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In Berlin haben am Samstag (29.08.2020) Zehntausende Menschen größtenteils unter Missachtung der Pandemie-Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Regeln demonstriert. Rund um das Regierungsviertel bildeten sich im Wesentlichen drei größere Züge und Kundgebungen. Weitgehend dicht gedrängt und ohne Masken zogen Protestierende vom Brandenburger Tor über die Friedrichstraße, bis die Polizei wegen Nichteinhaltung der Auflagen die Demonstration für beendet erklärte. (Foto: epd)

Demonstranten nicht als «Covidioten» brandmarken

epd-Gespräch

Franziska Hein (epd) | 2. September 2020

Kai Funkschmidt, Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, im epd-Gespräch über die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen.

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In Berlin haben am Samstag (29.08.2020) Zehntausende Menschen größtenteils unter Missachtung der Pandemie-Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Regeln demonstriert. Rund um das Regierungsviertel bildeten sich im Wesentlichen drei größere Züge und Kundgebungen. Weitgehend dicht gedrängt und ohne Masken zogen Protestierende vom Brandenburger Tor über die Friedrichstraße, bis die Polizei wegen Nichteinhaltung der Auflagen die Demonstration für beendet erklärte. (Foto: epd)

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Berlin (epd). Nach Ansicht des Esoterik-Experten Kai Funkschmidt ist die Vielfalt unter den Teilnehmern der Anti-Corona-Demo am Samstag in Berlin nicht überraschend. «Es gibt immer mehr Themen, bei denen sich linkes und rechtes Spektrum verbinden. Da sieht man neue Gemeinsamkeiten, die sich nicht in einfache politische Kategorien fassen lassen», sagte Funkschmidt, der als Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin arbeitet, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

   Bei Gesundheitsthemen würden auch viele Esoteriker mitdemonstrieren, fügte Funkschmidt hinzu. Esoteriker seien keine fest definierte Gruppe, sondern seien quer durch alle gesellschaftlichen Schichten vertreten, sowohl in der bürgerlichen Mittelschicht als auch unter Extremisten oder evangelikalen Christen.

   Bei Corona mischten sich politische mit gesundheitlichen Themen, erklärte der Theologe. Die Frage, wie viel Freiheit man zugunsten der Sicherheit aufgebe, verbinde sich mit der Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen des Gesundheitsschutzes.

   Zum einen seien unter den Demonstranten Impfgegner, die es in der esoterischen Szene schon lange gebe. Die Anthroposophie, eine spirituelle und esoterische Weltanschauung, lehne Impfung als etwas Unnatürliches und Unnötiges ab. In vielen Teilen der Gesellschaft werde die Anthroposophie stark akzeptiert, sagte Funkschmidt. Impfgegner machten das Thema zudem zu einem Freiheitssymbol.

   Die andere Gemeinsamkeit der Demonstranten sei eine zunehmende Skepsis gegenüber bestehenden Institutionen und Großindustrien - diese Skepsis sei auch in einem links-grünen bürgerlichen Milieu verbreitet, sagte Funkschmidt. Dort sei auch die Impfskepsis am größten. Die Kritik an der Arbeit der Pharmakonzerne und deren Lobby sei auch anschlussfähig an Verschwörungstheorien. Im Umfeld der Corona-Proteste habe sich die Verschwörungserzählung entwickelt, dass alle Menschen zwangsgeimpft werden sollten.

   Esoteriker seien Menschen, die ihre eigene Erfahrungswelt über das Prinzip der aufgeklärten Vernunft erhöben und daraus eine Weltsicht machten. Die subjektive Erfahrung werde zur Wirklichkeit erklärt und entziehe sich der wissenschaftlichen Überprüfung. «Dann sucht sich jeder seine Glaubens- und Gesinnungsgenossen», sagte Funkschmidt.

   Es sei dennoch wichtig, mit diesen Menschen im Gespräch zu bleiben und darauf zu vertrauen, mit ernsthaften Gesprächen einen Keim des Zweifels zu sähen. «Menschen glauben Menschen eher, die sie für vertrauenswürdig halten», sagte der Theologe. «Wenn diese Menschen als 'Covidioten' gebrandmarkt werden, ist kein Gespräch, keine Überzeugung mehr möglich.»

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 3. September 2020, 9:04 Uhr


Obwohl ich der Kindheit heilschreiende Massen noch mit Schrecken erinnere - unserer funktionierenden Demokratie, laut und begründet bestimmte Themen zu demonstrieren, findet meinen Beifall. Der Hinweis auf Demonstranten, in dem der Experte Kai Funkschmidt, auf die Gruppe der Esoteriker aufmerksam macht, überzeugt mich. Doch welche Antwort, obwohl das von Ihnen gezeigte Bild eine disziplienierte Menschenansammlung übermittelt, (ich erinnere höchst ungern an den Hamburger Gipfel) ist auf gewaltbereite Ausuferungen möglich? Wie der Sektenbeauftragte der EKD oder Levi Salomon, Linke und Esoteriker vergleicht, macht dennoch sehr nachdenklich.
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