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Nicht immer, aber immer öfter, vor allem in Corona-Zeiten: Auf dem Pedelec die nähere und weitere Umgebung erkunden. Dass man inzwischen auch wieder einkehren kann, findet Annemarie Heibrock dabei zusätzlich erfreulich. Nicht nur für sie als Ausflüglerin, sondern auch für die Gastronomen, die ja schwere Zeiten hinter sich haben. Foto: Besim Mazhiqi

Das Auto bleibt stehen

Sommerserie (V)

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2020

Annemarie Heibrock | 5. August 2020

Das peinliche Gefühl ist überwunden. Unsere Autorin steht mittlerweile zu ihrem Fahrrad mit Motorunterstützung. Und freut sich, dass sie das Gefährt schon vor einem Jahr gekauft hat.

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Nicht immer, aber immer öfter, vor allem in Corona-Zeiten: Auf dem Pedelec die nähere und weitere Umgebung erkunden. Dass man inzwischen auch wieder einkehren kann, findet Annemarie Heibrock dabei zusätzlich erfreulich. Nicht nur für sie als Ausflüglerin, sondern auch für die Gastronomen, die ja schwere Zeiten hinter sich haben. Foto: Besim Mazhiqi

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Die UK-Sommerserie dreht sich diesmal nicht um Ausflugsziele, sondern um Beschäftigungen. Um das, was man gut im Urlaub machen kann – und sonst auch. Es sind Aktivitäten, die Mitglieder des UK-Teams in der Corona-Krise (wieder-)entdeckt haben.

Ein bisschen peinlich war mir die Sache in der Planungsphase schon. Ich und ein Pedelec? Schließlich hatte ich – mindestens zeitweise – auch einen gewissen sportlichen Anspruch ans Radfahren. Außerdem waren mir die (Vor-)Urteile gegenüber Seniorinnen und Senioren auf solchen Fortbewegungsmitteln zur Genüge bekannt.

Auch ich selbst hatte in der Vergangenheit schon einige Begegnungen der unangenehmen Art: Man fährt so locker vor sich hin und plötzlich kommt von hinten eine lustige Truppe von Rentnerinnen und Rentnern und rast an einem vorbei, dass man vor Schreck fast von seinem Drahtesel fällt. Vor allem in den bei Radfahrern beliebten Urlaubsgebieten an Nord- und Ostsee ist man teilweise seines Lebens nicht mehr sicher…

Andererseits: In Bielefeld, wo ich wohne, gibt es auch ein paar Hügelchen, so dass ich mich in jüngerer Vergangenheit zunehmend oft dabei ertappen musste, anstatt zum Fahrradschlüssel zum Autoschlüssel zu greifen. Man mag es nun Bequemlichkeit nennen oder Faulheit oder einfach nur eine normale Alterserscheinung: Jedenfalls blieb das Fahrrad zuletzt immer häufiger – zu häufig für meine Begriffe – in der Garage stehen.

Im vergangenen Jahr fiel dann die Entscheidung: Mögen die Leute denken, was sie wollen, ich werde 60 und da muss – da darf! – auch ein Pedelec her. Also ein Fahrrad, bei dem man noch selber treten muss, sich aber mehr oder weniger starker elektrischer Unterstützung bedienen kann. Was sich nicht nur bei der Fahrt in „richtigen Bergen“ oder bei Gegenwind als hilfreich erweist, sondern auch bei den Bielefelder Hügelchen.

In Corona-Zeiten: Ansturm auf Radläden

Tröstlich dabei war, dass mir im Freundeskreis schon einige mit diesem Schritt vorangegangen waren. Und dass sich sogar mein sportlich ehrgeiziger Mann meiner Entscheidung angeschlossen hat. Er hatte einfach Panik, dass ich ihm davonrase. Was – am Rande gesagt – nicht wirklich meine Art ist. Ebenso defensiv wie ich Auto fahre, fahre ich nämlich auch Rad. Und zwar trotz Pedelec.

