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Von Lummerland in die Welt

Kultur

Christine Ulrich (epd) | 9. August 2020

Der Kinderbuch-Klassiker «Jim Knopf» wird 60 Jahre alt

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München (epd). Einer wahrhaft guten Geschichte können die Jahre nichts anhaben. Das dachte sich auch Regisseur Dennis Gansel, als er 2016 begann, «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» zu verfilmen - mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Romans von Michael Ende (1929-1995). Gansel schuf nicht etwa eine postmoderne 3D-Animation, sondern eine Realverfilmung eng an der Romanvorlage. Warum? Antwort des Regisseurs auf dem Portal «filmclicks.at»: «Wir haben dem Roman vertraut.» Der zweite Teil des Kinofilms, «Jim Knopf und die Wilde 13», soll am 8. Oktober starten.

   Was ist das für eine Erzählung, die am 9. August 1960 erschien, vor 60 Jahren, und viele Leser heute noch genauso in ihren Bann schlägt wie damals? Auf der Insel Lummerland kommt ein Paket an, in dem ein Baby steckt - Jim Knopf, der freundlich als fünfter Inselbewohner aufgenommen wird. Lukas, der Lokomotivführer, wird Jims bester Freund. Außerdem sind da noch die liebevolle Frau Waas, der Untertan Herr Ärmel und König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte. Doch mit Jims Heranwachsen wird die Insel zu eng, und so brechen die Freunde mit der Lokomotive Emma übers Meer zu zahlreichen Abenteuern auf.

   Als eines der ersten «All-Age»-Bücher begeisterte «Jim Knopf» Kinder und Erwachsene gleichermaßen, wie der Literaturwissenschaftler und Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, Ralf Schweikart, erläutert. Darin stecke eine klassische Heldengeschichte: Zwei unterschiedliche Figuren bestehen Prüfungen in einer fantastischen Welt und retten am Ende eine Prinzessin. «Diese Grundstruktur ist zeitlos und funktioniert großartig, wenn die Geschichte gut erzählt ist», sagt Schweikart.

   Doch gerade wegen seiner überbordenden Fantasie warfen die damaligen Literaturkritiker Michael Ende Eskapismus vor. Seine «positiven Märchen» bereiteten Kinder nicht auf das richtige Leben vor, hieß es. Ende arbeitete als Filmkritiker für den Bayerischen Rundfunk, als er das Manuskript für «Jim Knopf» verfasste: «Ich setzte mich also an meine Schreibmaschine und schrieb: 'Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, war nur sehr klein.' Das war der erste Satz, und ich hatte nicht die geringste Vorstellung, wie der zweite heißen würde. (...) So entdeckte ich das Schreiben als ein Abenteuer.» Das erzählt Ende auf «michaelende.de» autobiografisch.

   Zehn Monate dauerte die Arbeit - und dann wurde das Manuskript von zwölf Verlagen abgelehnt. Bis es Lotte Weitbrecht vom Stuttgarter Thienemann-Verlag in die Hände fiel: Sie verlangte, dass der Autor aus den rund 500 Seiten zwei Bücher machen sollte. 1960 kam der erste Band heraus, 1961 erhielt er den Deutschen Kinderbuchpreis. Der zweite Teil, «Jim Knopf und die Wilde 13», folgte 1962. Zur Popularität trugen auch die verfilmten Aufführungen der Augsburger Puppenkiste bei.

   Der kleine, dunkelhäutige Junge Jim und der brummige, rußverschmierte Lukas: «Jim Knopf» ist eine große Freundschaftsgeschichte. Gemeinsam begegnen sie Bonzen und Piraten, durchreisen Wüsten und die Drachenstadt. Die positive Auflösung vermittle, «dass es um ein harmonisches Miteinander als Grundwert geht», sagt Schweikart. Keine Figur bleibe zurück, jeder finde seine
Aufgabe, sogar der Scheinriese Herr Turtur. Zudem habe die Geschichte einen integrativen, pazifistischen Charakter: «Der schwarze Held und die chinesische Prinzessin finden zusammen, ohne dass Herkunft und Hautfarbe eine Rolle spielen.»

   Die Wissenschaftlerin Julia Voss sieht im Buch eine Gegengeschichte zu nationalsozialistischen Bilderwelten und Fehldeutungen der Darwinschen Evolutionstheorie. So beklagt etwa der Halbdrache Nepomuk, dass die reinrassigen Drachen ihn nicht ernst nehmen: Dies sei «eine klare Abgrenzung von der NS-Ideologie», sagt auch Schweikart. Dass schließlich der Halbdrache den Freunden hilft, «konterkariert den Nazi-Rassenwahn».

   Andererseits werden «Jim Knopf» rassistische und stereotype Darstellungen in Bezug auf Schwarze und Asiaten vorgeworfen. Es reproduziere Klischees zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen, sagte beispielsweise die Hamburger Pädagogin Christiane Kassama der Wochenzeitung «Die Zeit». Jim sei «so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen» - auch wegen der Illustrationen von F. J. Tripp.

   Als das Paket ausgepackt wird, sagt Herr Ärmel: «Das muss ein Neger sein.» Wegen des N-Worts gab es Proteste. Der Verlag jedoch entschied sich, nichts zu verändern, «weil es sich um Figurenrede handle und in die damalige Zeit passe», erklärt Schweikart. Man könne Michael Ende nicht unterstellen, dass er rassistisch gewesen sei - im Gegenteil.

   Seinen Autor machte der Erfolg des Buchs erstmals finanziell unabhängig, es folgten Werke wie «Momo» und «Die unendliche Geschichte». Bis heute wurden die originalen «Jim-Knopf»-Bücher laut Verlag weltweit rund 5,5 Millionen Mal verkauft und in 33 Sprachen übersetzt.

Informationen

Julia Voss: Darwins Jim Knopf. Fischer Taschenbuch, 2018. 20 Euro

Thienemann-Verlag: http://u.epd.de/1l0c

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