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Ein störender Anblick? Es gibt Menschen, die fühlen sich durch einen Rollstuhl in ihrem Urlaubsvergnügen gestört. Sieht Gottes Plan überhaupt eine Behinderung, ein Handicap, vor? Oder ist sie ein Druckfehler in der göttlichen Ordnung? Ein Fehler, den Jesus kraft seiner Vollmacht korrigiert. Doch so funktioniert die Geschichte von der Heilung eines Blinden nicht, sagt der Andachter. Für Gott gibt es keine Druckfehler, er macht keinen Unterschied zwischen gesund und krank. Foto: GAYSORN

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Kein Druckfehler

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2020

Walter Schroeder | 31. Juli 2020

Über den Predigttext zum 8. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 9,1-7(-9)

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Ein störender Anblick? Es gibt Menschen, die fühlen sich durch einen Rollstuhl in ihrem Urlaubsvergnügen gestört. Sieht Gottes Plan überhaupt eine Behinderung, ein Handicap, vor? Oder ist sie ein Druckfehler in der göttlichen Ordnung? Ein Fehler, den Jesus kraft seiner Vollmacht korrigiert. Doch so funktioniert die Geschichte von der Heilung eines Blinden nicht, sagt der Andachter. Für Gott gibt es keine Druckfehler, er macht keinen Unterschied zwischen gesund und krank. Foto: GAYSORN
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Walter Schroeder (84) lebt als Pfarrer im Ruhestand in Bethel.

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Predigttext
1. Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3. Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden. 4. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7. und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder. 8. Die Nachbarn nun und die, die ihn zuvor gesehen hatten, sprachen: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9. Einige sprachen: Er ist´s; andere: Nein, aber er ist ihm ähnlich. Er selbst aber sprach: Ich bin´s.

Es war am deutschen Ostseestrand,/ Kinder gingen baden, die hatten keine Arme, / die anderen Kurgäste sagten: / Gebt denen doch einen anderen Strand. / Wir können sowas nicht sehen.
Möchten Sie vielleicht ein Druckfehler sein? / Ich könnte mir denken, Sie sagen jetzt nein.*

Es ist ein tolles Gefühl, dazuzugehören. Zu der richtigen Gruppe, zum siegreichen Verein, zur erfolgreichen Firma, zur blühenden Gemeinde. Doch es gibt auch das Andere. Mein Freund Ulrich Bach hat beides erlebt. Bis zu seinem dritten Semester an der Uni gehörte er auf die helle Seite, aber dann in den 1950er Jahren packte ihn die Kinderlähmung.

Fortan war Ulrich Bach auf den Rollstuhl angewiesen. Er spürte den Riss, den Krankheit und Behinderung bewirken – auch in der Gemeinde, in der Kirche. Sein Glaube begann sich zu verändern. Was ist mit dem gnädigen Gott? Dem Gott der Liebe? War der den Gesunden näher als den anderen? Entspricht überhaupt Gesundheit mehr dem Willen des Schöpfers? Krankheit und Behinderung wären dann so etwas wie Druckfehler in Gottes Schöpfung?
Aber wer möchte schon ein solcher Druckfehler sein!

Und dann stehen in der Bibel diese Heilungsgeschichten. Es wurde ihm wichtig, bei diesen Geschichten genau hinzuschauen. Wurden da etwa Druckfehler korrigiert?

Der Blinde ist nicht die Hauptperson. Sondern, dass Jesus den Menschen sieht. Der Blinde ruft nicht um Hilfe wie etwa Bartimäus. Auch die Jünger fordern Jesus nicht auf: Herr, siehst du nicht die Not?! Die Heilung geschieht wie im Vorbeigehen. Fast grotesk, wie dann die Nachbarn reagieren. Es erklingt kein Wort des Jubels, der Mitfreude, des herzlichen und dankbaren Teilnehmens.

Klar ist: Thema dieses Geschehens ist weder der Blinde als Person noch die Blindheit als Krankheit oder Behinderung. Thema ist ohne jeden Zweifel Jesus und seine Sendung und sein Auftrag: Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Aber was bedeutet das nun? Es wird zunächst einmal deutlich, dass es hier nicht um die imposante Einzel-Reparatur eines Handicaps geht, gewissermaßen darum, einen Druckfehler im Schöpfungswerk Gottes zu beheben. Gott wäre als Gott der Stärke ein Feind aller Behinderungen und Krankheiten, die dann etwas Gegengöttliches wären. Gottes Herrlichkeit bestünde dann vor allem darin, behinderte, kranke Menschen von ihren Einschränkungen zu befreien Aber niemand muss solch ein „Druckfehler“ sein.

Nicht nur diese Heilungsgeschichte führt zu der Gewissheit: Gesundheit und Krankheit sind zwei verschiedene, aber in gleicher Weise uns von Gott anvertraute Lebensbedingungen. Gottes Herrlichkeit wird nicht nur in Heilungen offenbar, sondern ebenso, wo ein Nicht-Geheilter oder von Geburt an Behinderter Gottes Gnade genug sein lässt (2. Korinther 12,9). Krankheiten und Heilungen sind damit profane Geschehnisse wie Sturm und Windstille. Ein ebenso profaner Brei aus Spucke kommt speziell hier ins Spiel. Eine solche Heilung stellt eben nicht den paradiesischen Zustand vor der Schuld wieder her und nimmt genauso wenig den Zustand nach unserer Zeit in Gottes ewigem Reich vorweg.

Was ändert die Heilung dann? Wenn man dem Licht in der Geschichte folgt und dem, der das damals war und es heute noch ist, dann könnte es an deutschen Stränden oder in Ferienorten und anderswo im Leben sogar unter Corona-Bedingungen anders, gemeinsamer, menschlicher zugehen. Dann gehörten wir ohne Risse und Abstände zusammen. Wäre das nicht wunderbar?

*Ulrich Bach: Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz

Gebet

Großer Gott, wenn wir alleingelassen sind und gefangen in unseren Sorgen, wenn wir elend und krank sind und behindert sind und behindert werden, dann lehre uns glauben, dann lass dein Wort uns erreichen aus deiner Güte zur Hoffnung und zum Mut. Amen.

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