Aber wie dem auch sei: Der Schritt war gut. Ganz besonders jedoch der Zeitpunkt. Wenn ich an die Schlangen denke, die sich in diesem Corona-Jahr vor den Fahrradläden in meiner Umgebung gebildet haben und teilweise noch bilden, weiß ich: Ohne zu ahnen, was auf uns in 2020 zukommen sollte, habe ich 2019 die richtige Entscheidung getroffen.

Denn bis auf ein paar Tage Spreewald (übrigens eine herrliche Region nicht nur für Wasserfreunde, sondern auch für Radlerinnen und Radler!) ist auch bei uns ein Urlaub ausgefallen. Und was tut man, wenn zuhause kein Kino, kein Theater und – wie in der Anfangszeit – kein Restaurant geöffnet hat: Man setzt sich, sofern das Wetter es zulässt (eine Schönwetterfahrerin bin ich weiterhin) auf sein Rad und erkundet die Umgebung. Die Senne zum Beispiel, zwischen Bielefeld und Paderborn. Oder den benachbarten Kreis Gütersloh: Isselhorst, Verl, Steinhagen, Halle… Hier kann man fahren und fahren und immer noch Neues entdecken.

Dabei traut man sich mit dem Pedelec schon mal Entfernungen zu, die man sonst nicht gewagt hätte. Und was den Spaß an den Ausflügen erhöht: Dass man wieder einkehren kann. Biergärten, Restaurants oder Eisdielen sind nach den erzwungenen Schließungen dankbar für jeden Gast. Und wir für die Erfrischung!

Was bei diesem „Lob des Pedelecs“ wohl noch zu ergänzen wäre: Dass es sich für mich nicht nur bei Ausflügen, sondern auch im Alltag bewährt, etwa für Besorgungen in der Bielefelder City. Vor vielen Jahren nannte man meine Stadt einmal die „freundliche Baustelle am Teutoburger Wald“. Diesen Ehrentitel könnte man ihr auch in diesem Jahr verleihen. Nee, da will man wirklich nicht mit dem Auto fahren. Und mit der Straßenbahn (sie hält zwar sechs Minuten von meiner Haustür entfernt) auch nicht. Oder nur im Notfall. Bei Regenwetter zum Beispiel.

Bewegung an der frischen Luft

Aber mit „Mund-Nasen-Schutz“ kommt dabei auch nicht wirklich Freude auf. (Nicht dass wir uns missverstehen: Ich finde ihn notwendig und sinnvoll, aber wo ich persönlich ihn vermeiden kann, tue ich es.)

Also nehme ich das Rad. Die Bewegung an der frischen Luft ist doch zweifellos gesünder als die maskierte Fahrt in der miefigen Straßenbahn. Trotz elektrischer Unterstützung.

Entschleunigung bitte!

Ein gut gemeinter Rat am Rande – für alle erfahrenen und nicht so erfahrenen Pedelec-Nutzer: Lasst euch nicht verführen! Die Geschwindigkeit, die man mit diesem Gefährt erreichen kann, ist hoch, zu hoch, um noch überall risikolos zu sein. Der  durch das Tempo und das höhere Gewicht verlängerte Bremsweg birgt  viel mehr Gefahren als bei einem normalen Fahrrad. Die gestiegenen Zahlen von Unfällen, an denen Pedelecfahrer beteiligt sind, sprechen eine deutliche Sprache. Darum sollte man, wie es auch für Autofahrer so schön heißt, „seine Geschwindigkeit der Verkehrssituation anpassen“. Ich würde dazu auf neudeutsch sagen: „Entschleunigung“.

Und noch eine persönliche Anmerkung zum Fahrradhelm: Er zählte lange zu den von mir am wenigsten geschätzten Gegenständen bei uns  zuhause – weil es doch sooo schön ist, sich beim Radfahren den Wind durch die Haare wehen zu lassen. Aber langsam bin auch ich vernünftig geworden. Meistens jedenfalls. Der Helm gehört auf den Kopf, auch wenn‘s mal ein bisschen juckt. hei

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