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Die Villa Schlikke in Osnabrück soll zum Hans-Callmeyer-Haus werden. (Foto: epd)

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Judenretter und Judenverfolger in einer Person

Nationalsozialismus

Martina Schwager (epd) | 11. Juli 2020

Der Osnabrücker Hans Calmeyer rettete Juden, schickte aber auch einige in den sicheren Tod. Wie die Stadt mit dem Erbe umgehen soll, ist umstritten. Erste Konzepte sind fertig. Doch die Zahl derer steigt, die vor Heldenverehrung warnen.

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Die Villa Schlikke in Osnabrück soll zum Hans-Callmeyer-Haus werden. (Foto: epd)

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Osnabrück (epd). Darf eine Stadt dem Abteilungsleiter einer NS-Behörde, der Tausende Juden vor den Gaskammern bewahrt, zugleich jedoch Hunderte in den Tod geschickt hat, ein Museum widmen? Der Streit, der in Osnabrück um das geplante Hans-Calmeyer-Haus entbrannt ist, zieht immer weitere Kreise. Zuletzt hatten sich nahezu 250 internationale Wissenschaftler gegen eine Benennung des Hauses nach dem Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer (1903-1972) gewandt. Am Montag wollen die Stadt, der von ihr hinzugezogene wissenschaftliche Beirat und eine Agentur für Erinnerungskultur erste Eckpunkte für das Projekt vorstellen.

   Ende 2017 hatte der Rat der Stadt beschlossen, die 1901 gebaute Villa Schlikker, einst als NSDAP-Zentrale genutzt, in Hans-Calmeyer-Haus umzubenennen. Eine Ausstellung solle an den als «Judenretter» und «Oskar Schindler von Osnabrück» bekanntgewordenen Rechtsanwalt erinnern. Calmeyer hat als leitender Mitarbeiter der deutschen Besatzungsbehörde in Den Haag ab 1941 nachweislich mehr als 2.500 niederländische Juden vor dem Tod bewahrt. Der Jurist akzeptierte offensichtlich gefälschte Abstammungsnachweise, die sie zu Halb-, Vierteljuden oder Ariern machten.

   Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zeichnete Calmeyer 1992 posthum mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern» aus. Doch Calmeyer ließ nicht alle Nachweise gelten. Etwa 1.200 Juden aus den Niederlanden schickte er in Konzentrations- und Vernichtungslager.

   Die Stimmen, die vor einer geschichtsvergessenen Heldenverehrung warnen, werden lauter. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangten 250 internationale Wissenschaftler, Künstler und Nachkommen von Opfern, die Bundesregierung solle die bereits zugesagten Fördergelder von 1,7 Millionen Euro zurückziehen, falls die Villa zum Calmeyer-Haus umbenannt werde.

   «Die Frage, ob Calmeyer vor allem Judenretter oder Judenverfolger war, lässt sich nicht eindeutig klären», schrieben sie. Allein durch seine Arbeit als Beurteiler der Anträge habe Calmeyer zur Deportation von Niederländern jüdischer Herkunft beigetragen. Der Einwand, er habe auch offensichtlich gefälschte «Ariererklärungen» bewilligt, ändere nichts an dieser Tatsache. «Calmeyer befolgte im einen wie im anderen Fall die offiziellen Richtlinien, so dass sich von Widerstand oder gar Sabotage nur schwerlich sprechen lässt.» Yad Vashem überprüfe derzeit die 1992 vergebene Auszeichnung.

   Der Leipziger Historiker Alfons Kenkmann warnt zudem davor, in der Geschichte der Judenrettung in den Niederlanden nur Calmeyer zu sehen. «Vor allem Anwälte, Archivare und Mitglieder der jüdischen Gemeinden vor Ort haben die Arier-Nachweise gefälscht», sagte der Beiratsvorsitzende dem Evangelischen Pressedienst (epd). Seiner Ansicht nach sollte die Geschichte der Judenrettung in den Niederlanden in der Villa Schlikker umfassend dargestellt werden.

   Die Calmeyer-Initiative, die ebenfalls im Beirat vertreten ist, fordert dagegen seit Jahren ein Calmeyer-Haus. Es wäre ein «Schmuckstück» für die Stadt, in dem «sein Rettungswerk wie auch seine Tragik angemessen dargestellt werden», meint Joachim Castan, der drei Ausstellungen zu Calmeyer realisiert hat. Calmeyer zähle «zweifellos zu den erfolgreichsten Saboteuren des NS-Rassenwahns».

   Die Stadt hat wiederholt deutlich gemacht, dass es ihr nicht um Heldenverehrung geht. Das Projekt biete aber die Möglichkeit, anhand der Person Calmeyers die komplexen historischen Zusammenhänge darzustellen, sagte Sprecher Sven Jürgensen.

   Zudem scheint es nicht mehr ausgemacht, dass die Villa Schlikker in Hans-Calmeyer-Haus umbenannt wird. Trotz des Ratsbeschlusses solle eine Empfehlung des Beirates zur Namensgebung abgewartet werden, sagte jüngst der Erste Stadtrat Wolfgang Beckermann.

   Calmeyer selbst fühlte sich offenbar keinesfalls als Held. Der niederländische Holocaust-Experte Ben Sijes hatte nach einem Interview mit ihm 1967 geschrieben: «Herr Calmeyer wird von Schuldgefühlen geplagt. Daran ist nicht zu zweifeln. Nach dreieinhalb Stunden sagte er: Jede Nacht bin ich verzweifelt. Ich bin mir vorgekommen wie ein Mörder.»

Informationen:

Internet:
www.calmeyer.de

Ort:
Villa Schlikker im Museumsquartier, Lotter Straße 2, 49078 Osnabrück

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