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Hilfe, ich habe die Gitarre geschrumpft: Nach Jahren mit der „großen“ Gitarre hat der Autor nun die kleine Schwester Ukulele entdeckt. Foto: Besim Mazhiqi

Endlich frei!

Sommerserie (VI)

Aus der Printausgabe - UK 33 / 2020

Gerd-Matthias Hoeffchen | 12. August 2020

Weniger ist mehr. Dass der Spruch nicht nur im Poesiealbum seinen Platz hat, sondern auch im richtigen Leben, hat der Autor in den vergangenen Wochen erfahren. Ode an die Ukulele.

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Hilfe, ich habe die Gitarre geschrumpft: Nach Jahren mit der „großen“ Gitarre hat der Autor nun die kleine Schwester Ukulele entdeckt. Foto: Besim Mazhiqi
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Aus reiner Freude: Als „Breakdown Brothers“ („Pannenbrüder“) machen sie Musik auf Facebook & Co. (v.l.): Bernd Becker, Markus Sorg, Gerd-Matthias Hoeffchen. Die Ukulele ist immer dabei. Foto: gmh

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Die UK-Sommerserie dreht sich diesmal nicht um Ausflugsziele, sondern um Beschäftigungen. Um das, was man gut im Urlaub machen kann – und sonst auch. Es sind Aktivitäten, die Mitglieder des UK-Teams in der Corona-Krise (wieder-)entdeckt haben.

Ich habe sooo viele Gitarren. In Jahrzehnten des Herumklampfens in Jugendkreisen, Musikgruppen und Gottesdienst-Bands hat sich einiges angesammelt. Wandergitarren, E-Gitarren, Westerngitarren. Billige Gitarren. Schöne Gitarren. Hässliche Gitarren.

Und auch richtig teure. Zuerst vom Taschengeld abgespart oder vom BaföG. Später als Belohnung für harte Büroarbeit mir selbst zu Weihnachten geschenkt. Sogar Musiker-Profis bekamen schon beim Anblick meiner Sammlung große Augen. In einige habe ich mich regelrecht verliebt (in die Instrumente, nicht in die Profis).

Und? Was ist mein absolutes Lieblingsinstrument im Moment? Eine Ukulele. Eine Ukulele sieht aus und fühlt sich an wie eine Kindergitarre, klingt so und kostet auch nicht viel mehr. Sie ist so winzig, dass der Fotograf sich für das Foto zu diesem Artikel schon richtig anstrengen musste, um das  Mini-Instrument überhaupt einigermaßen in Szene zu setzen.

Manchmal, wenn ich zwischen all meinen „großen“ Gitarren sitze, aber selig auf der „kleinen“ rumschrummel, komme ich mir vor wie ein Junge, der Carrerabahn, Playstation und sogar eine Flugzeug-Drohne herumliegen hat. Aber seine ganze Spielfreude hängt an einem Stückchen Holz. Stundenlang kann der Junge damit durch die Luft wedeln und in seiner Phantasie die größten Abenteuer dabei erleben.

Bei meiner Ukulele ist das auch so. Viele Jahre hatte ich dieses Instrument nicht ernst genommen. Ein besseres Räppelchen, um Kinder bei Laune zu halten, dachte ich. Und jetzt? Lasse ich die schönsten Gitarren dafür versauern.

Warum?

Weil die Ukulele mich befreit.

Befreit von all diesem „Aaah, dieses Tonfolge habe ich doch schon hundertvierzigtausendmal geübt, und noch immer verhaken sich meine Finger dabei“. Befreit von dem „Boooah! Guck mal! Wie gut ist der denn auf der Gitarre – da werde ich ja nie hinkommen“. Befreit von all diesem jahrzehntelangen Überperfektionismus, der zwar dazu führt, dass man in den Augen der anderen ein ganz leidlicher Gitarrist ist. Nur – in den eigenen Augen hinkt man immer, und zwar wirklich immer hinterher; nämlich im Vergleich zu dem, was man eigentlich meint, können zu müssen. „Über-Ich“ nennen das die Psychologinnen und Psychologen. Spaßbremse und schwere Last, nenne ich das nach 40 Jahren des Hinterherhechelns.

Ganz anders mit der Ukulele. Sie kommt so unscheinbar daher. Man kommt gar nicht erst auf die Idee, damit irgendwelche Kunststücke vorführen zu wollen. Obwohl auch das möglich ist, wie ich inzwischen in Internet-Videos gesehen habe. Aber – aus irgendeinem geheimnisvollen Grund weckt dieses niedliche, kleine Instrumente in mir keine derartigen Instinkte. Vielleicht ist es ja so ähnlich wie bei einem Welpen oder bei Bambi. Wenn man denen in die Augen schaut, ist die erste Regung ja auch nicht: „Okay! Wir beide werden jetzt für die Weltmeisterschaft trainieren!“ Sondern: „Oh, wie süß… dich möchte ich einfach nur in den Arm nehmen.“

Entdeckt habe ich die Ukulele übrigens durch die Empfehlung meines Freundes Markus. Der ist Pfarrer an der Ruhr-Uni Bochum, führt aber ein Doppelleben. Als Countrysänger „Tom Frost“ hat er einschlägige musikalische Erfahrung, unter anderem mit Instrumenten wie Gitarre, Mandoline, Banjo oder eben Ukulele. Zu Beginn der Coronazeit kamen wir auf die Idee, gemeinsam mit einem dritten Freund (UK-Herausgeber Bernd Becker) Musik zu machen. Das geht sehr gut, wenn man ein bisschen mit Technik vertraut ist: Jeder nimmt seine eigene Stimme und Instrumente zuhause auf – und am PC werden Audio- und Videospuren dann zusammengeschnitten. Eine herrliche Art, trotz Lockdowns und Kontaktbeschränkungen sich nicht die Decke auf den Kopf fallen zu lassen. Das Ganze haben wir unter dem Namen „Breakdown Brothers“ (Pannenbrüder) auf Facebook & Co. veröffentlicht.

Wir spielen Countrysongs, Pop und Schlager. Alles ganz ganz locker vom Hocker. Statt Schlagzeug nehmen wir eine Holzkiste („Cajon“). Für rhythmische Glanzlichter sorgt eine Blechtröte („Kazoo“). Und natürlich ist auch eine Gitarre dabei. Vor allem aber: die Ukulele.

Wellen. Sonnenuntergang. Und unsere Ukulelen

Wir alle lieben dieses Instrument inzwischen. Heiß und innig. Mir gibt es eine Leichtigkeit in der Musik, die ich vorher nicht kannte. Man schrammelt vor sich hin und ist dabei auf eine sehr einfache, umkomplexe Weise glücklich. Wenn jemand verstehen will, warum sich der Philosoph Diogenes in einem ollen Fass so zufrieden gefühlt hat, obwohl der Kaiser ihm doch alle Güter dieser Welt angeboten hatte – der sollte einfach mal eine Ukulele in die Hand nehmen.

 Eines der Lieder, das wir mit den Breakdown Brothers aufgenommen haben, ist der Schlager „Wir zwei fahren irgendwo hin“. Wir haben den Text gegen Ende etwas umgemodelt: „Wir drei fahren irgendwo hin.“ Wir schwärmen von Wind und Wellen an der Nordsee. Und wer weiß, wenn die Zeiten mal wieder unbeschwertes Reisen zulassen – vielleicht sitzen wir drei dann eines Tages tatsächlich gemeinsam da oben. Atmen die raue Luft des Nordens. Und besingen den Sonnenuntergang, begleitet von unseren Ukulelen.

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