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Michael Ende im Jahr 1989, umgeben von seinen Büchern. (Foto: picture alliance)

Der Mahner aus Phantásien

Literatur

Aus der Printausgabe - UK 35 / 2020

Birgitta Negel-Täuber | 27. August 2020

Jim Knopf, Momo und Bastian Balthasar Bux – wer kennt sie nicht? Auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod zieht Michael Ende nicht nur Kinder in seinen Bann. Einige Themen hatte er geradezu prophetisch gewählt – sie wirken hochaktuell.

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Michael Ende im Jahr 1989, umgeben von seinen Büchern. (Foto: picture alliance)

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Corona lässt grüßen! Jedenfalls könnte der Leser von „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ an die derzeitige Situation denken. Michael Ende veröffentlichte den phantastischen Abenteuerroman 1989. Von Umweltverschmutzung über Klimaänderungen bis hin zu Seuchen finden sich dort fast sämtliche Probleme, die die Menschen heute umtreiben. Die Lösung im Buch – geboren aus einer Allianz zweier gewitzter Tiere und einer Prise Übernatürlichkeit – steht in der Realität noch aus.

Ende war Jahrgang 1929. Aufgewachsen in einer Umgebung, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstand, war es nur folgerichtig, dass er in den letzten Kriegswochen nicht sinnlos „fürs Vaterland“ sterben wollte. Bei seiner Einberufung zum Volkssturm desertierte er und schloss sich einer Widerstandsgruppe an. Familie und Freunde hatten unter dem Nationalsozialismus gelitten. Vater Edgar malte surrealistische Bilder, die von den Nazis als „entartet“ eingestuft wurden; mehrere jüdische Freunde der Eltern wurden ermordet.

Aufgewachsen zwischen surrealistischen Gemälden

Diese Erfahrungen trugen dazu bei, den Schriftsteller Michael Ende zu politisieren. Er wollte Theaterautor werden und besuchte zu diesem Zweck die Schauspielschule. Als Schauspieler arbeitete er tatsächlich einige Jahre lang, aber mit seinen eigenen Theaterstücken hatte er keinen Erfolg.

Zum Kinderbuch kam er eher zufällig. Sein Erstling in diesem Bereich, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, nahm seinen Weg durch die Verlage, bis er nach vielen Ablehnungen endlich im Thienemann-Verlag veröffentlicht wurde. Das war 1960 und brachte den Durchbruch. „Jim Knopf“ wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und gilt bis heute als Klassiker der Kinderliteratur. Zum Erfolg trugen auch zahlreiche Adaptionen bei, die jeder folgenden Kindergeneration ein neues Bild der beiden Helden vermitteln.

Dem Kinderbuch blieb Ende auch später treu, aber stets haderte er mit der Bezeichnung „Jugendbuchautor“. Nicht nur, weil sie in Deutschland etwas Abwertendes hat: Autoren wie Erich Kästner und Peter Härtling schrieben auch für Kinder, aber ihre Lorbeeren hatten sie sich beim erwachsenen Publikum verdient. Bei Michael Ende war es andersherum. Seine Bücher seien nichts als Eskapismus, mäkelte die Kritik. Dieser Vorwurf begegnete ihm in Deutschland ständig. Irgendwann hatte er es satt und zog mit seiner Frau nach Italien.

Das Missverständnis rührte vielleicht auch daher, dass Endes Bücher etwas Märchenhaftes haben: Figuren wie Momo oder Bastian Balthasar Bux sind Grenzgänger, die sich zwischen Realität und Phantasie bewegen. In der „Unendlichen Geschichte“ wird das auch typographisch hervorgehoben. Die Rahmenhandlung ist rot, die fantastische Binnenerzählung grün gedruckt, und das Buch, das Bastian auf einem Dachboden findet, sieht haargenauso aus wie das Exemplar, das der Leser oder die Leserin in Händen hält.

Im Grunde sind es aber philosophische Themen, die in beiden Romanen verhandelt werden. Bei „Momo“ ist es das Verhältnis zur Zeit, in der „Unendlichen Geschichte“ das Verhältnis von Realität und Fiktion. Zudem geht es in beiden Büchern um die Bedeutung der Phantasie und nicht zuletzt um die welten­erschaffende Rolle der Sprache.

Zum enormen Erfolg seiner Romane trug wohl auch bei, dass sie passgenau das Unbehagen an den Zeitläufen ausdrückten. Die trieben in den 1970er Jahren viele, vor allem junge Menschen um. Es war die Zeit der Friedensbewegung und Anti-Atomkraft-Demonstrationen, die Zeit des Waldsterbens und der ersten Erfolge einer auch zunehmend politischen Ökologie-Bewegung.

Ende lebte in diesen Jahren in der Nähe von Rom. Dort lernte er den Komponisten und Carl-Orff-Schüler Wilfried Hiller kennen, mit dem er fortan eng zusammenarbeitete. Der Autor hatte auch schon vorher nach Möglichkeiten gesucht, zeitgenössische Musik und Literatur zusammenzubringen. Bereits 1979 war „Momo“ als Oper auf die Bühne gekommen. In Hiller hatte Ende nun sein musikalisches Alter Ego gefunden, die Zusammenarbeit der beiden dauerte bis zu Endes Tod.

Auch seine Frau, die Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, hatte großen Einfluss auf sein Werk. Nach ihrem Tod im Jahr 1985 zog Ende zurück nach Deutschland; einige Jahre später heiratete er die japanische Übersetzerin seiner Werke. In den 1980er Jahren schrieb er explizit für ein erwachsenes Publikum, aber mit Titeln wie „Der Spiegel im Spiegel“ oder dem Theaterstück „Das Gauklermärchen“ konnte er an frühere Erfolge nicht anknüpfen.

Heute ist Michael Ende so etwas wie ein moderner Klassiker, angesiedelt zwischen Fantasy, Kinderliteratur und Zivilisationskritik. Nicht zuletzt musikalische und filmische Adaptionen halten das Interesse dauerhaft aufrecht. Bei der Verfilmung von „Die unendliche Geschichte“ hatte Ende allerdings Pech. Sein „Phantásien“ wurde auf der Kinoleinwand zum Disney-Kitsch – Ende prozessierte dagegen lange, aber vergeblich.

Die letzten Lebensjahre waren gezeichnet von Krankheit. Am 28. August 1995, vor 25 Jahren, starb Michael Ende.

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