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Oh Schreck! Von Gott berufen. Von Gott eine Aufgabe bekommen. Das kann dich schon an deine Grenzen bringen. Da sucht man gerne nach einer Ausrede, warum das nicht geht. Nicht gehen kann! Zu jumg. Zu beschäftigt. Zu ungeeignet. Doch Gott lässt die Ausreden nicht gelten. Er weiß um die Gaben und Talente eines jeden. Das erfuhr schon der Prophet Jeremia. Und darauf können wir uns auch verlassen. Gott gibt uns keine unmöglichen Aufgaben in seiner Nachfolge. Foto: 1STunningART

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Trau dich!

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 33 / 2020

Damaris Seidel | 7. August 2020

Über den Predigttext zum 9. Sonntag nach Trinitatis: Jeremia 1,4-10

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Oh Schreck! Von Gott berufen. Von Gott eine Aufgabe bekommen. Das kann dich schon an deine Grenzen bringen. Da sucht man gerne nach einer Ausrede, warum das nicht geht. Nicht gehen kann! Zu jumg. Zu beschäftigt. Zu ungeeignet. Doch Gott lässt die Ausreden nicht gelten. Er weiß um die Gaben und Talente eines jeden. Das erfuhr schon der Prophet Jeremia. Und darauf können wir uns auch verlassen. Gott gibt uns keine unmöglichen Aufgaben in seiner Nachfolge. Foto: 1STunningART
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Damaris Seidel (34) ist Prädikantin und Vorsitzende der Guten Stube in Lüdenscheid.

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Predigttext
4 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. 9 Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Ich bin zu jung. Das kann ich mir nicht leisten. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Das ist nicht erlaubt. Dafür bin ich zu alt. Ich bin ja kein Theologe. Ich habe keine Zeit. Ich habe Kinder. Ich bin krank. Ich habe so viel um die Ohren. Das ist nicht mein Ding. Da kenne ich mich nicht so aus. Das habe ich noch nie gemacht…

Ausreden begegnen uns nicht nur in der Bibel zur Genüge. Ich kenne sie aus meinem Umfeld, von meinen Kindern, aus meiner Gemeinde, meinem Freundeskreis und nicht zuletzt von mir selbst. Es gibt immer gute Gründe, etwas nicht zu tun.

Wenn es um unangenehme Dinge geht, dann fällt mir schnell etwas ein, warum ich es nicht tun sollte und kann dies meinem Gegenüber auch recht schnell und plausibel klarmachen. Am besten nehme ich eine Begründung, an der ich ja nichts ändern kann und ich bin aus dem Schneider.

Eine Ausrede finden ist einfach

Ausreden sind auch ein Selbstschutz. Sie können mir helfen, mir nicht zu viel aufzubürden. Besonders in einer Ja-Sager-Gesellschaft, in der die Zeit knapp geworden ist, und man in einer Kirchengemeinde schneller für Aufgaben eingetragen ist als man Nein sagen kann, ist es gut, wenn man eine Standardausrede parat hat.

Bei Jeremia geht es aber nicht um ein „zu viel“. Es geht nicht darum, mich vor Anfragen zu schützen. Es geht auch nicht darum, eine gesunde Work-Live-Balance zu finden. Es geht darum, Gottes Wort in eine Situation reinzusprechen und gehorsam zu sein.

Ich kann Jeremia sehr gut verstehen. Da backe ich lieber einen Kuchen mehr nächsten Sonntag. Aber Gottes Wort jemandem bringen? Wäre das nicht anmaßend? Ja, Jeremia ist viel zu jung! Das muss Gott doch klar sein. Ja, weiß er. Er weiß auch, dass ich keine Zeit habe und kein Theologe bin und dass ich Kinder habe oder schon im fortgeschrittenen Alter bin.

Aber zählen diese Ausreden, wenn Gott uns dazu beruft, sein Wort weiterzugeben?

Ich bin tief berührt von Gottes Reaktion auf Jeremias Ausrede. Er sieht, was dahintersteckt. Nämlich das, was sehr oft hinter Ausreden steckt: Angst. Angst vor der Reaktion des Anderen, vor möglichen Konsequenzen, vor neuen Menschen in unserem Leben. Angst, es nicht richtig zu machen, anmaßend zu sein. Angst vor Bußstrafen oder Angst zu versagen.

Sehr oft bestimmt Angst unser Leben. In den letzten Monaten beobachte ich eine große Angst in unserer Kirche, etwas Falsches zu tun, was nicht „Corona-konform“ sein könnte.

Angst zu haben ist nicht falsch. Im Gegenteil! Sie schützt uns. Aber sie sollte nicht unsere Entscheidungen bestimmen. Ich gebe meine Angst nicht gerne zu. Oft weiß ich gar nicht um meine Angst, die hinter der Ausrede steckt.

Wie gut, dass Gott um meine Ängste weiß: Fürchte dich nicht! Das ist seine erste Antwort auf unsere Ausreden. Was hat Jeremia denn auch gedacht, was Gott sagen würde? „Ach so, dann komm ich in zehn Jahren nochmal zu dir?“ Wohl kaum. Gott kennt dich von Mutterleib an. Er kennt deine Angst. Er kennt deine Ausreden. Aber er kennt vor allem deine Berufung und deine Gaben!

Ich wünsche mir eine Kirche, in der jeder und jede sich traut, Gottes Wort zu sagen. Nelson Mandela hat einmal gesagt: „Ich habe erkannt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Furcht ist, sondern der Triumph darüber.“ Wir brauchen Mut, in unserer Kirche Gottes Wort zu sagen.

Das kann ein „Gott hat dich lieb“ in der richtigen Situation sein. Das kann aber auch ein „So solltest du nicht weitermachen“ in schwierigen Situationen sein. Gottes Wort kann Schlechtes zerstören und Gutes bauen. Und er möchte, dass es durch uns geschieht. Wo wir es tun sollen, erfahren wir nur im Hören auf ihn. Egal wie alt oder jung wir sind.

Gebet

Herr, ich bitte dich, schenke mir Mut, dein Wort weiterzugeben. Zeige mir heute Menschen, denen ich Zeuge sein darf. Danke, dass du meine Ängste kennst und mich nicht mit ihnen allein lässt. Danke, dass du mich herausforderst, mutig zu sein. Amen.

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