelika Prauß und Viola van Melis | 31. August 2020

Alters- und leistungsgemischte Klassen, gemeinsames Lernen von nicht-behinderten und behinderten Kindern, Freiarbeit: Maria Montessori revolutionierte mit ihrem Ansatz das Schulsystem. Vor 150 Jahren wurde die Reformpädagogin geboren.

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Selbstbestimmtes Lernen: Kinder üben Rechnen in einer Montessori-Schule. Foto: Norbert Neetz/epd
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Die Pädagogin und Ärztin Maria Montessori wurde in Chiaravalle, Italien geboren. Foto: epd/Keystone

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Kritiker sehen in ihren Erziehungsmethoden einen Freibrief für Lethargie und Anarchie. Verfechter der Reformpädagogik Maria Montessoris dagegen halten sie für die anspruchsvollste Form des Unterrichts, für Lehrer wie für Schüler. „Hilf mir, es selbst zu tun“, heißt ein Leitsatz, ein anderer „lass mir Zeit“. Ziel des individuell ausgerichteten Ansatzes: aus Kindern selbstständige Persönlichkeiten machen. Vor 150 Jahren, am 31. August 1870, wurde die italienische Ärztin geboren.

Ihre damals neuartige Pädagogik erlebt seit Jahrzehnten national und international einen Boom. Weltweit gibt es rund 22 000 Montessori-Einrichtungen in weit über hundert Ländern. Allein in Deutschland arbeiten laut Montessori-Dachverband über 1000 Schulen und Kitas nach den Prinzipien der Pädagogin.

Unterrichtsmaterialien sollen alle Sinne anregen

Steine, Korken, Baumrinde-Stückchen. Ein Alphabet aus Sandpapier. Schnallen und Knöpfen, die sich öffnen und schließen lassen: In Montessori-Schulen ist das Unterrichtsmaterial so gestaltet, dass es alle Sinne anregt. Die Jungen und Mädchen sollen das Leben im wahrsten Sinne des Wortes mit den Händen begreifen lernen.

Montessori maß der Schulung der Sinne im frühen Kindesalter hohe Bedeutung bei. Die kindliche Entwicklung sah sie als die Entfaltung der Kräfte nach einem „verborgenen, aber festen inneren ‚Bauplan‘“. Wichtigste Aufgabe von Pädagogen sei, dem Kind eine Entwicklung gemäß seinen eigenen ursprünglichen Antrieben zu ermöglichen. Inhalt und Tempo des Tuns bestimmt der Nachwuchs weitgehend selbst. Der Lehrer ist in Montessori-Schulen nicht Wissensvermittler, sondern „Lernhelfer“. Ein wichtiger Montessori-Grundsatz lautet: „Der Lehrer muss zurücktreten, damit das Kind wachsen kann.“

Dazu müssen Kinder nach Montessori eine „vorbereitete Umgebung“ haben. Ein Herzstück ist die sogenannte, meist tägliche Freiarbeit, für die es eigene Materialien gibt. In dieser Zeit absolvieren die Schüler in konzentrierter Stille selbstständig vorgegebene Lernpläne; der Lehrer steht für Fragen unterstützend bereit. Wie sie sich die Zeit und die Reihenfolge der Themen einteilen, bleibt ihnen überlassen. Weil jedes Kind individuell wählen kann, womit es sich beschäftigen will, kann es dies aus seinem aktuellen Interesse am Lernen tun. So sollen Heranwachsende das Lernen lernen. „Der größte Erfolg eines Lehrers ist es, sagen zu können, dass seine Schüler arbeiten, als wäre er nicht da“, sagte Montessori einmal.

Die Konzepte der Reformpädagogin entstanden indes nicht im stillen Kämmerlein: Nachdem die 1870 in Chiaravalle geborene junge Frau gegen alle Widerstände Medizin studiert hatte und erste „Dottoressa“ Italiens geworden war, arbeitete sie in einer römischen Klinik für „schwachsinnige Kinder“. Sie erkannte, dass deren Schwächen weniger medizinisch als vielmehr pä-dagogisch begründet waren.

In einem spektakulären Versuch belegte Montessori, dass gut geförderte „Schwachsinnige“ und „normale“ Kinder das gleiche Lernniveau erreichen. Die Wissenschaftlerin und bekennende Christin folgerte, dass Lehrmethoden wie bei den „Schwachsinnigen“ auch die Leistung anderer Kinder immens steigern müssten. Von 1906 an erprobte sie die Theorie mit verwahrlosten und unterernährten Kindern. Und hatte Erfolg. Daraus folgte auch der bis heute praktizierte Grundsatz, dass sich Schüler unterschiedlichen Alters sowie behinderte und nicht-behinderte Kinder gegenseitig anleiten und helfen.

Zugleich merkte sie: Kinder werden von selbst leise, wenn sie in eine Arbeit versunken sind und ihnen das Lernen Spaß macht. Eine solche Konzentration werde nicht durch äußerlichen Zwang erreicht, sondern durch räumliche und inhaltliche Freiheit für den Schüler. Diese wurde Grundlage ihrer Pädagogik.

Montessoris Ansichten über Persönlichkeitsentfaltung und ihr Kampf gegen autoritäre Strukturen waren den braunen Machthabern in Europa ein Dorn im Auge. Mussolinis und Hitlers Faschisten ließen Mitte der 30er Jahre die nach ihren Ideen arbeitenden Schulen schließen. Die Ärztin selbst floh nach England und verbrachte die Kriegsjahre in Indien, wo sie Kontakt zu Mahatma Gandhi hatte. Nach 1945 wurde sie europaweit mit Ehrungen überhäuft. 1949 wurde sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Ihr ständiger Wohnsitz wurden die Niederlande, wo sie 81-jährig starb.

Ihr pädagogischer Ansatz scheint heute aktueller denn je. In der Diskussion über die Fortentwicklung des Schulwesens würden viele Elemente der Montessori-Pädagogik als Möglichkeit zur besseren Entwicklung des Leistungspotenzials angeführt, sagt Stephanie Probst vom Montessori-Dachverband. Auch die moderne Hirnforschung habe Montessoris empirische Ergebnisse bestätigt. Sie habe zugleich die Grundlagen gelegt „für einen neuen, umfassenden Blick der Erwachsenen auf die Kinder“. Zugleich habe sie die Lehrerund Schülerrolle neu definiert.

Buchhinweis: Laura Baldini: Lehrerin einer neuen Zeit. Roman, Piper Verlag, 368 Seiten, 12,99 Euro.

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