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Grafik: TSEW

Keiner geht verloren

Erinnerung

Aus der Printausgabe - UK 30 / 2020

Anke von Legat | 19. Juli 2020

Das Gedenken an Verstorbene ist ein wichtiger Bestandteil des Menschseins. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es die Frage wachhält: Und was passiert, wenn ich sterbe?

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Eine Internet-Zeitung sammelt Erinnerungen an Menschen, die an Corona gestorben sind und keinen Nachruf bekommen haben (siehe https://unserekirche.de/artikel/2020/28/nachrufe-gegen-das-grosse-vergessen/). Kirchenkreise laden regelmäßig per Zeitungsanzeigen zu Erinnerungsgottesdiensten für „unbedacht Verstorbene“, die ohne Angehörige anonym bestattet werden. In einigen Städten gibt es kirchliche Initiativen, die dafür sorgen, dass an solche Menschen mit Namen und Lebensdaten erinnert wird.

Das Gedenken an Verstorbene ist ein wichtiger Teil unserer Kultur, ja, des Menschseins überhaupt; wo es fehlt, fühlen wir uns unbehaglich. Aber warum ist das so? Für die Toten, so sollte man meinen, spielen Anzeigen, Andachten oder Grabsteine keine Rolle mehr. Warum also empfinden wir es als verletzend, wenn Tote ohne eigenes Grab und Gedenken begraben werden? Warum werden sogar Massengräber in ehemaligen Kriegsgebieten geöffnet, um den namenlosen Toten ihre Identität wiederzugeben? Wozu ein solcher Aufwand?

Da ist zum einen der psychologische Aspekt: Manchmal erfahren Angehörige oder Freunde erst im Nachhinein vom Tod der „unbedacht Verstorbenen“. Dann ist es wichtig, einen Ort zu haben, an dem man die Toten betrauern kann. Zu wissen: Hier liegt der Mensch begraben, der mir etwas bedeutet hat; Blumen niederlegen, Kerzen anzünden, beten – all das sind hilfreiche Rituale, die den Verlust greifbarer machen.

Dem Erinnern kommt außerdem eine soziale Funktion zu: Auch Verstorbene haben noch Einfluss. Ohne sie wären Hinterbliebene nicht zu denen geworden, die sie jetzt sind. Ihr Platz im sozialen Gefüge – in der Familie, im Freundeskreis, in der Gemeinde – wird von anderen eingenommen, die ihn ähnlich oder auch ganz anders ausfüllen. Die Feiern anlässlich von Bestattungen erfüllten unter anderem die Funktion, dieses soziale Gefüge neu zu ordnen.

Aber beim Bestatten und Gedenken geht es nicht nur um die Hinterbliebenen. Der jüdische und der christliche Glaube sieht den Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes, mit einem besonderen Wert und einer besonderen Würde versehen. Diese Ebenbildlichkeit geht mit dem Tod nicht verloren; vielmehr werden die Toten auferweckt und sind dann aufgehoben in Gottes Ewigkeit. Diese Vorstellung gibt es in beiden Religionen.

Darum gebieten beide Religionen einen würdevollen Umgang mit Verstorbenen als religiöse Pflicht. Schon im Alten Testament ist davon die Rede, dass ein ehrenhaftes Begräbnis allen Toten zusteht, besonders aber den Armen und Schwachen, den Opfern von Krankheit und Krieg. Wer dagegen einem Toten die Bestattung und das ehrenvolle Gedenken verweigert, versündigt sich an Gott selbst, der den Menschen zu seinem Bild geschaffen hat.

Und über allem Gedenken, aller Anteilnahme, allen religiösen Geboten und Liebesdiensten steht die Hoffnung des Glaubens: Wir werden auferstehen. Oder, um mit Paulus zu sprechen: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Alles wird gut.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 21. Juli 2020, 5:20 Uhr


Das zum Text gewählte Bild beeindruckt mich.
Der Schuss des Artikels:
Wir werden auferstehen. Oder, um mit Paulus zu sprechen: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Alles wird gut.
- eben so.
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Ulrich Keßler, 21. Juli 2020, 15:04 Uhr


Vor über 20 Jahren habe ich einmal ein altes "Glaubenslied" mit einfachen Worten um- bzw. neu geschrieben und ihm genau diese Überschrift gegeben: "Keiner geht verloren". Wenn ich mich recht erinnere, war der Anlass dazu eine Allianzgebetswoche. Die biblischen Grundlagen waren die beiden Gleichnisse vom verlorenen Schaf und verloren Sohn. Vielleicht gefällt es dem/der einen oder anderen Mitleser/in von UK. Es ist, denke ich, relativ leicht zu singen nach der Melodie von Karl August Goos:

Keiner geht verloren, der auf Gott vertraut,
weil er voller Güte auf uns Menschen schaut:
Er will uns bewahren, er macht alles gut.
Er gibt den Verzagten wieder Kraft und Mut!

Keiner hofft vergebens, der sich zu ihm kehrt.
Gott kommt ihm entgegen, wie sein Sohn uns lehrt:
Er sieht schon von ferne unser großes Leid
und hält sein Erbarmen stets für uns bereit!

Wenn auch ich versage und mich selbst verlier,
such ich meinen Frieden darum, Herr, bei dir:
Du gibst mir das Leben noch einmal zurück
und in deinem Hause finde ich mein Glück!

Ihr auch hier zusammen, die ihr mit mir lebt:
Seht auf eure Wege und wonach ihr strebt,
woran euer Herz hängt und voll Sehnsucht schaut:
Keiner geht verloren, der auf Gott vertraut!

(Text und Copyright: Ulrich Keßler
Melodie: Keiner ward zuschanden)
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Erika Moers, 21. Juli 2020, 19:52 Uhr


Danke für diese Verse, lieber Herr Keßler.
Wie nahe heran führen sie uns an diese eigentliche Mitte, die unser aller Anfang und alles Ende bedeutet - dahin, wo alles gut wird.
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