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Der Friedenspark, die Gedenkstätte in Hiroshima, wurde genau dort eingerichtet, wo die Bombe explodierte: auf einer Insel zwischen den Flüssen Motoyasugawa und Honkawa. Zu sehen sind hier Kenotaph mit ewiger Flamme (vorn) und die Friedensbrücke. Die Einrichtung ist heute ein Naherholungsgebiet. Fotos: Anja Boromandi

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Hasse den Krieg, nicht den Piloten

Jahrestag

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2020

Anja Boromandi | 2. August 2020

Koko Kondo war noch ein Baby: Sie überlebte am 6. August 1945 den Atombombenabwurf über der japanischen Stadt Hiroshima. Ein Ereignis, das ihr Leben geprägt hat und bis heute bestimmt.

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Der Friedenspark, die Gedenkstätte in Hiroshima, wurde genau dort eingerichtet, wo die Bombe explodierte: auf einer Insel zwischen den Flüssen Motoyasugawa und Honkawa. Zu sehen sind hier Kenotaph mit ewiger Flamme (vorn) und die Friedensbrücke. Die Einrichtung ist heute ein Naherholungsgebiet. Fotos: Anja Boromandi
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Hat das Hiroshima-Inferno als Baby überlebt: Koko Kondo ist heute 75 Jahre alt.
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Ground zero: Als am 6. August 1945 um 8.15 Uhr die Bombe über Hiroshima zündete, war der größte Teil der Stadt binnen Sekunden verschwunden. Etwa 70 000 Menschen verloren in diesem Moment ihr Leben.

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Koko Kondo, die in der Nähe der Stadt Kobe lebt, war am 6. August 1945 gerade einmal acht Monate alt und gilt damit als eine der jüngsten Hiroshima-Überlebenden. Aus ihrer Tasche holt sie den Strampelanzug hervor, den sie am Tag des Atombombenabwurfs vor 74 Jahren als Baby trug. „Meine Eltern hatten ihn für mich als Erinnerung aufbewahrt.“ Erst im Alter von 41 Jahren, erzählt sie, habe ihre Mutter berichtet, was genau an dem Morgen geschehen sei. Bis dahin habe sie nie ein Wort darüber verloren, das Thema war tabu, das Trauma zu groß.

Ihre Mutter sei an diesem Vormittag alleine mit ihr daheim gewesen, 1,1 Kilometer vom Einschlagsort entfernt, als die Druckwelle der Atombombe das Haus über beiden zusammenbrechen ließ. „Sie hielt mich im Arm und flehte Gott um Hilfe an: ‚Rette meine Tochter’. Zeitweise wurde sie bewusstlos und erdrückte mich fast mit ihrem Gewicht, weil sie auf mir lag. Als ich weinte, kam sie wieder zu Bewusstsein.”

Kokos Vater Kiyoshi Tanimoto, der Pfarrer einer methodistischen Kirche war, half an diesem Morgen außerhalb der Stadt einem Freund dabei, Sachen aufs Land zu bringen. Das rettete ihm an diesem Tag vermutlich das Leben.

Gut fünf Monate später klingelte der US-amerikanische Autor John Hersey bei ihnen an der Tür. Er wollte ihren Vater sprechen, doch der war an diesem Tag nicht zuhause. Erst jetzt, 2016, bekam Koko durch Herseys Nachlassverwalter den neunseitigen Brief zu Gesicht, den ihr Vater damals in einer Nacht an den Autor geschrieben hatte, weil er ihn verpasst hatte und ihm unbedingt das Erlebte mitteilen wollte. „Ich war so aufgeregt, als ich die Seiten in den Händen hielt.“ Waren sie doch für John Hersey der Auslöser gewesen, sein Buch „Hiroshima“ zu schreiben, in dem er die Geschichten von sechs Überlebenden schilderte.

„Das hätte nie passieren dürfen“

Kokos Vater war einer von ihnen. Das Buch erschien im renommierten New Yorker Magazine. In diesem Zusammenhang fällt Koko eine amüsante Episode ein und sie zieht Herseys Buch aus der Tasche und schlägt eine Seite auf, auf der mit Kugelschreiber das Wort „Sohn“ durchgestrichen ist und durch „Tochter“ ersetzt wurde. „Er hatte mich damals im Buch fälschlicherweise als Jungen bezeichnet und als ich ihn 40 Jahre später traf und ihm das sagte, meinte er: ‚Gib mir bitte das Buch’ und besserte das handschriftlich aus.“

John Herseys Buch wurde zu einem Bestseller. Alleine 1000 Exemplare gingen an bekannte Wissenschaftler, unter ihnen war auch Albert Einstein. „Mein Vater traf ihn einmal persönlich und Einstein versicherte ihm sichtlich betroffen: ‚Das, was in Hiroshima geschah, hätte nie passieren dürfen’.“

Zu den Kindheitserinnerungen, die Koko am stärksten im Gedächtnis geblieben sind, zählen die Begegnungen mit jungen Mädchen, die zum Gottesdienst in die Kirche ihres Vaters kamen und durch den Atombombenabwurf entstellt waren. Bei manchen waren die Finger zusammengeschmolzen, andere hatten keine Augenlider mehr oder einen deformierten Mund. Es gab keine Ärzte, keine Medikamente. Das alles machte Koko schon als kleines Mädchen zornig. Und sie schwor Rache. „Mit taten die Mädchen so leid. Eines Tages, sagte ich mir, werde ich den finden, der das gemacht hat und ihn dafür schlagen.“ Diese Gelegenheit sollte am 11. Mai 1955 kommen. Koko war inzwischen zehn Jahre alt, als ihr Vater, der 25 Mädchen in ein Krankenhaus für Gesichtschirurgie nach New York begleitete, vom TV Sender NBC in die Talkshow „This is your life“ eingeladen wurde, um dort auf Robert Lewis zu treffen, den Co-Piloten des Flugzeugs, das die Atombombe über Hiroshima abwarf. Was ihr Vater nicht wusste: Hinter der Bühne verfolgte Koko zusammen mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern dieses Treffen, denn der Sender hatte sie heimlich einfliegen lassen, um ihren Vater in der Sendung mit seiner Familie zu überraschen.

„Ich wusste erst gar nicht, wem mein Vater da die Hand schüttelte, doch dann sagte mir meine Mutter, wer der Mann war.“ Instinktiv wollte Koko sich losreißen, auf ihn zustürmen und mit Fäusten auf ihn eintrommeln. „Ich war doch die Gute, er der Böse, dachte ich bislang. Doch als ich ihn erzählen hörte, wie er nach dem Abwurf der Bombe zurückflog und er sah, dass Hiroshima verschwunden war, in sein Logbuch notierte: ‚Oh mein Gott, was haben wir nur getan?’ und ich die Tränen in seinen Augen sah, änderte dieser Moment mein Leben. Ich war schockiert, weil ich bislang dachte, er sei ein Monster. In diesem Moment wusste ich, wenn ich hasse, sollte ich den Krieg hassen, nicht die Menschen.“

Als Lewis nach seinem Auftritt hinter die Bühne kommt, greift Koko automatisch nach seiner Hand und er nimmt sie. Auch heute noch muss sie weinen, als sie diesen Moment schildert. „Wenn ich diesen Mann nicht getroffen hätte, wäre ich vermutlich mein ganzes Leben verbittert geblieben“, sagt sie und wischt die Tränen mit einem Taschentuch aus dem Gesicht.

Und dazu hätte sie auch allen Grund. Denn im Gegensatz zu ihrer Mutter, die nach ihr noch vier Kinder gebar, konnte Koko nie eigene Kinder bekommen. Wohl als Folge der radioaktiven Strahlung, deren Dosis bei ihr aufgrund des jungen Alters mehr Auswirkungen hatte als bei ihrer Mutter, vermuteten Mediziner. Aber Koko hat auch in diesem Punkt ihren Frieden mit sich gemacht. Sie und ihr Mann adoptierten zwei Mädchen.

Die anhaltende Diskriminierung von Menschen aus Hiroshima kann auch sie bestätigen, bis heute würden Freunde von ihr ihre Herkunft leugnen. Sie hingegen geht offen mit ihrem Schicksal um. Ihre Aufgabe sieht die 75-Jährige bis heute in der Friedensarbeit. Sie kämpft für eine atomwaffenfreie Welt. Und weiß, dass es in einer Zeit mit Politikern wie Nord-Koreas Kim Jong-Un oder US-Präsident Donald Trump illusorisch ist, Regierungen ändern zu wollen, aber sie bleibt zuversichtlich: „Wir sind eine Erdengemeinschaft, eine Weltfamilie und meine Hoffnung ist, dass die Menschen zusammenarbeiten.“

Von US-Präsident Barack Obama zitiert

Zum Schluss liest Koko ein Zitat von US-Präsident Barack Obama vor, das aus seiner Rede stammt, die er 2016 bei seinem Besuch in Hiroshima hielt. „Wir hören diese Geschichten der Hibakusha (Überlebenden von Hiroshima) – wie die von der Frau, die dem US-Piloten vergab, der die Bombe fallen ließ, weil sie verstand, dass das. was sie wirklich hasste, der Krieg selbst war.“

Koko lächelt. Denn auch, wenn da nicht explizit ihr Name steht, weiß sie, wer gemeint ist.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 4. August 2020, 13:26 Uhr


Welch bewegende Schilderung und wie gut ich diese Frau begreife. Das erlebte am Ende des Krieges, vermag ich bis heute nicht zu schildern. Meinen Glauben an Gott fand ich erst mit über 70 Jahren wieder, in dem ich wie Koko begriff, dass mein Kinderglaube falsch ausgerichtet gewesen war.
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ellybe, 15. August 2020, 12:49 Uhr


Gott sei Dank:
Auch "Monster" können zur Vernunft kommen, sich über sich selbst und die eigenen Taten erschrecken und sie zutiefst bereuen. Wo das geschieht, wird der Weg frei zur Versöhnung.
Trotzdem bleibt es dabei:
Es gibt keinen Krieg ohne die, die ihn wollen, und die, die (die) Kriegs/Greueltaten begehen. Was bzw. wem "hilft es" angesichts dieser Tatsache, "nur" den Krieg/nur die "Sache" Krieg zu hassen, solange Menschen bereit sind, ihn zu "machen"?! Was ist daran verwerflich, diesen mit dem stärksten moralischen "Gegenwind" entgegen zu treten?

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